Nicht meine Mentalität (Montagskolumne)

Ich habe mir immer große Mühe gegeben, mein Heimatland im Ausland gut zu repräsentieren. Seitdem ich vor 5-6 Jahren meine ersten Reisen angetreten bin, die irgendwas mit diesem Blog hier zu tun hatten, war ich stets bemüht, den Menschen der Welt einen freundlichen, kultivierten, humorvollen, charmanten, großzügigen, … einfach einen nicen Deutschen zu zeigen. Natürlich wird es einem nicht überall leicht gemacht, nach Frankreich braucht man als Deutscher beispielsweise überhaupt nicht zu fahren, man beäugt uns mit großer Skepsis. Ist nachvollziehbar, leider haben unsere Leute vor 80 Jahren eine recht knackige Außenpolitik, den Tod von knapp 6 Millionen Juden und noch ein paar weiterer Unschönigkeiten zugelassen, dass man sich hier und da schon einmal die Fragen erlauben lassen muss, wie sowas passieren konnte und warum ausgerechnet … in Deutschland?!

Glücklicherweise ist der Mensch im Grunde seiner Natur nicht nachtragend, die Zeit heilt [sic!] ihre Wunden, aus Fehlern soll man ja lernen und jetzt mal ehrlich: der heutige, weltenbummelnde Mittzwanziger kam 1990 zur Welt und hat mit dem Dritten Reich noch weniger zu tun als mit Dritten Zähnen. Es gehen einem trotzdem so ein wenig die Argumente aus, wenn plötzlich Fragen zur NPD, Pegida, zu den NSU-Morden, Tugce oder Sarrazin aufkommen. Rechte Gewalt und Rassismus gibt es ja auf der ganzen Welt, weil es eben auch dumme Menschen auf der ganzen Welt gibt. Hierzulande versuche ich den ignorantesten Dämlacks immer eine Doku namens „Der Rassist in uns“ nahezulegen, bei der ich mir sicher bin, dass nach dem Konsum selbst der unterbelichtetste Braune versteht, wo Rassismus beginnt und wo man seine eigene Weltanschauung vielleicht noch einmal ein wenig nachjustieren könnte. Es gibt aber leider auch immer wieder Fälle, bei denen selbst das zwecklos ist.

Aber ich will ja freundlich, kultiviert, humorvoll, charmant, großzügig, … einfach nice im Ausland auffallen. Und es gibt ja auch überall auf der Welt Menschen, die Liebe für Deutschland haben. Jetzt vielleicht nicht für das Land, die Kultur, die Politik oder das Wetter, aber immerhin für unseren Fußball („Schweinstiiieger“ ist hier aktuell der Meisterwähnte), Mercedes und Kartoffeln. Die aber immer gut durch und nicht so kalt sein dürfen.

Es ist nämlich so: bekommt der Deutsche ein tadelloses 5-Gänge-Menü von Paul Bocuse himself zubereitet und von dem female Cast von „Spring Breakers“ an einem Infinity-Pool auf den Seychellen serviert, bei dem wirklich alles, also wirklich bis auf das letzte, doppelt gefiederte Koriander-Blättchen alles perfekt ist – dann redet der Deutsche im Anschluss nur über die 1,5°C zu kühle und etwas zu harte Kartoffel. Den Rest erwähnt er gar nicht, er verschweigt sogar, mit einer der Bedienungen (Vanessa Hudgens) gevögelt zu haben, auch anal. Okay, streich das anal, zu krass und nicht witzig. Ach doch, lass drin. Ich hatte auf einer Pressereise einmal einen „Kollegen“ dabei (Print! Just saying.), der tagelang nicht ein einziges Foto von den täglich perfekten Mahlzeiten machte. Nur als ein Kellner versehentlich ein Glas Cola auf dem Tisch umkippte, holte er seine Kamera heraus und fotografierte das kleine Malheur, um sich später öffentlich über das Restaurant (in welchem er soeben kostenlos gegessen hatte) und den Kellner lustig zu machen. Und so lange solche Arschlöcher mir hier die Luft wegatmen, wird ja wohl auch mal ein Hudgens-Äynell-Gag drin sein dürfen. Müssen.

Und darüber sprach ich jüngst mit einem Freund. Wie sehr mich das alles nervt. Die ganzen Nazis, dieses Schlichte/Platte überall, der deutsche Humor, die Musik, unsere tollen Tugenden, der weltweit überdurchschnittlich ausgeprägte Neid und das Unvermögen, seinem Nächsten einfach mal gönnen zu können … an dieser Stelle eine kleine, weitere Anekdote, verzeiht mir, wir sind gleich durch: als ich mit dem AMG GT durch Kalifornien fuhr, wurde mir in dem Wagen hinterhergejubelt. Man freute sich, Hände wurden in den Himmel gerissen, es wurde gegröhlt, applaudiert, vereinzelt sah ich sich Blusen öffnen (nur die obersten 3 Knöpfe), kurz: man lebt miteinander. Gestern sah ich den ersten AMG GT hier in Kiel (Hamburger Kennzeichen) auf dem Parkplatz meines Supermarktes, eine Milf (also vom Alter her, das ‚i‘ kann weg) beschwerte sich direkt über diese „Angeberkarre eines kleinpimmeligen Yuppies“ und lachte. Vermutlich hat der Typ einfach nur einen Schlach‘ mehr reingehauen und fährt jetzt ein geileres Auto als Du, also halt doch das Maul. Kurz: man lebt gegeneinander. Und am Allerschlimmsten das ewige Gejammer.

