Brian Jackson – „Now More Than Ever“ // Das Erbe von Gil Scott-Heron

Die Geschichte der modernen Musik wäre ohne Brian Jackson eine gänzlich andere. Als kongenialer Partner von Gil Scott-Heron formte er in den Siebzigern den Sound des Protests. Mit dem neuen Album „Now More Than Ever“ schlägt Brian Jackson nun eine Brücke über fünf Jahrzehnte. Er übergibt seine zeitlosen Kompositionen an eine neue Generation von Künstlern. Dabei bettet er die gewichtigen Themen in die treibenden Grooves von Masters at Work ein. Es entsteht eine faszinierende Symbiose aus politischer Wachsamkeit und der ekstatischen Energie des Dancefloors.
Brian Jackson x Now More Than Ever – Urbane Ängste und tanzbare Grooves
Der Einstieg in das Album wagt ein riskantes Experiment. Schwere Themen wie Beinahe-Katastrophen scheinen auf den ersten Blick nicht in einen Club-Kontext zu passen, doch Moodymann beweist das Gegenteil. In „We Almost Lost Detroit“ erinnert der Song an den Fermi-1-Reaktor, der kurz vor der Kernschmelze stand. Während die Stadt schlief, tickte die Uhr zur Vernichtung, Moodymann unterlegt diesen Horror mit einem schweren, schwingenden Loop. Das rauchige E-Piano fängt die düstere Stimmung perfekt ein. Mitten im Groove stellt sich die alles entscheidende Frage nach dem kollektiven Wahnsinn, es ist eine der härtesten Zeilen des Albums, getragen von einem Rhythmus für die Hüften.
Zeitlose Stimmen und neue Perspektiven
Omar findet in „The Bottle“ einen parallelen Nerv. Er gibt dem verängstigten Jungen eine Stimme, dessen Vater den Ehering versetzt hat. Gleichzeitig verkörpert er die trinkende Ehefrau, die einsam zurückblieb. Brian Jackson baute diese Melodie vor einem halben Jahrhundert. Nun gehört sie Künstlern, die bei der Entstehung noch gar nicht geboren waren. Lisa Fischer glänzt in „Home Is Where the Hatred Is“. Ihre Stimme bleibt ruhig und kontrolliert, während sie von Einsamkeit und Sucht singt. Wo andere um Mitleid betteln würden, liefert sie eine nüchterne Bestandsaufnahme. Rahsaan Patterson schlägt bei „Lady Day & John Coltrane“ eine andere Richtung ein, er beschwört die Musiklegenden, um die Sorgen fortzuspülen.
Die Fortführung einer Legende
In „Beautiful Dame“ erzählt Raquel Ra Brown eine sehr persönliche Geschichte. Sie begleitet einen Mann mit Saxophon durch die Straßen von Philadelphia. Unter ihrer Erzählung liegt klassischer Garage House mit jazzigen Klavierläufen, sie benennt die Musik selbst als die Frau aus dem Titel. Der Song zitiert Billie Holiday und endet in der Stille. In diesem Moment übernimmt das Erbe einer einzelnen Person den Raum, das Saxophon wird zur lebendigen Erinnerung an die Familie und den Klang des Lebens. Die Beständigkeit des Sounds zieht sich durch das gesamte Werk. Deep House trägt „Peace Go With You, Brother“, während Afro-House „The Bottle“ antreibt. Jacksons Flöte verbindet dabei stets die Kompositionen von 1981 mit dem Club von 2026.
Die Revolution im digitalen Zeitalter
Ein besonderes Highlight ist die Neugestaltung von „The Revolution Will Not Be Televised“, Black Thought baut den Klassiker für das Zeitalter der Feeds um. Es gibt kein Blockieren, Entfolgen oder Stummschalten mehr, der Link befindet sich in der Bio und es gibt keine Rabattcodes für die Revolution. Wo andere singen, spricht Black Thought mit einer beklemmenden Ernsthaftigkeit. Der Song verliert nichts von seiner ursprünglichen Schärfe. Er ist das Versprechen eines Mannes, der gesehen hat, was seit 1970 angekommen ist. Das Album vermeidet die Falle der bloßen Ehrfurcht. Die Künstler bleiben innerhalb der Vorlagen lebendig und aktuell. „Now More Than Ever“ (Trailer) ist kein Museumsstück, sondern ein pulsierendes Dokument der Zeitgeschichte.
Brian Jackson zeigt eindrucksvoll, dass wahre Kunst niemals altert. Sie passt sich an und findet immer wieder neue Wege, um die Menschen zu erreichen. Dieses Album feiert die Vergangenheit, ohne in Nostalgie zu erstarren. Es tanzt im Angesicht der Krise.


