Thee Marloes – „Di Hotel Malibu“ // Ein zeitloses Meisterwerk des indonesischen Retro-Soul

Wer an authentischen Retro-Soul denkt, landet meistens in New York, London oder Kalifornien. Doch das Trio Thee Marloes bricht diese Geografie mit ihrem neuen Album „Di Hotel Malibu“ nun radikal auf. Die dreiköpfige Band stammt nämlich aus Surabaya, der zweitgrößten Stadt auf der indonesischen Insel Java. Dort existiert überhaupt keine lokale Soul-Szene, an die man anknüpfen könnte. Dennoch haben sie mit ihrem zweiten Album namens Di Hotel Malibu das bisher packendste Retro-Soul-Werk des Jahres auf Big Crown Records veröffentlicht.
Geprägt durch Kirchenchöre statt klassischem US-Gospel
Die Entstehungsgeschichte der Band basiert auf purer Leidenschaft und viel Geduld. Der Gitarrist Sinatrya „Raka“ Dharaka verbrachte Jahre damit, nach seinen regulären Arbeitsschichten im heimischen Studio Songs zu schreiben. Schließlich stieß der talentierte Schlagzeuger Tommy Satwick dazu. Im Jahr 2019 entdeckten sie dann die Sängerin Natassya Sianturi bei einem kleinen Konzert. Während US-Kolleginnen wie Lady Wray ihre Inspiration aus dem Southern Gospel ziehen, speist sich Sianturis Stil jedoch aus indonesischen Kirchenchören. Das hört man dem Song „Di Dalam“ sofort an. Die Bläserarrangements in Moll umgeben ihre entspannte Stimme perfekt. Zudem erinnert das Stück an eine faszinierende Mischung aus Rotary Connection und traditionellen Gesängen.
Thee Marloes x Di Hotel Malibu – Die mutige Entscheidung für die Musik
Für diese Kunst gingen die Musiker erhebliche persönliche Risiken ein. Auf der treibenden Single „6 Years“ singt Sianturi über den bewussten Ausstieg aus ihrem geregelten Berufsleben. Sie kündigte mit 29 Jahren einen gut bezahlten Job für die Musik. Ihre eigene Mutter hielt sie deshalb zunächst für absolut verrückt. Doch Sianturi entschied sich ganz bewusst dafür, sich selbst treu zu bleiben. Daher singt sie nun stolz ihre eigenen Lieder. Musikalisch untermalt Raka diesen Befreiungsschlag mit einem fantastischen Vintage-Arrangement. Bei dem berührenden Song „Rahasia“ bleibt seine Gitarre angenehm unbewegt, während der Gesang wie ein inneres Gebet wirkt.
Analoge Wärme und politische Botschaften
Raka kreierte jedes einzelne Stück ausschließlich mit analogen Geräten im kleinen Studio. Zum Einsatz kamen eine cleane sowie eine verzerrte E-Gitarre, Klavier, Orgel, Tamburin und echte Bläser. Im Song „Selatan“ nutzt er diese Instrumente geschickt, um gesellschaftliche Klassenunterschiede in Jakarta zu thematisieren. Sianturi singt hier auf Indonesisch über die tiefe Entfremdung der urbanen Bevölkerung. Dazu vibriert der Bass intensiv auf dem Boden und die Orgel trägt die Melodie. Im Gegensatz dazu steht das tanzbare Stück „I’d Be Lost“, das wie ein echter Floor-Filler im Northern-Soul-Stil der späten Sechziger funktioniert. Außerdem bricht der Song „Boru“ mit harten Drums komplett aus dem gewohnten Rahmen aus.
Ein Meilenstein mit sprachlicher Vielfalt
Das absolute Highlight ist jedoch der Titeltrack „Di Hotel Malibu“. Zum ersten Mal in der Geschichte des Labels Big Crown ist hier die seltene Sprache Batak aus Nordsumatra zu hören. Thee Marloes verweigern sich nämlich bewusst dem einfachen Weg eines rein englischsprachigen Albums. Songs wie „Crazy Eyes“ bieten zwar kompetenten Mid-Tempo-Funk, aber die wahre Magie liegt in der Mehrsprachigkeit. Das Album verzichtet auf glatte Pop-Strukturen und überzeugt stattdessen durch rohe, ungefilterte Emotionen. Dadurch hebt es sich deutlich von der Masse ab. Di Hotel Malibu ist ein mutiges, tiefgründiges Album geworden, das weltweite Aufmerksamkeit verdient.