Bis mir einfiel: was mache ich hier eigentlich gerade, ich jammere doch auch nur!? Ich jammere immer wieder, since birth and running. Ändern kann ich damit ja auch nichts, höchstens mal zum Nachdenken anregen, aber auch das wird nichts helfen, weil es immer dumme Menschen geben wird und weil es immer Nazis geben wird. Und weil es immer auch zu kalte Kartoffeln und neidische Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel geben wird. Nur das mit dem Hinnehmen dieser Scheiße will einfach nicht weniger werden, vielleicht ist aber ja auch wenigstens das gut so.

Kommentare

8 Antworten zu “Nicht meine Mentalität (Montagskolumne)”

  1. Flo sagt:

    Ein Glück fiel dir am Ende noch auf wie viel du gejammert hast… :D

  2. Nils sagt:

    „Vermutlich hat der Typ einfach nur einen Schlach’ mehr reingehauen und fährt jetzt ein geileres Auto als Du, also halt doch das Maul.” – Ganz viel Liebe dafür!

    Mario Basler über unsere Neidgesellschaft:
    „Das ist die große Problematik in Deutschland: weil einer ein bißchen zu viel Geld verdient. In Amerika drüben: Michael Jordan verdient 100 Millionen Dollar – da klatscht der Nachbar Applaus. Und bei uns musst du aufpassen, dass sie dir am nächsten Tag die Reifen nicht klauen. Das ist der große Unterschied!”

  3. rico sagt:

    Die Franzosen können uns schon länger als 80 Jahre nicht leiden.

  4. Olaf sagt:

    Hey MC,
    wie Recht Du hast und es nervt mich auch, dass man in D mittlerweile in Keller gehen muss, um sich zu freuen, damit man nicht gleich wegen lautem Lachen abgemahnt wird. Das ist die Matrix, in der wir stecken: kommst du ein bisschen nach oben, zieht sie dich wieder runter. Was mich aber auch enorm nervt ist diese Schadenfreude unserer Landsleute, andere Menschen fallen zu sehen, damit man sich in seinem eigenen kleinen Leben vielleicht für drei Sekunden besser fühlt, deshalb hab ich mich auch vor ein paar Tagen über Lindners Wutrede so gefreut. Ich bin keine FDP-Fan, aber er in dem Moment hatte er sehr recht!

    Jedenfalls: Ich freue mich ehrlich für dich, dass Du es mit Deinem Blog so weit gebracht hast. Das hätte Dir doch vor ein paar Jahren, als Du bei einem berüchtigten :-) Kieler Unternehmen in den Sack gehauen hast, um ganztags zu bloggen kaum einer zugetraut. Und ich finde es cool, wenn ich auf Deinem Blog lese, dass Du heute mal wieder auf den Seychellen bist und morgen mal wieder den neuesten Benz testest. Ich gönne es Dir einfach!

    Eines sehe ich jedoch anders: Ich bin ab und an in Frankreich und sage mal, die Franzosen haben sehr viel weniger ein Problem mit uns, als wir denken. Ich war letztes Jahr ungefähr zur gleichen Zeit wie Du in Marseille, allerdings ohne neuen Benz :-). Ich weiß, dass Du da beinahe beklaut worden wärest, was für Marseille aber nicht ungewöhnlich ist. Ich habe da aber echt immer nur gute Erfahrungen gemacht, auch dann, wenn man (als Deutscher) mal Hilfe braucht! War aber halt zu Fuß :-)

    Kauf Dir nen dicken, lachenden Buddha, streichel ihm einfach über den Bauch, wenn Du wieder schlechte Laune hast und keep it going :-)

    Schönen Gruß
    Olaf

  5. MC Winkel sagt:

    @Daniel: Nice, kannte ich noch nicht! :)
    @Flo: … mir wurde auch ein bisschen schlecht beim Schreiben, so viel Gejammer. Ich wollte sie mit ihren eigenen Waffen schlagen! :)
    @Nils: Punkt! Die Frage ist nur: woran liegt das? Sind wir denn wirklich soooo viel dämlicher als ‚die Amis‘, die laut unbegrüdeter Meinung der deutschen Provinz-Elite ja eigentlich die Blödmänner sein sollen?! „Was, wenn Du Dich irrst und alle anderen haben recht?!“ :))) #fargo
    @Olaf: Danke, nicer Comment, hat mich sehr gefreut. Was die Franzosen betrifft – meinst Du, ich soll denen noch einmal eine Chance geben? :)

  6. singhiozzo sagt:

    Hy Emser!

    Vielen Dank für den Tipp mit der Doku „Der Rassist in uns“. Ich hab mir die gerade angesehen und bin schwer beeindruckt. Hier bei mir steht man gerade kurz davor, eine leer stehende Kaserne als Erstaufnahmelager für Flüchtlinge einzurichten und es kotzt mich jeden Tag mehr an, wenn ich die Facebookkommentare unter entsprechender Berichterstattung der Tageszeitung lese. Von offensichtlichem Ausländerhass bis hin zu dummen Vorurteilen ist da alles dabei.
    Die Doku bei ZDFneo zeigt sehr eindrucksvoll, wie schnell so eine Situation von den falschen Leuten ausgenutzt werden kann und verdeutlicht aber auch, wie leicht man selber zu beeinflussen ist.

  7. Folker sagt:

    Grosse Worte gelassen ausgesprochen Emser – props !! Ich erlebe das auch immer wieder in Florida – wenn mal ein schönes Auto vorbeifährt gibts den Daumen hoch anstatt Neider blicke – kann alles so easy sein wenn man nur will ! Freue mich schon auf Mitte März – yeah !

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