Mark Manson: Warum manche Menschen nie erwachsen werden // After Skool

Warum manche Menschen nie erwachsen werden

Mark Manson bezeichnet seinen Ansatz gern als Selbsthilfe für Menschen, die Selbsthilfe hassen. Damit trifft er einen Nerv bei einem Publikum, das Ratgeber sonst eher skeptisch beäugt. Der Erfolg gibt dem amerikanischen Autor und Blogger recht, denn drei seiner bislang vier Bücher wurden New-York-Times-Bestseller: The Subtle Art of Not Giving a F*ck, Everything Is F*cked: A Book About Hope und Will. In dieser Folge „Warum manche Menschen nie erwachsen werden“ greift er ein Thema auf, das ihn schon in seinen Zwanzigern gepackt hat: die Entwicklungspsychologie. Damals verschlang er die Arbeiten von Jean Piaget, Lawrence Kohlberg, Robert Kegan und Erik Erikson, weil ihn faszinierte, wie sich Menschen über ein ganzes Leben hinweg verändern. Aus all diesen Theorien hat er ein simples Gerüst mit drei Stufen destilliert: Kindheit, Jugend und Erwachsensein. Entscheidend ist dabei, dass der Sprung von einer Stufe zur nächsten keineswegs garantiert ist.

Warum manche Menschen nie erwachsen werden – Kindheit: Ich will das Eis

In der ersten Stufe sieht ein Kind die Welt auf denkbar einfache Weise: Es will etwas und bekommt es oder eben nicht. Wer Eis oder Kekse begehrt, greift einfach danach. Zufriedenheit hängt in dieser Phase allein davon ab, ob sich der Wunsch erfüllt. Die Welt dreht sich hier noch vollständig um das eigene Bedürfnis. Kein Wunder also, dass ein verweigerter Keks für die Kleinen einer Katastrophe gleichkommt. Nach genügend Enttäuschungen entwickelt das Kind allerdings eine Theorie darüber, warum der Keks nicht immer kommt. Offenbar entscheidet die Mutter darüber, und sie erlebt die Welt anders als man selbst. Andere Menschen haben also eigene Perspektiven und eigene Wünsche. Studien zeigen, dass kleine Kinder davon noch nichts ahnen, weil ihnen ein Selbstkonzept, Empathie und das Gespür für sozialen Status fehlen. Sobald das Kind diese sogenannte Theory of Mind entwickelt, betritt es die nächste Stufe.

Jugend: Das große Tauschgeschäft um Anerkennung

Die Jugend beschreibt Manson als transaktionale Phase des Lebens. Wer an die Schulzeit zurückdenkt, erkennt schnell das Muster: Alle feilschen miteinander um sozialen Status. Trage ich diese Jacke, hält man mich vielleicht für cool, und mit den richtigen Schuhen gehöre ich dazu. Ein witziger Spruch im Unterricht lenkt womöglich die Aufmerksamkeit der Mitschülerin auf mich. Alles hängt an Bedingungen, denn jede Handlung soll eine bestimmte Reaktion auslösen. Das ist durchaus logisch, weil man mittlerweile weiß, dass jeder Mensch eine eigene Perspektive hat. Also fragt man sich, welches Verhalten den anderen dazu bringt, einem den Keks zu gönnen. Dieses Denken ist kein Charakterfehler, sondern eine sinnvolle Antwort auf die neue Erkenntnis, dass andere Menschen mitentscheiden. Entsprechend viel Energie fließt in Inszenierung, Anpassung und das Sammeln von Zustimmung. Gerade das macht diese Phase so anstrengend und ihre Logik so verführerisch.

