Reicher als je zuvor: Macht uns die globale Ungleichheit kaputt?

Reicher als je zuvor

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist heute riesig. Es gibt wenige, die viel besitzen, und viele, die fast nichts haben. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung kontrolliert mehr Vermögen als 95 Prozent der restlichen Menschheit. Zwölf Personen besitzen zusammen so viel wie über vier Milliarden Menschen. Die Superreichen fliegen ins All, kaufen Medienhäuser und beeinflussen Demokratien. Es scheint, als sei die soziale Schere noch nie so groß gewesen wie heute. Doch stimmt das historisch gesehen überhaupt?

Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau prägte im 18. Jahrhundert eine einflussreiche Erzählung. Seiner Ansicht nach lebten die Menschen ursprünglich in lockeren Gruppen ohne Hierarchien. Erst die Landwirtschaft brachte Zivilisation, Wissenschaft, aber eben auch Krieg, Herrschaft und Ungleichheit. Diese schlüssige Geschichte hat jedoch einen Haken: Sie ist in dieser Form ein Mythos.

Die Wurzeln der Hierarchie vor den ersten Staaten

Archäologische Funde zeigen, dass auch frühe Jäger und Sammler nicht völlig egalitär lebten. Statusunterschiede gab es bereits vor der Entstehung von Staaten. In vorstaatlicher Zeit existierte oft der sogenannte konische Clan. An dessen Spitze stand die Person, die den Ahnen am nächsten war. Diese Figur fungierte als Umverteiler, sammelte Güter und verteilte sie innerhalb der Gemeinschaft. Status bedeutete hier jedoch nicht automatisch ökonomische Ungleichheit.

Das änderte sich fundamental mit dem Beginn der Landwirtschaft. Getreide lässt sich im Gegensatz zu früherer Nahrung leicht ansammeln, lagern und vererben. In den frühen sumerischen Stadtstaaten Mesopotamiens wuchs Weizen in großen Mengen, während Ochsen beim Pflügen halfen. Die Adligen nutzten den steigenden Ertrag, häuften Reichtümer an und besetzten die wichtigsten Priester- und Herrscherposten. Ressourcen wurden direkt in politische Macht übersetzt.

Eigentum schafft dauerhafte Abhängigkeiten

Mit den ersten Staaten entwickelte sich die Idee des Privateigentums. Weizenanbauflächen ließen sich einhegen und Erträge wurden planbar. Konnten Menschen aus geografischen Gründen nicht mehr weiterziehen, verschärften sich die Abhängigkeiten. Wer das Land kontrollierte, bestimmte über andere, und die soziale Schere öffnete sich weit.

Doch die Geschichte der Ungleichheit verläuft nicht linear. Die antike Metropole Teotihuacán im heutigen Mexiko beweist, dass es Ausnahmen gab. Vor etwa 1500 Jahren lebten dort bis zu 150.000 Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Archäologen fanden Pyramiden, aber keine königlichen Prunkgräber oder Anzeichen für die Unterdrückung der Massen.

In der Forschung wird Ungleichheit mit dem Gini-Koeffizienten gemessen. Ein Wert von eins bedeutet, dass einer Person alles gehört, während null absolute Gleichheit beschreibt. In Teotihuacán lag dieser Wert Schätzungen zufolge bei extrem niedrigen 0,12. Zum Vergleich: Das als relativ gleich geltende Frankreich wies im Jahr 2025 einen Vermögens-Gini von etwa 0,7 auf. Selbst die ärmsten Bewohner Teotihuacáns ernährten sich vielseitig und die Wohnanlagen der Eliten waren kaum größer als andere Gebäude.

Reicher als je zuvor – Wie Imperien die Ungleichheit systemisch vergrößern

Große Imperien wie das Römische Reich oder die chinesische Han-Dynastie funktionierten völlig anders. Diese Staatsformen erzeugten systemisch extreme Ungleichheit, da sie Ressourcen aus eroberten Regionen in die Machtzentren verschoben. Die Herrscher zogen Abgaben ab, schonten jedoch die heimische Elite.

Über Jahrhunderte dienten Steuern primär dem Machterhalt und der Kriegsführung der Herrschenden. Bis zum 19. Jahrhundert stieg die Pro-Kopf-Besteuerung in Europa stetig an. Da diese Besteuerung regressiv war, zahlten Menschen mit geringerem Einkommen einen proportional höheren Anteil. Wer ohnehin viel hatte, profitierte und gab den Reichtum an die nächste Generation weiter.

Besonders deutlich zeigt sich das Verschmelzen von Macht und Vermögen am Beispiel der Familie Medici im 15. Jahrhundert. Ihr Reichtum durch Textilhandel und Banken wuchs Hand in Hand mit politischer Macht, bis sie de facto Florenz beherrschten. Wenn Superreiche die staatlichen Institutionen kontrollieren, schwindet die soziale Mobilität. Zu große Ungleichheit macht Gesellschaften instabil. Im Aztekenreich führte die enorme soziale Kluft zu Rebellionen, sodass Teile der Bevölkerung den spanischen Eroberern halfen, das Imperium zu stürzen.

