Steve Lacy überrascht auf „Oh Yeah?“ mit gewagter Ehrlichkeit

Vier Jahre nach seinem großen Durchbruch zieht sich Steve Lacy keineswegs zurück. Er geht stattdessen volles Risiko ein. Sein neues Album „Oh Yeah?“ entstand größtenteils in der französischen Hauptstadt Paris. Dort traf er mit kühlem Kopf entscheidende Weichenstellungen, er verzichtete mitten in den Aufnahmen konsequent auf Kaffee und Edibles. Dadurch klingen seine neuen Liebeslieder spürbar direkter als je zuvor. Steve Lacy zeigt sich auf „Oh Yeah?“ überraschend verletzlich, intim und extrem ehrlich.
Ehrliche Beichten und starke Gastbeiträge
Früher standen fette Beats bei dem Künstler im Vordergrund, als Schüler aus Compton baute er weltbekannte Hits ausschließlich auf dem iPhone. Doch auf „Oh Yeah?“ rücken seine Texte voll in den Mittelpunkt, im Song „is it cool?“ arbeitet er mit SZA zusammen. Lacy gibt darin offen eigene Fehler in vergangenen Beziehungen zu, er singt über fehlendes Vertrauen, Selbstzweifel und seinen abwesenden Vater. Die Drums bleiben dabei bewusst im Hintergrund, so bekommen die beiden starken Stimmen sehr viel Raum. Dennoch verliert die Musik nie ihren lässigen Groove, klassische Gitarrenakkorde, ein flexibler Bass und trockene Drums tragen die Stücke wie gewohnt. Lacy erweitert dieses bewährte Muster mit großer musikalischer Präzision.
Steve Lacy x Oh Yeah – Gefühle ohne Filter und düstere Momente
Auf dem Track „the feeling“ entfaltet die gesamte Band ihre volle Kraft, der Bass läuft geschmeidig durch die verschiedenen Akkorde. Darüber schwebt ein elegantes Falsett. Lacy schreibt dazu seine bisher verzweifeltsten Zeilen, er blickt wehmütig auf alte Fotos zurück und trinkt dabei viel zu viel Alkohol – so verstrickt er sich bewusst in typischen Songwriter-Fallen.
Im Stück „doom“ wird die grundlegende Stimmung deutlich düsterer und schleppender. Lacy schlüpft in die Rolle eines komplexen Antagonisten, er analysiert seine eigene Generation scharf und ohne jede Schonung. Viele Menschen suchen heute nur noch Bestätigung statt echter Liebe, im zweiten Teil verliert er schließlich komplett die Geduld. Er wünscht sich einfach nur noch absolute Ruhe und Stille.
Prominente Einflüsse und wilde Stilexperimente: Erykah Badu
Erykah Badu inspiriert den jungen Musiker schon seit seiner frühen Jugendzeit. Auf „pure colour“ gleitet sie entspannt durch einen lockeren Soul-Groove. Sie verändert ihre Gesangslinien völlig frei. Lacy antwortet darauf mit sehr persönlichen und intensiven Versen. Er setzt sich direkt mit den Erwartungen seiner Verwandtschaft auseinander. Auf „lovesexdrugbomb“ brings Cecile Believe vielschichtige synthetische Elemente ein, prozessierte Vokalharmonien treffen auf pulsierende Drumcomputer. Lacy ergänzt das Stück mit humorvollen Ideen über eine chaotische Romanze, er verarbeitet emotionale Achterbahnen mit überraschender Leichtigkeit und Witz.
Reflexionen und ein starkes Finale
Die Single „nice shoes“ wächst zu einem vielschichtigen zweiteiligen Werk heran. Ein prägnantes Sample von James Brown sorgt für zusätzliche musikalische Tiefe, Lacy klingt hier gleichzeitig extrem einsam und sehr humorvoll. Er reflektiert sein eigenes Verhalten äußerst kritisch, er bezeichnet sich selbst als isolierten Feigling und verlässt sich nur auf Gitarre und Serotonin. Später zieht er sich sanft in seine persönliche Welt zurück. Zum Abschluss bringt „bebe“ sehr ruhige Töne zum Vorschein, seine Freunde holen ihn sanft ab und er präsentiert emotionale Gelübde.
Auf „show you me“ zeigt Lacy schließlich seinen stärksten Nervenkitzel. Pointierte Snare-Schläge und kurze Gitarrenakzente erzeugen eine besondere Spannung. Er spielt das Spiel der Liebe auf seine ganz eigene Art aus. Steve Lacy (Youtube) überwindet seine Nervosität und macht stolz den entscheidenden Schritt nach vorne, das Album überzeugt durch Mut zur Lücke und tiefgründige Ehrlichkeit.


