Dominique Fils-Aimé vereint Soul und Jazz auf „My World Is The Sun“

Manche Alben klingen wie eine mühsame Konstruktion, andere wirken wie ein organisches Atmen. Dominique Fils-Aimé hat mit ihrem neuesten Werk „My World Is The Sun“ einen Raum geschaffen, der weit über bloße Genre-Grenzen hinausreicht. Die kanadische Künstlerin, die bereits mit ihrer beeindruckenden Trilogie über die Geschichte schwarzer Musik für Aufsehen sorgte, präsentiert sich hier privater denn je. Sie verzichtet auf große Gesten und setzt stattdessen auf die Kraft der Stille und der Reduktion.
Dominique Fils-Aimé – Ein Dialog zwischen den Generationen
Der Einstieg in das Album markiert einen zutiefst emotionalen Moment. Eine alte Kassettenaufnahme aus den 1970er-Jahren lässt die Stimme ihrer Mutter, Claudette Thomas, erklingen. Es ist ein ungeschliffenes Dokument der Vergangenheit, das ohne Filter in die Gegenwart transportiert wird. Dieser Moment bildet das Fundament für eine Reise, die sich durch Zeit und Raum bewegt. Sanfte Gitarrenklänge und das Rauschen von Wellen weben einen Klangteppich, auf dem sich die Künstlerin sicher bewegt. Es wirkt, als schließe sich hier ein Kreis, der lange Zeit offenstand.
Die Magie der Live-Aufnahme
Ein wesentlicher Faktor für die besondere Aura dieses Albums ist der Entstehungsprozess. Die Aufnahmen fanden größtenteils live in den Studios Opus in L’Assomption statt. Man hört förmlich das Atmen der Musiker und die Luft, die zwischen den Instrumenten zirkuliert. Jacques Roy, der sowohl als Bassist als auch als Produzent fungiert, hat hier ganze Arbeit geleistet. Er lässt den Instrumenten den nötigen Freiraum, anstatt sie in ein enges Korsett zu pressen. Ein Klavier darf hier einfach ausklingen, während die Trompete nur kurz auftaucht, um dann wieder im Schatten zu verschwinden.
Dominique Fils-Aimé x My World Is The Sun – Texturen statt technischer Spielereien
Dominique Fils-Aimé nutzt ihre Einflüsse mittlerweile nicht mehr nur als Zitate, sondern als natürliche Werkzeuge. Wo frühere Werke vielleicht noch den Anspruch hatten, musikwissenschaftliche Statements zu setzen, regiert hier das Gefühl. Musiker wie der Pianist David Osei Afrifa oder der Perkussionist Elli Miller Maboungou steuern feine Texturen bei. Westafrikanische Rhythmen verschmelzen mit südasiatischen Tabla-Klängen, ohne dass es jemals nach einem künstlichen Experiment klingt. Alles steht im Dienste der Stimmung, die oft meditativ und fast schon rituell anmutet.
Geduld als Tugand des Hörers
Sicherlich verlangt dieses Album dem Hörer eine gewisse Ausdauer ab. Das Tempo bleibt über weite Strecken konstant ruhig, was bei oberflächlichem Hören zu einem Driften der Aufmerksamkeit führen könnte. Doch wer sich auf die Entschleunigung einlässt, wird belohnt. Besonders das neunminütige „Rhythm of Nature“ zeigt, wie viel Kraft in der Wiederholung liegt. Mit Didgeridoo-Klängen und geschichteten Völkalen entsteht eine Dichte, die fast physisch spürbar ist. Es ist Musik, die Ablenkung bestraft und volle Präsenz fordert.
Ein Kreis schließt sich
Zum Ende hin wird das Album noch einmal spürbar intimer. Mit einer Coverversion von Francis Cabrel verabschiedet sich die Künstlerin in einer beinahe privaten Atmosphäre. Nach über 150 Shows in den letzten zwei Jahren klingt Dominique Fils-Aimé nicht erschöpft, sondern gereift. Sie weiß nun genau, wann sie ihre Stimme erheben muss und wann das Schweigen die stärkere Botschaft ist. „My World Is The Sun“ ist kein lautes Album, aber es leuchtet lange nach. Es ist die konsequente Weiterentwicklung einer Künstlerin, die ihren eigenen Kern gefunden hat.


