Pico, Schieni und meine 20cm-Narbe (aber sexy)

T-Konten-Rechnung, anyone? GuV my ass! Ich war immer schlecht in Rechnungswesen und dafür gibt es drei Gründe: erstens bin ich insgesamt zu cool für Buchführung, zweitens zählt am Ende des Tages sowieso nur dass, was sich in meiner eigenen Tasche befindet und drittens: die Mad Butchers! Ja, ich habe mir auf der Flucht vor den Mitgliedern einer Jugendgang die Haxen gebrochen und fehlte somit in den ersten Wochen in der Berufschule, in welchen die Grundlagen der Kontensysteme unterrichtet wurden. Und das kam so:

Früher gab es ja auf der Straße noch nicht so viele Subkulturen wie heute. Grundsätzlich unterschied man zwischen Poppern und Prolls. Popper waren halt mehr so Leute, die ein wenig auf ihr Äußeres achteten, größtenteils Chartsmusik hörten und sich den Sack rasierten. So einer war ich. Die Prolls waren quasi das Gegenteil von uns: fettige Haare, Böhse Onkelz und wildwuchernde Schambehaarung. Außerdem schlossen die Prolls sich gerne in Gangs zusammen. Soweit ich mich erinnere, gab es hier in Kiel seinerzeit die Tigers, die Mad Fighters, die Kneipenterroristen („Fugbaum„, real talk! (unbedingt gucken, falls noch nicht bekannt!)) und halt eben die Mad Butchers. Diese Gruppierung zeichnete sich insbesondere dadurch aus, pinkfarbene (!) Bomberjacken zu tragen; was uns Poppern ihre Ernstnahme und den Respekt nicht unbedingt zuträglicher machte. Rädelsführer der Mad Butchers waren Schieni (den Spitznamen bekam er, weil er nach einem Unfall eine Chirurgenstahl-Schiene in die Stirn operiert bekam) und Pico (der war halt eher lütt klein). Gut, kann ja auch nicht jeder MC Winkel heissen.

Für uns Popper reanimierte man Anfang der Neunziger einen Modetrend, den wir nicht missen duften: Collegejacken. Diese Filzkutten mit weißen Kunstlederärmeln und einem „Y“ am Revers. Jeder von uns trug so eine, bevorzugt in schwarz, optional in bordeaux oder grün. Und weil wir uns von unserem miesen Auszubildendengehältern nicht Anderes leisten konnten so gerne Paderborner Export tranken, druckten wir uns T-Shirts mit ebendiesem Logo. Außerdem gewöhnten wir uns einen stark Anglizismen-haltigen Slang an, was uns irgendwie den Namen „Paderborner Ruler“ bescherte. Und so wurden auch wir zur Gang. Unfreiwillig, aber naja.

Womit wir nicht rechneten: wenn man erstmal Mitglied einer Gang ist – so humorvoll man das auch nimmt – dann hassen einen andere Gangs. Einfach so. Und als Poppergang hat man es natürlich doppelt schwer, was ich am eigenem Leibe erfahren durfte; so schlug mir zum Beispiel der Mad Butcher Zombie (Spitzname aufgrund massiv asynchroner Gesichtszüge) einmal im Bus einen halben Schneidezahn aus. Und weil man es auf Hansen und mich besonders abgesehen hatte, beschlossen wir fortan, beim nächsten Mal ganz heroisch daherzukommen und: zu flüchten.

Als ich eines Abends allein an der Bushaltestelle unweit unserer Popperdisco ein neonpinkes Leuchten vernahm, ahnte ich Böses. Festgewurzelt wie Ginseng stand ich mit offenem Mund in 20m Luftlinie von meinen Gegnern entfernt. Schieni, Pico und Zombies Bruder Haase (Überbiss) – ein Blick, ein Wort: „POPPERSCHWEIN!“. Wie ein Pathologe nahm ich meine Beine in die Hand und rannte. Selbst als ich die drei stark alkoholisierten Gang-Mitglieder längst abgehängt hatte, rannte ich weiter. Ich rannte wie Cierpinski und wenn ich nicht so unglücklich auf einem Kannstein aufgekommen wäre, der mir die Außenbänder meines linken Fußes zerfetzte – ich rönnte noch heute. Rannte. Egal, Hauptsache kein Plusquamperfekt.

