nomi. – this wolf may cry // Ein Album über das Scheitern, jemanden zum Bleiben zu bitten

Die Fabel vom Jungen, der „Wolf!“ rief, gilt meist als Geschichte über einen Lügner. Man kann sie aber auch anders lesen, nämlich als Geschichte über einen Jungen, der nichts anderes sagen konnte. Als er wirklich Hilfe brauchte, nahm ihn niemand mehr ernst, weil er immer dasselbe gerufen hatte. Die aufstrebende Sängerin und Songwriterin nomi. erzählt auf this wolf may cry von einem Wolf, der jedem nur sagen kann, dass alles in Ordnung ist. Dabei ist niemand außer ihr auf den Tracks zu hören, denn nomi. schreibt und singt alles selbst. Ihre Stimme klingt warm, stellenweise leicht rau und hauchig, mit einer Körnung, die ihr einen unverkennbar souligen Charakter gibt. Dieser Klang wirkt wie ein Versuch, endlich eine Bitte zu formulieren.
Urteile fallen schnell, Wünsche bleiben stumm
Wer anderen sofort die Tür weist, aber nicht sagen kann, was er selbst will, steht im Zentrum dieser Songs. In „right/left“ schickt nomi. die Person am Telefon mit einer einzigen Zeile fort, weil diese Person ihre Bedürfnisse nicht erfüllen kann. Ihre Einsamkeit dient dabei nur als Vorwurf, und in „i was right (haha)“ rutscht sie sogar in einen Nebensatz. Überall sonst stapelt nomi. Parolen aufeinander: Eine Meile ist bloß eine Ziellinie, und das Gaspedal kennt keine Bremse.
Der Schlüssel zu „r u?“ steckt im Titel, denn der Song fragt, was die andere Person in dieser Beziehung eigentlich ist. Erst heißt es, jemand kenne ihr Bestes nicht, dann, diese Person wolle es nicht einmal für sie. Welches Vergehen vorliegt, weiß nomi. selbst nicht, also entschuldigt sie sich vorsorglich. Nur im zweiten Vers hält sie Anklage gegen Anklage, und im Refrain bleibt ihre Frage unvollendet. Ein Urteil spricht sie diesmal nicht.
nomi. this wolf may cry – Der Körper soll sprechen, die Worte bleiben aus
In „sweet talk“, dem viralen Song des Albums, spricht nomi. über jemanden, der verstummt ist und längst über sie entschieden hat. Zu einer Produktion von Afolabi Osinulu, die an die Neptunes erinnert, liest sie diesen Entschluss im Gesicht und am Körper. Sie will es sagen, weiß aber nicht wie, und bittet darum, den Körper statt der Worte zu benutzen. Einen Krieg will sie nicht beginnen.
In „what u want“ beginnt jeder Refrain mit „I would tell you that“ und endet mit „I wish I could tell you that“, doch der Inhalt fehlt. In „sirens“ spielen Streicher von Troy Everett mit, und nomi. erhebt den Zweifel gegen sich selbst, bevor andere es tun. In „some day“ ruft sie ihren Alarm aus und nennt sogar einen Namen: Julie. Dabei bleibt nomi. (Youtube) leise, denn ihr Geständnis, innerlich ein Chaos zu sein, fällt nur ein einziges Mal.
Versprechen im Futur, Hilfe ohne Datum
In „ill be good 2 u“ singt niemand mit ihr. Der Song besteht nur aus einem Vers, also darf sie nur einmal fragen, ob die andere Person noch liebt und sie ebenfalls will. Zuvor erzählt sie von einem Traum, in dem diese Person durch ihren Garten ging, und schließt die Augen im Glauben, alles verloren zu haben.
In „carry me“ gibt sie zu, getragen worden zu sein, ohne selbst zu tragen, und sie hofft, sich diesmal am richtigen Ort zu treffen. Sie verspricht, die andere Person einmal so zu halten, wie sie gehalten wurde, doch wer das verspricht, wird gerade gehalten. Wann die Rollen wechseln, bleibt offen. Das Album ist ein Weg von der Rüstung zum offenen Herzen, ohne zeitliche Ordnung, und nur diese beiden Songs räumen ein, dass der Konflikt ungelöst ist. Wie in der Fabel entscheidet am Ende, wer beim zweiten Ruf kommt.


