Zo! & Tall Black Guy – „Expansions“: Wenn Optimismus zur harten Arbeit wird

Zo Tall Black Guy Expansions

Es gibt ein spezielles Risiko bei Musik, die sich explizit an Erwachsene richtet („Grown-People Music“). In dem Moment, in dem sie ihre eigene Reife proklamiert, läuft sie Gefahr, bieder zu wirken. Ein Album, das Optimismus zentriert – jenen Optimismus, der zwischen Wecker-Klingeln, unbeantworteten Nachrichten und Alltagsstress koexistieren muss –, muss beweisen, dass diese Zuversicht nicht auf Faulheit basiert. Dass Zärtlichkeit nicht bloß in Höflichkeit erstarrt ist. Hier kommt das neue Projekt von Zo! & Tall Black Guy, es heisst „Expansions“ und wir hören rein.

„Expansions“, die zweite Kollaboration zwischen dem Multi-Instrumentalisten Zo! (The Foreign Exchange) und dem Detroiter Beat-Großmeister Tall Black Guy, meistert diesen Spagat bravourös. Wo ihr Debüt „Abstractions“ (2021) noch die Vokabeln sortierte, weitet „Expansions“ nun das Sichtfeld, ohne den Fokus zu verlieren.

Zo! & Tall Black Guy x Expansions – Die Anatomie der Überzeugung

Schon der Opener setzt die Leitplanken: J. Ivy fordert uns in einem Spoken-Word-Intro auf, die Seele zu dehnen. „Stretch your soul.“ Wachstum bedeutet hier, alten Code zu überschreiben und Makel als Beweis dafür zu akzeptieren, dass man noch in Bewegung ist.

Richtig „bissig“ wird es das erste Mal bei „Keep Him Satisfied“. Sy Smith singt hier nicht über eine naive Romanze, sondern über eine Partnerschaft mit territorialem Anspruch. Wenn sie Zeilen singt wie „I’m not conceited, I’m convinced / And I will say that shit with my whole chest“, dann schwingt da eine wunderbare Arroganz mit. Es ist die Art von Selbstbewusstsein, die Freude daran hat, von Rivalinnen beobachtet zu werden. Dieser leicht kompetitive Unterton verleiht dem Song eine menschliche Tiefe, die über herkömmliche Liebeshymnen weit hinausgeht.

Zwischen Unsicherheit und antrainiertem Frieden

Am anderen Ende des Spektrums steht „Catastrophe“ mit BeMyFiasco. Hier regiert nicht die Kontrolle, sondern die nackte Unsicherheit. Während sie ihre eigene Attraktivität performt, narratiert sie gleichzeitig deren emotionalen Preis. „Behind these eyes, I got uncertainty“. Der Song rettet sie nicht aus dieser Zerbrechlichkeit, er lässt sie einfach im Raum stehen – eine Ehrlichkeit, die man im modernen R&B oft vermisst.

Einen der stärksten Momente liefert überraschenderweise der Detroiter Veteran Phat Kat auf „I’m Good“. Während Raquel Rodriguez die Ankunft im Glück feiert, erklärt Phat Kat den Weg dorthin als tägliches Training: „Peace ain’t a place, it’s the way that I breathe“. Zufriedenheit ist hier kein Ziel, sondern eine Muskelgedächtnis-Übung. Er liefert den Vers, an den man sich klammert, wenn man morgens das Haus verlässt.

Medizin für die Seele

Das Album ist gespickt mit Lektionen über Zurückhaltung. Brittney Carter und Lyric Jones nutzen in „Quiet“ die Stille nicht als Desinteresse, sondern als strategische Verteidigung des eigenen Seelenfriedens. Ein Voice-Interlude bringt es auf den Punkt: Die einzige Art zu wachsen besteht darin, Situationen so zu akzeptieren, wie sie sind, und sie in „Medizin“ zu verwandeln.

Musikalisch halten die Instrumentals wie „Hart Plaza“ alles zusammen. Sie bringen diese typische Detroit-Wärme mit, die keine Erklärung braucht und verhindern, dass das Album unter seiner eigenen Ernsthaftigkeit zusammenbricht.

Fazit | tl;dr

Sicherlich hätte man das Album um ein oder zwei Tracks straffen können, um die Dichte zu erhöhen. Doch die schärfsten Momente auf „Expansions“ sprechen mit einer beeindruckenden Präzision darüber, wie Erwachsene Liebe, Zweifel und Ambitionen managen, wenn niemand zusieht. Zo! und Tall Black Guy haben ein Haus gebaut, das groß genug ist für all diese Gefühle. Ein Album wie ein tiefes Durchatmen.

Zo! & Tall Black Guy – „Expansions“ // Spotify:

Zo! & Tall Black Guy – „Expansions“ // Bandcamp:

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