Meine Mutter fuhr mich am Folgetag in die Notfallambulanz am Bahnhof (das war der Tag an dem ich merkte, dass sie mich nicht liebte), lokal übringens als „Schlachter Janssen“ bekannt. Tja, das hat man nun davon, Mitglied in einer Straßengang zu sein: Beef in der Hood, einen halben Zahn weniger und eine verpfuschte Narbe am Knöchel.
Und in Rechnungswesen gab’s auch ’ne Fünf.
___
Verdammt!
Gerade einen Anruf bekommen: Schieni wurde HEUTE um 10.00 beerdigt! Schlaganfall. Das ist (ausnahmsweise) mal kein Witz! Ich kannte den Mann nicht wirklich, habe niemals mit ihm geredet, weiß aber, dass hinter all der Roughness ein feiner Kerl steckte. Rest in Peace, Homie!

Kommentare

34 Antworten zu “Pico, Schieni und meine 20cm-Narbe (aber sexy)”

  1. Pleitegeiger sagt:

    Möchte ich wissen, woher Sie so genau über die Schambehaarung anderer Typen Bescheid wissen…?

    (Sportunterricht gilt nicht als Ausrede. Da waren Sie doch eh nie. Schadete der mühsam hingeföhnten Frisur.)

  2. Aquii sagt:

    Nein, anstatt den Klinikaufenthalt zu nutzen, die Defizite in Rechnungswesen aufzuarbeiten, haben Sie sicherlich neben einer großen Portion Selbstmitleid in den ersten Tagen im Bett, alle Lernschwestern völlig verrückt gemacht mit Ihrem T-Shirt mit dem Logo.

  3. Roxy sagt:

    Also solch eine pinkfarbene Bomberjacke hätt ich ja gern gesehen. Und als Markenzeichen wirklich sehr eigen – aber schön.

  4. Herrlich.
    Ich kann mich erinnern. Wir waren Suns.
    Aber dich haben sie immer mehr attackt.
    Warst du etwa mehr popper?

  5. Jens sagt:

    Ich opfere mich gerne für ein paar Nachhilfestunden auf.
    Auch wenn mir nicht viel mit Zahlen liegt, aber FiBu hab ich drauf!
    Yeah :D

  6. Die Muräne sagt:

    ‚Lower eastside holstein’…. oder besser noch ’north eastsea keel‘

    Sehr krass ;)

  7. GIZA sagt:

    Nicht zu vergessen die E´hagen Gangs „Wanderers“ und „Dragons“. Aber zum Glück gab es ja damals noch American-Sports, oder kurz AS. Da konnte man noch Baseballschläger kaufen. Oder Cons100. Für stylebewußtes flüchten.

  8. Mone sagt:

    Ich war in Rechnungswesen anwesend. Blieb trotzdem nichts hängen. Rein gar nichts. -_-

  9. Die DiVa sagt:

    Wenn ich nicht ernsteres zu tun hätte, ich lächte, nocht heute, lachte, werter Herr Winkel!

    Herzlichst und plusquamperfekt

    Ihre DiVa

  10. FrauvonWelt sagt:

    Mein Lehrer, werter Herr Winkelsen, und ich hatte nicht viele, die diese Bezeichnung verdienten, hat immer gesagt: „Wer die doppelte Buchführung nicht versteht, versteht nichts im Leben, denn alles ist ein Geben und Nehmen und es geht immer um Soll und Haben. Und wenn es am Ende nicht aufgeht, dann haste was falsch gemacht.“

    Herzlich und ausgeglichen
    Ihre FrauvonWelt

  11. reizzentrum sagt:

    Popper überfährt man mit dem Chopper ^^

    Ein weiterer Beweis für die Provinz.

    In meiner Heimat gab es neben den Poppern noch die Teds (Rock’n Roller), Punker, Freaks und daneben eben auch noch die ganz „Normalos“. Prolls gab es – als Gruppierung – eher nicht.

