Curren$y & Harry Fraud – Off To The Races // Testarossa bar auf den Tisch, Miami Vice im Ohr

Am 16. September 1984 zeigt NBC den Zweiteiler von Miami Vice. Ricardo Tubbs reist aus New York an, um den kolumbianischen Schmuggler Calderone zu jagen, der seinen Bruder getötet hat. Dort tut er sich mit Sonny Crockett zusammen, dessen Partner bei einem Autobombenanschlag starb. Michael Mann taucht die Stadt in Pastelltöne und genau diese Welt trägt Curren$y 42 Jahre später weiter. Curren$y Off To The Races, einmal den Testarossa in bar auf den Tisch und Miami Vice im Ohr.
Shante Franklin aka Curren$y aus New Orleans rappt seit Jahren über Speedboats, Cash-Cars und Marinas voller Schmuggler. Mit Harry Fraud verbindet ihn seit 2012 ein Ablauf, der bis heute funktioniert. Die beiden schicken sich Screenshots, Zeitstempel, Sprüche oder Filmszenen; Fraud legt Beats darunter, und irgendwann hat sich das Album fast von selbst gemacht. Off To The Races ist Curren$ys fünfte Veröffentlichung in diesem Jahr, nach vier Releases 2024 und fünf 2025.
Duffle, Testarossa und Scarab // Curren$y Off To The Races
In „Duffle 2 the Dealership“ spaziert Curren$y mit einer Sporttasche voller Bargeld ins Autohaus. Er bezahlt alles auf einmal, lehnt Ratenzahlung ab und fährt mit den Schlüsseln eines Testarossa davon. Das ist der weiße Ferrari, den Crockett später in der Serie fuhr. Am Ende des Songs meldet eine Stimme aus dem Revier das Ende einer Razzia und will Tubbs und Zito abholen.
Curren$y weiß, wie so ein Kauf wirkt und erklärt vorsorglich, er räume nur metaphorisch ab, falls Richter und Geschworene zuhören. In der zweiten Strophe wird er deutlicher: Man kenne seinen Namen vom Kokain und vom Drogenkrieg. Auf „Tightrope“ sitzt er in einem Scarab, dem Boot, das Crockett ab der zweiten Staffel steuerte. Wellcraft hatte der Serie zunächst abgesagt, verkaufte das Modell danach aber als Scarab Miami Vice Edition. Leute googeln den Bootstyp heute auf den Tablets ihrer Kinder.
Kamikaze Drive, Katrina und die Deiche
Auf „Kamikaze Drive“ fühlt sich Curren$y wieder lebendig, weil mit dem Tod seines Freundes ein Teil von ihm starb. Das ist Tubbs’ Motiv in zwei Zeilen. Im Refrain rollt ein olivgrüner Benz mit Scheiben im Grün einer Heineken-Flasche. In der Strophe wird er persönlich, weil sein jüngster Sohn gerade laufen lernt. Außerdem stellt er klar, dass es New Orleans heißt und nicht „N’Awlins“.
„Factory Settings“ greift die Flut vom August 2005 auf, als nach Hurrikan Katrina die Deiche brachen. Eine losgerissene Barge trieb in die Bresche der Industrial-Canal-Mauer und blieb im Lower Ninth Ward liegen. Bewohner sagen, die Stadt habe den Damm gesprengt, so wie 1927 bei Caernarvon. Dort retteten 30 Tonnen Dynamit die Stadt, überfluteten aber die Gemeinde stromabwärts. Curren$y bleibt gelassen und hat Rolex und Range Rover im Blick, seine Strophe endet an der Marina.
Gäste, Fraud-Clips und eine offene Kaution
Auf „White Linen Dinner“ sitzt Curren$y nicht mit am Tisch, sondern draußen am Pavillon. Dort reichen Fahrer, Killer und Frauen ein Feuerzeug herum. Auf „Night Vision“ greift Wiz Khalifa zum Ferrari-Schlüssel, schläft im Jet und lässt Entourage laufen. Rome Streetz läuft auf „The Telethon“ über Bassline und Opernsamples aggressiver als Wiz. Auf „Go So Fast“ übernehmen Fendi P und Bruiser Wolf das Ruder.
Auf „Sound of the Rain“ mit Jazzy beendet Harry Fraud den Song mit einem weiteren Miami-Vice-Clip. Darin erinnert sich eine Figur an einen Koffer mit 70.000 Dollar vor einem Club in Little Havana: „Compliments of Mr. Calderone“. In der Serie kehrt Calderone im Oktober zurück und heuert einen Killer an, bevor Crockett und Tubbs ihn auf den Bahamas erledigen. Curren$y und Fraud stoppen dagegen früher: Calderone bleibt auf Kaution, Tubbs packt noch aus, der Scarab steht vollgetankt am Dock. Damit führen die zehn Songs die Serie von 1984 weiter, ohne sie jemals aufzulösen.