Warum manche Menschen nie erwachsen werden – Wenn das Leben zur Dauerperformance wird

Viele Beziehungen im Alltag funktionieren bis heute nach demselben Prinzip. Manson erzählt vom Kaffee am Morgen. Die Person hinter dem Tresen interessiert ihn als Mensch kaum, er will seinen Kaffee, und zwar zügig. Solange es um Randsituationen wie diese geht, ist das völlig in Ordnung. Problematisch wird es, wenn sich die ständige Verhandlung auf das ganze Leben ausdehnt. Dann fühlt sie sich erschöpfend und unecht an, als würde man dauernd eine Rolle spielen. Selbst wenn die anderen einen mögen, bleibt das Gefühl seltsam unbefriedigend. Dass viele in dieser Phase hängen bleiben, liegt laut Manson auch an der modernen Welt, die transaktionaler geworden ist. Wir begegnen so vielen Menschen und Chancen, dass sich der Dauerauftritt fast alternativlos anfühlt. Soziale Netzwerke verstärken diesen Sog, weil sie Zustimmung in Likes messbar machen. Wer diese Performance nie oft genug scheitern sieht, lernt nie, tugendhaft zu leben.

Erwachsensein heißt, Ablehnung auszuhalten

Irgendwann dämmert vielen, dass sie nur mit unbedingtem Verhalten wirklich glücklich werden. Manson beschreibt Erwachsensein als die Entscheidung, etwas zu finden, das einem so viel bedeutet, dass man dafür Ablehnung in Kauf nimmt. Wer so lebt, verzichtet notfalls auf den Keks, weil etwas Wichtigeres im Spiel ist. Man steckt eine Fahne in den Boden und sagt: So bin ich, nimm es oder lass es. Passt das nicht zu jemandem, ist das vollkommen okay, denn es gibt genügend Menschen, die dieselben Werte teilen. Man lebt und lässt leben und sucht sich die Menschen, die wirklich passen. Der Mut, auch mal unbeliebt zu sein, speist sich aus einem klaren Standpunkt und stabilen moralischen Prinzipien. Erwachsen ist also nicht, wer Verantwortung trägt oder Rechnungen zahlt, sondern wer weiß, wofür er einsteht. Statt Applaus zu sammeln, baut man ein Fundament aus Überzeugungen.

Antifragilität: Rückschläge machen stärker

Warum lohnt sich dieser Schritt überhaupt? Für Manson liegt die Antwort in der Antifragilität. Das kindliche und das jugendliche Weltbild sind fragil, denn sie brechen zusammen, sobald etwas schiefläuft. Sagt man das Falsche oder verpasst den richtigen Moment, stürzt das ganze Konstrukt ein. Der erwachsene Mensch dagegen hat etwas, wofür er einsteht und wofür er auch Ablehnung erträgt. Jeder Rückschlag macht ihn deshalb stärker, weil er zeigt, wie man sich an neue Umstände anpasst. Zugleich liefert jede Krise neue Gründe, sich für das einzusetzen, woran man glaubt. Antifragil bedeutet hier mehr als robust: Man gewinnt aus Scheitern und Zurückweisung sogar dazu. Ein Leben, das an Likes und Zustimmung hängt, kann diese Stabilität nie erreichen. Denn wer auf Beifall angewiesen ist, bleibt abhängig von Launen, auf die er keinen Einfluss hat.

Aristoteles hatte die Antwort längst

Das Verblüffendste an seiner Reise: Nach dem Tauchgang durch die moderne Psychologie stieß Manson am Ende auf Aristoteles. Die antike Tugendethik kennt Werte, die man in jedem Moment üben kann, egal ob andere einen lieben oder hassen. Sie liegen stets in der eigenen Hand und wirken sozial konstruktiv, ganz gleich, wo gerade politische Bruchlinien verlaufen. Wer Tugend zum höchsten Wert erklärt, muss niemandem etwas beweisen und keinem Status hinterherjagen. Diese Antwort liegt seit Jahrhunderten vor uns – und Manson stolperte zwischen TikTok und Instagram darüber.

Sein Fazit lautet, dass wir alle auf ein Erwachsensein zusteuern, das die klügsten Köpfe der Geschichte längst beschrieben haben. Wer das Zeitlose schätzt, das allen guttut, entkommt der hedonistischen Tretmühle. Mehr Likes, mehr Geld, das nächste Auto oder Date bringen nur einen kurzen Rausch, der mehr Leid schafft als lindert. Erwachsen zu werden heißt am Ende, den eigenen Werten mehr zu trauen als dem Applaus.

Mark Manson: Warum manche Menschen nie erwachsen werden

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