    Lustig war es, wenn sich die Teds und Poppers (oder auch Punk und Popper) am Mönkebergbrunnen kloppten und sich schlagartig einig waren und auf den gemeinsamen „Feind“ der anrückenden Polizeikräfte losgingen. Da konnte man viel über Gruppendynamik lernen …

  12. danimateur sagt:

    Lieber ne Fünf in ReWe, als gar keine persönliche Note :-)

  13. Johanna sagt:

    Ich habe es verpasst im Schul-Sport-Schwimmunterricht den Kopfsprung zu lernen, weil ich Windpocken hatte. Das war nicht so spannend, macht mich aber heute noch traurig.

    Ach ja, bitte liebster Mr. Winkel, verlinken Sie doch keine Volgelspinnen-Videos ohne Warnhinweise! Ich bin jetzt noch ganz hysterisch.

  14. Herr W., Sie rasierten sich, hatten aber doch damals gar keine Haare am Sack. Wie kann das?

  15. Herr Schmidt sagt:

    Wie?!? Kein Foto?!? Was‘ los????

  16. Erdge Schoss sagt:

    Angesichts Ihrer wunderschönen Zähne, werter Herr Winkelsen,

    drängt sich die Frage förmlich auf: War der abgebrochene noch ein Milchzahn?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  17. Acki sagt:

    verdammt MC! Ich dacht ich wäre damals um die Nummer des Popper’S rumgekommen und nun das!!! Ich trug damals natürlich eben diese Collegejacke in schwarz!
    Aber kann mich nicht erinnern deswegen denunziert worden zu sein? *grübel*

  18. der.grob sagt:

    in meiner gang trugen wir alle rosafarbene latzhosen und blaue stirnbänder. wir waren die coolsten. leider waren wir nicht die stärksten.

  19. Ich habe auch eine Narbe am Schienbein. ca. 15 cm lang und bei mir war es ein schnöder Stacheldraht.

    Wollen wir uns unsere Narben mal gegenseitig zeigen, so wie in Lethal Weapon? Könnte man sogar ein Stöckchen draus machen. „Zeig uns Deine größte Narbe“ Haha, das wäre doch echt lustig :-)

  20. MC Winkel sagt:

    @Pleitegeiger: Es gab ja nicht nur Typen, verstehense!? Aber ich wusste, dass diese Frage kommen würde.
    @Aquii: Absolut! Das Schlimmste ist eigentlich, dass ich das TShirt eines Tages jemanden als Nachthemd verlieh. Und leider niemals zurück bekam.
    @Roxy: Lieblich, sozusagen! :)
    @Jerry B. Anderson ™: Nö, einfach nur der Lauteste! :)
    @Jens: Nene, bloß keine Buchhaltung. Hab‘ ich nach wie vor nix für übrig.
    @Die Muräne: „Laboe ist fällich!“. :)
    @GIZA: :) Sehr gudddd!
    @Mone: Bei mir nur die 5. Über all die Jahre.
    @Die DiVa: Aber heisst es nicht lüchte? :)
    @FrauvonWelt: Eben darum geht es ja. Ich halte nichts von mathematischen Erklärungen – das Leben ist schließlich nicht logisch.
    @little-wombat: Sehr schön! :)
    @reizzentrum: Naja, wir haben es uns halt sehr einfach gemacht. Kurz: auch Teds, Punks und Freaks waren Prolls. Normalos sowieso.
    @danimateur: Aight!
    @Johanna: Ach ja, ganz vergessen! ACHTUNG – VOGELSPINNEN IM VERLINKTEM VIDEO!
    @Lenny_und_Karl: Prophylaxe. Mir ging es auch mehr um das Eingelen.
    @Herr Schmidt: Ich hab dazu sogar einen Film gemacht. Hab mich dann aber entschlossen, den nicht zu veröffentlichen. :) Flash.
    @Erdge Schoss: Leider nein, herr Schoss. Aber jetzt habe ich eine wunderschöne Krone! Auch im Mund.
    @Acki: Mettenhof?
    @der.grob: Dann waren Sie das auch mit den neongelben Telefonschnur-Schlüsselanhängern? an Latzhosen: Wahnsinn!
    @Frau Ährenwort: Na, dann fangen Sie mal an!

  21. aristokitten sagt:

    Hehee…davon hab ich Samstag schon was gehört =)

    Ich wäre ja auch für ein Foto – noch besser: Wir machen ein Foto-aus-dunkler-Vergangenheit-Stöckchen draus! Ich hätte da auch was…ich als Axl Rose-Imitatorin mit Stirnband und Lederkutte.

