DJ Harrison – „ElectroSoul“ als Rückkehr zur eigenen Mitte

Als DJ Harrison unerwartet im Krankenhaus landete, veränderte sich sein Verhältnis zur Zeit grundlegend. Eine starke Medikamentenreaktion verlängerte den Aufenthalt und aus einem kurzen Einschnitt wurde eine Phase des Wartens. In dieser Zeit entstand keine Angststarre, sondern ein intensives Verlangen nach Ausdruck. Die Vorstellung kommender Musik wurde zum mentalen Anker, weil Kreativität plötzlich nicht mehr selbstverständlich war. Aus genau diesem Zustand heraus formte sich ElectroSoul von DJ Harrison, getragen von Dringlichkeit, Dankbarkeit und innerer Klarheit.
DJ Harrison ElectroSoul – Intuition statt Kontrolle
Nach der Rückkehr nach Hause begann Devonne Harris aka DJ Harrison sofort zu schreiben und zu produzieren. Texte und Melodien folgten keiner Strategie, sondern einem inneren Strom. Perfektion trat bewusst in den Hintergrund, während Ehrlichkeit an Bedeutung gewann. Vocals durften roh bleiben, Arrangements offen und verletzlich. Harris beschreibt diesen Prozess als exakt das, was er in diesem Moment fühlte. Songs wie „NeverFold“ wirken dadurch wie leise Selbstzusprüche, während „Can’t Go Back“ eine vorsichtige, aber bestimmte Zukunftshaltung einnimmt. „Recycled“ steht sinnbildlich für erneuerte Energie, die nicht explosiv, sondern nachhaltig wirkt.
Zusammenarbeit als Heilungsraum
Zunächst arbeitete Harris allein, was seiner Vielseitigkeit problemlos entsprach. Mit perfektem Gehör und der Fähigkeit, zahlreiche Instrumente zu spielen, war Autarkie nie ein Hindernis. Dennoch wuchs schnell der Wunsch nach Austausch, Nähe und gemeinsamer Gestaltung. ElectroSoul wurde so zu einem Gemeinschaftsprojekt, gespeist aus Vertrauen und musikalischer Offenheit. Frühere Weggefährten wie Yaya Bey und Pink Siifu waren ebenso selbstverständlich beteiligt wie neue Impulse. Die Verbindung zu Kiefer entstand aus einem spontanen Moment auf Tour, als Harris ein Stück neu interpretierte und sofort dessen Handschrift hörte. Auch Karriem Riggins brachte Ideen ein und öffnete den Weg zur Zusammenarbeit mit Yazmin Lacey.
DJ Harrison x ElectroSoul – Klangliche Bewegung und emotionale Tiefe
Musikalisch bewegt sich ElectroSoul frei durch verschiedene Ausdrucksformen. Lo-Fi-Hip-Hop trifft auf Jazz, Funk und R&B, ohne stilistische Brüche zu erzeugen. Einige Stücke strahlen Wärme und Zuversicht aus, andere bleiben bewusst schwer und nachdenklich.
Diese Spannbreite spiegelt den Heilungsprozess selbst, der nie linear verläuft. Kraftvolle Rap-Tracks mit Fly Anakin und Pink Siifu stehen neben vokalgetragenen Stücken mit Angélica Garcia oder Yaya Bey. Die Balladen mit Yazmin Lacey und Nigel Hall wirken besonders intim und zurückgenommen. Zusammengehalten wird alles durch einen warmen, weichen Sound, entstanden zwischen Harris’ Heimstudio Jellowstone und Sessions im Studio von Adrian Olsen in Los Angeles.
Richmond als unsichtbarer Mitspieler
Eine zentrale, wenn auch ungenannte Rolle spielt Harris’ Heimatstadt Richmond, Virginia. Die Stadt prägt seine Perspektive, seine Themen und seinen musikalischen Ton. ElectroSoul trägt Spuren lokaler Geschichte, familiärer Erinnerungen und persönlicher Herkunft. Die Spannungen eines schwarzen Künstlers in einer Stadt mit schwerem historischen Erbe fließen ebenso ein wie liebevolle Rückblicke. Auf „SmokeSetBreak“ ist Harris’ Vater als Radiomoderator zu hören, während seine Mutter auf „Sepia Visions“ eine frühe Kindheitserinnerung teilt. Selbst die Katze Vixen wird Teil des Albums, deren leises Miauen „Ballade de Vixen“ eine fast private Note verleiht.
Fazit | tl;dr
ElectroSoul ist kein Statement im klassischen Sinne, sondern eine offene Selbstverortung. DJ Harrison blickt nach innen und legt genau das offen, was ihn ausmacht. Das Album wirkt deshalb nicht konstruiert, sondern gewachsen, getragen von Gemeinschaft, Herkunft und gelebter Erfahrung.


