Ego Ella May – „Good Intentions“: Ein Seelenstrip zwischen Diaspora und Gebet

Die im Londoner Stadtteil Croydon geborene Ego Ella May hat sich Zeit gelassen. Sechs Jahre nach ihrem gefeierten Debüt „Honey for Wounds„, das ihr unter anderem einen MOBO Award einbrachte, kehrt die Singer-Songwriterin mit nigerianischen Wurzeln zurück. Ihr zweites Studioalbum „Good Intentions“ ist ein tiefschürfendes Werk geworden. Es verwandelt persönlichen Schmerz, politische Wut und die Suche nach spirituellem Halt in ihren bisher schärfsten Sound.
Ego Ella May x Good Intentions – Die Suche nach der eigenen Sprache
Im Zentrum des Albums steht der Song „Potluck Baby“, der wie eine offene Wunde wirkt. May thematisiert darin die Sprachlosigkeit gegenüber ihrer eigenen Herkunft. In einer Schlüsselszene hört sie ihre Mutter am Telefon Igbo sprechen, doch sie selbst versteht die Worte nicht. Die Wut darüber, dass die Elterngeneration im Zuge der Assimilation in Großbritannien die Muttersprache nicht weitergab, ist greifbar.
Das Gefühl, weder ganz in England noch ganz in Nigeria zu Hause zu sein, prägte bereits ihr Frühwerk. Doch auf „Good Intentions“ wird Ego Ella May spezifischer. Sie beschreibt die physische Erinnerung an die Wärme Nigerias als krassen Gegensatz zum „Red, White & Blue“ ihrer britischen Heimat. Es ist ein ehrlicher Blick auf die Kosten der Migration, der weit über oberflächliche Klischees hinausgeht.
Politische Schärfe und spirituelle Vielfalt
Musikalisch zeigt sich May unter der Produktion von Melo-Zed von einer mutigen Seite. In „We’re Not Free“ nimmt sie die aktuelle britische Regierung direkt ins Visier. Sie hinterfragt, ob politische Entscheidungen aus Moral oder bloßem finanziellem Kalkül getroffen werden. Dabei verknüpft sie das Weltgeschehen mit ihrem Privatleben.
Das Album nutzt ein beeindruckendes spirituelles Vokabular. Von christlichen Schriften über buddhistische Metta-Gesänge bis hin zu Tarot-Legungen bedient sich May verschiedenster Quellen. In „Tarot“ etwa singt sie humorvoll über eine Kartenlegerin, die behauptet, ihr Partner sei nicht der Richtige. Diese unterschiedlichen Traditionen stehen nicht im Widerspruch zueinander. Sie dienen May als Werkzeuge, um mit der Unsicherheit des Lebens umzugehen.
Ego Ella May x Good Intentions – Liebe zwischen Angst und Hingabe
Die Liebe auf diesem Album ist niemals ein statischer Zustand. In dem von Alfa Mist produzierten „Don’t Take My Lover Away“ verarbeitet sie die Angst um ihren Ehemann während eines medizinischen Notfalls. Die Texte sind intim und verletzlich. Sie gesteht ihre Abhängigkeit und die irrationale Furcht, das Glück könnte jederzeit wieder verschwinden.
Einen notwendigen Gegenpol zu dieser emotionalen Schwere bieten Stücke wie „Footwork“. Hier bricht May aus ihrer nach innen gekehrten Rolle aus. Zu Detroit-House-Beats verliert sie sich nachts auf der Tanzfläche. Es ist ein seltener Moment der Ausgelassenheit, der zeigt, dass auch eine so reflektierte Künstlerin den Kopf ausschalten muss.
Fazit // Good Intentions
„Good Intentions“ ist das seltene Beispiel eines zweiten Albums, das sein Debüt durch Präzision übertrifft. Nichts wirkt gehetzt. Besonders der Song „Sister“, der häusliche Gewalt und Generationenkonflikte thematisiert, zeigt Mays Reife als Texerin. Sie urteilt nicht, aber sie verschließt auch nicht die Augen vor der Realität. Ego Ella May (Youtube) hat sich die Freiheit genommen, genau hinzusehen, und daraus ein musikalisches Juwel geformt.