  22. Stoeps sagt:

    Da gabs bei uns damals die Rocker, die Breaker, die Punks und die Popper. Da musste selbst die Mofamarke stimmen! Als Rocker (zu denen ich gehörte) war es z.B. unmöglich ein Ciao zu fahren. Es musste ein Maxi Puch sein. Und zwar am besten Maxi Puch Sport und zwar hoch frisiert wie die Pudelfrisur der Nachbarin! Und es gab richtige Bandenkriege. In Basel konnte es am Wochenende schon mal sein, dass sich total bis zu 200 Kids gegenseitig die Köpfe einschlugen, dagegen wär ne LOTR Schlacht mitsamt Orks nur Pipifax.

    Bis, ja und das war dann auch immer das Highlight, die Bullen kamen. Denn dann verbrüderten sich sämtliche Gangs innert Sekunden um gemeinsam gegen die lieben Beamten, die immer so freundlich ihren Dienst taten, anzutreten. Endete öfters mit Polizeiautos die aufm Dach lagen und Notfallstationen voller blutenden Polizisten. Und Popper, Breaker, Punker und Rocker, die gemeinsam ein Bier tranken und sich über die Veilchen und ausgeschlagenen Zähne amüsierte.

    Tja, damals, da war einfach alles viiiiiiiel besser ;-)

  23. oLiGaRcH sagt:

    MC, haben Sie die Rechte an Ihren Zoomer-Werken? Wird wohl nicht weitergehen mit der Seite, vielleicht auf Sevenload für die Netz-Nachwelt hosten und Links setzen?

  24. Acki sagt:

    @MC
    Nö…Wik…

  25. Tietze sagt:

    Zum Thema Tigers Kiel gibt es auch ein nettes Video:

    http://www.youtube.com/watch?v=GhfLcDkxKtI&feature=related

    Gruß

    Tietze

  26. […] man den Blaumann in der Umkleide gegen die Diesel-Saddle tauschte, um auf dem Nachhauseweg direkt Paderborner Export einkaufen zu gehen. Dieser eine, besondere Freitag des Vergessens zeichnete sich […]

  27. Böll sagt:

    Der schlachter am ZOB hiess Jensen.

  28. […] April 1993 hat mir ein Gangmitmitglied der Mad Butchers aus Kiel Mettenhof ein Stück Schneidezahn rausgehauen. Das eigentlich Schlimme an dieser Sache war […]

  29. Steve sagt:

    Als Ex-„Paderborner Ruler“ habe ich auch noch einen anzubieten. Es gab bei den Madbutchern auch noch einen „Ernie“. Der hat mir im September 1990 versucht, die Nase mittels „Kopfnuss“ zu brechen. Es war Samstagnacht auf dem Exerzierplatz. Zum Glück hat er nicht richtig getroffen und danach bekam er eine Prise „CS+“ aus meinem 8mm „Colt 45“ Replikat für seine Nase. Das hat ihn dann getroffen und er hat mich später dann in Ruhe gelassen. Die Paderborner waren auch wehrhaft, jedenfalls die, die zur Bundeswehr gegangen sind ;-) Gruß an Dich, Winkel!

  30. Die_Gute_Helga sagt:

    Der „Schlachter“ war am ZOB und hiess Jennsen. Nicht zu Jennsen!
    Meine Fresse waren das Zeiten. Auf meinem 18. war einer von den „Bluebrothers“ der war hohl wie 10 Meter Feldweg.
    Die Dragons auch Elmschenhagen waren aber ganz okay. Mit Dose hab ich zusammen gelernt. Viele von denen sind später auf Schore abgekackt…
    Wenn ich mich recht entsinne, hies“Herr Fugbaum“ Herr Furchtbar, das versteht man aber nicht, weil Kanuer schon wieder total Hacke ist, als er das erzählt.

  31. Die_Gute_Helga sagt:

    Knauer meinte ich. Obwohl Kanuer natürlich viel stylischer wäre nach heutigen Gesichtspunkten…

  32. Don Geilo sagt:

    Mettentowncity the Best :-)

  33. kurt sagt:

    ich war auch bei den Mad Butcher und die jacken waren lila nur mal so zur info danke !!!!!!!!

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