Sagen Sie – haben Sie geweint? (Montagskolumne)

Ein Satz, zwei Geschichten, angefangen als blutjunger Mann mit 20 Jahren. Wir kamen wie so oft in größerer Gruppe nach einer durchfeierten Nacht zu Fuß und sehr stark alkoholisiert aus der Stadt zurück nach Kiel-Mettenhof. Wir begleiteten und verabschiedeten sämtliche Mitglieder unserer fast 20köpfigen Jugendgang Pader Ruler immer nach regionalen Gesichtspunkten und unsere damalige Wohnung lag so günstig in der Nähe eines Waldstückes, dass ich immer als einer der Ersten abgesetzt werden konnte. Die Verabschiedungen geschahen immer unter ausschweifendem Getöse sämtlicher Gangmitglieder, so gegen 4.00/5.00h morgens wurden noch einmal alle dezibelösen Reserven freigesetzt, was den ein oder anderen Nachbarn mit Tiefschlafproblemen schon recht schroff aus der Nachtruhe zerren konnte. Ereignisse dieser Art waren natürlich große Highlights, über die noch Wochen später gesprochen wurde, selbstverständlich forcierten wir solche Events.

Während ich also die zwei Stockwerke nach oben lief, überlegte ich mir schon einmal meinen heutigen Gute-Nacht-Spruch an die geliebte Restbande. Ich erschien auf dem Laubengang, blickte nach unten in die kreischende Menge hart befahnter Halbstarker und schrie „Ihr wollt doch alle nur den Nachtisch zuerst!“, dabei riss ich beide Arme nach oben. Zugegeben: mein Abschlusspamphlet ergab wenig Sinn, aber das tut das Leben ja auch nicht. Dennoch reichte es offensichtlich, meine Nachbarn zu wecken, Frau Strembocki stand jedenfalls im Bademantel auf ihrer Fußmatte und keifte irgendein wirres Zeug, was ich beim besten Willen nicht verstehen konnte. Also entschloss ich mich, ein wenig auf sie zuzugehen. Ich schaute sie an, sie schaute mich an und ohne darüber nachzudenken stellte ich die Frage „Sagen Sie, haben Sie geweint?!“. Die Menge johlte schon wieder, Frau Strembocki verstand weniger als Griechenland und ich torkelte durch unsere Wohnungstür gerade noch so in mein Kinderzimmer und schlief erschöpft ein.

Zwanzig Jahre später. Gleicher Typ, andere Nachbarschaft, deutlich weniger Alkohol, etwas weniger Haare aber immer noch am Zahn des Styles. Tatort Kieler Woche, welche leider immer noch nicht nach Neumünster verlegt wurde und somit eine Woche Frust, Hass und Einschränkung bedeutet, gerade was das Parken innerhalb besagter Stadt (nicht Neumünster!) betrifft. Das Parkhaus am Cap ist in dieser Woche ständig besetzt, vor der Einfahrt stehen durchgehend 20 wartende Fahrzeuge. Sobald ein Auto rauskommt, rutsch ein Neues nach; die Wartezeit kann mit durchschnittlich 60-90 Minuten beziffert werden. Für Andere, ich muss natürlich sofort rein. Zum Beispiel über die Hotel-Einfahrt, Mitarbeiter des anliegenden Hotels und Stammparker dürfe diese Line benutzen. Ich ordne mich dort also ein, der Parkwächter tritt sofort an mein Beifahrerfenster heran und fragt mich freundlich, was ich denn wohl möchte. Natürlich kennt der Mann mich, der sieht mich 3x die Woche hier ins Gym fahren, dennoch wird er heute etwas Neues erfahren. „Mo-hoiiiyn, lassen Sie mich bidde durch?!“, frage ich mit blumiger, fast singender Stimme. „Aber warum denn, diese Spur hier ist nur für Hotelgäste und Stammparker mit festen Plätzen?“, „Aber ich arbeite doch im Hotel! Wir sehen uns hier doch ständig?!“. Der Mann guckt mich an, als hätte ich soeben seine gesamte Familie aufgegessen, trotz Fastenmonat. Bevor er es sich noch einmal anders überlegt, lege ich nach: „Sagen Sie: Haben Sie geweint?“. „Nein, wieso?“, möchte er jetzt offenbar sehr dringend wissen. „Naja, Sie sehen um die Augen herum leicht müde…“, „Kommen Sie, fahren Sie durch!“.
Nach 20 Jahren schließt sich der Kreis.
Luftküsschen noch.

Kommentare

3 Antworten zu “Sagen Sie – haben Sie geweint? (Montagskolumne)”

  1. Flo sagt:

    Besorg dir doch ’nen Klapprad für die Kieler Woche! :D

  2. Ken sagt:

    Nice! Aber: Du fastest? ;)

  3. Frank sagt:

    cooles ding aber ich find podcast und videos geiler

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