Kolonialismus und die Spaltung der Welt

Erst die Industrialisierung und die weltweite Durchsetzung des Privateigentums verschärften die Ungleichheit massiv. Europa beutete den Rest der Welt aus, um sich selbst zu bereichern. Bis ins 17. Jahrhundert hinein war die Ungleichheit zwischen den Ländern gering; China und die Niederlande bewegten sich auf ähnlichem Einkommensniveau. Kolonialismus und Sklavenhandel verschafften Europa dann entscheidende Startvorteile.

Die britische Industrialisierung basierte maßgeblich auf Rohstoffen wie billiger Baumwolle, die durch Sklavenarbeit in Amerika gewonnen wurde. Das europäische Finanzsystem lenkte systematisch Geld aus den Kolonien ab. Haiti musste nach seiner Unabhängigkeit die ehemaligen französischen Sklavenhalter entschädigen – mit einer Summe, die das Nationaleinkommen um das Dreihundertfache überstieg. Das Land musste dafür Kredite bei französischen Banken aufnehmen, die massiv daran verdienten. Zwischen 1820 und 1910 verdoppelt sich die globale Einkommensungleichheit.

Katastrophen und die Macht der Politik

Die historische Forschung zeigt, dass extreme Ungleichheit in der Vergangenheit meist nur durch schreckliche Katastrophen sank. Im 14. Jahrhundert raffte die Pest große Teile der europäischen Bevölkerung dahin. Arbeitskräfte wurden knapp, die Löhne stiegen, und die Überlebenden konnten billigen Landbesitz erwerben. Auch die Zerstörungen der beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert ließen große Vermögen schrumpfen.

Noch entscheidender als die reine Zerstörung war im 20. Jahrhundert jedoch eine bewusste progressive Steuerpolitik. Mitte des letzten Jahrhunderts wurden Spitzeneinkommen in den USA und Großbritannien mit bis zu 95 Prozent besteuert. Die Vermögenden akzeptierten dies auch aus Angst vor einer kommunistischen Revolution nach dem Vorbild der Sowjetunion oder Chinas. Im Westen wurden Unternehmen reguliert und Arbeiter erkämpften höhere Löhne. Die Steuereinnahmen flossen in Infrastruktur, Gesundheit und Bildung, was die Schere aktiv verkleinerte.

Neoliberalismus und das Entstehen der Elefantenkurve

In den 1970er Jahren stagnierte das Wirtschaftswachstum. Mit dem Neoliberalismus folgte die politische Kehrtwende: Weniger Steuern für Unternehmen und Vermögende sollten die Wirtschaft ankurbeln. Der versprochene Wohlstand kam jedoch nicht bei allen an. Während die Ausschüttungen für Konzerne und Familienunternehmen stiegen, koppelten sich die Reallöhne vom Produktivitätswachstum ab.

Global betrachtet zeichnet sich ein differenziertes Bild ab, das der Ökonom Branko Milanovi? in der berühmten „Elefantenkurve“ beschrieb. Zwischen 1988 und 2008 schrumpfte die Ungleichheit zwischen den Staaten, da die Mittelschichten in Ländern wie Indien und China stark wuchsen. Innerhalb der reichen Industriestaaten stagnierten die Einkommen der Arbeiterschaft hingegen, während die obersten zehn Prozent massive Zuwächse verzeichneten. Aktualisiert man die Daten bis heute, schießt die Kurve an der Spitze wie ein Fabelwesen nach oben.

Reicher als je zuvor / Ungleichheit ist kein Naturgesetz

Der Grund für die extreme Ballung ist einfach: Angelegtes Kapital wächst schneller als Einkommen aus Arbeit. Wer eine Million Euro für 20 Jahre anlegt, vervierfacht die Summe durch Zinsen und Zinseszinsen ohne eigenes Zutun. Wer nichts erbt, kann diesen Vorsprung durch Arbeit niemals einholen. In Deutschland leben heute mehr Milliardäre als in jedem anderen Land Europas. Würde man das durchschnittliche Vermögen von 99 Prozent der Deutschen auf einer Skala von 30 Zentimetern darstellen, läge die reichste Familie des Landes mindestens zehn bis zwanzig Kilometer darüber.

Heute wird Kapital problemlos global verschoben, um Steuern zu vermeiden. Die reichsten zehn Prozent besitzen über 70 Prozent des weltweiten Vermögens, der ärmeren Hälfte gehören lediglich zwei Prozent. Diese Konzentration gefährdet Demokratien, da Superreiche Gesetze zu ihren Gunsten beeinflussen können. Zudem befeuern sie durch Investitionen in klimaschädliche Industrien die Klimakrise, deren Folgen vor allem den armen globalen Süden treffen. Ungleichheit ist jedoch kein Naturgesetz. Das vergangene Jahrhundert hat gezeigt, dass die Verteilung von Wohlstand politisch gestaltbar ist.

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