Curse und Denyo über Meditation: Mehr Energie durch radikale Akzeptanz

Vor ein paar Tagen sah ich ein Interview, das sich wie ein Spiegel anfühlte. Curse spricht in seinem Podcast „Meditation, Coaching & Life“ mit Dennis Lisk, den die meisten als Denyo von den Beginnern kennen. Auch er fand über Eckhart Tolle zur inneren Arbeit, ich selbst arbeite seit rund fünf Jahren täglich mit Eckhart Tolle und seinen Teachings. Seit rund 20 Jahren übt Denyo sich darin, schwierige Gefühle nicht zu bekämpfen, sondern bei ihnen zu bleiben. Seine Folge zeigt, was radikale Akzeptanz im Alltag bedeutet und warum sie Energie freisetzt, statt sie zu kosten.
Ein Buch, eine Trennung und ein neuer Blick
Denyo war Anfang 30, als sich für ihn vieles gleichzeitig sortierte. Gerade hatte er sich von der Mutter seines ersten Kindes getrennt, und große Sinnfragen standen plötzlich im Raum. Er plante eine Psychotherapie, doch ein Freund drückte ihm zusätzlich Tolles Buch „Eine neue Erde“ in die Hand. Für Denyo öffnete sich dadurch eine neue Welt, denn er begriff, dass er mehr ist als der Gedanke, der gerade durch seinen Kopf zieht. Hinter den Gedanken liegt ein Raum, der sie wahrnimmt und dieser Raum ist mehr er selbst als jeder einzelne Impuls. Genau diesen Raum kenne ich aus meiner täglichen I AM–Meditation, und deshalb traf mich seine Beschreibung so unmittelbar. In dieser Phase zog er sich auch für knapp eine Woche zu einem stillen Retreat nach Italien zurück.
Curse & Denyo: Warum Meditation nie fertig ist
Anfangs hielt Denyo seine ersten Fortschritte für den Abschluss, auch das kenne ich. Nach ein paar Wochen fühlte er sich stark und dachte, die Sache sei erledigt. Der Alltag holte ihn jedoch schnell ein, denn Kinder, Jobs, Platten und Touren zogen ihn immer wieder heraus. Erst Jahre später verstand er, dass es um Kontinuität geht, ähnlich wie im Gym. Ein Level, das man einmal erreicht, gibt es nicht, und wer nicht dranbleibt, landet schnell wieder bei null. Das deckt sich mit meiner Erfahrung, denn auch nach rund zehn Jahren auf dem Weg, davon seit 7 Jahren täglicher Praxis kommt es immer noch vor, dass ich aus der Präsenz (der meditative Zustand, in dem man seine Gedanken observiert anstatt sie zu sein) falle. Entscheidend ist, wie schnell ich es bemerke – und dieser Moment wird mit der Zeit kürzer. Denyo kennt das ebenfalls, wenn er mitten im Stress merkt, dass er keinen Bock mehr auf die alte Story hat.
Geduld, Juckreiz und die Endgegner
Spaß macht Meditation laut Denyo zunächst selten, denn sie bleibt Arbeit. Er spricht von Endgegnern und der erste heißt Geduld. Wir sind getrieben und verhandeln ständig mit der Zeit, deshalb wirkt schon das stille Sitzen wie eine Zumutung. Dann juckt es irgendwo und plötzlich wird der kleinste Reiz zur Folter oder zum Vorwand, doch aufzuhören. Dazu kommt die unbeantwortete Mail, die angeblich keinen Aufschub duldet. Manche erleben schon beim ersten Mal einen Moment des Staunens. Andere sitzen nur mit dem eigenen Chaos im Kopf und auch das gehört zum Weg. Sein Rat klingt trotzdem bodenständig: Wer fünf Minuten auf den Atem achtet, bis die Langeweile verschwindet, trainiert genau diese Geduld. So wächst das Vertrauen, auch den nächsten, schwereren Impuls auszuhalten. Der Benefit kommt laut Denyo über die Zeit, und wer ihn erlebt hat, versteht sofort, wovon er spricht.
Sitzen statt flüchten: Was radikale Akzeptanz bedeutet
Der Schlüssel liegt für Denyo darin, nicht nur zu beobachten, sondern alles anzunehmen, wie es ist. Das klingt banal, verändert aber den Umgang mit dem Unangenehmen grundlegend. Instinktiv wollen wir weglaufen, uns ablenken oder angreifen, deshalb greifen wir zu Handy, Essen oder Kaffee. Die Alternative lautet: sit with it! Wer bleibt und einfach sagt, es ist, wie es ist, erlebt, dass sich die Geschichte und die Energie dahinter auflösen. Das Thema bleibt bestehen, doch es verliert seinen Griff. Eine Falle benennt Denyo ausdrücklich: Wer mit der Erwartung hineingeht, dass sich etwas auflöst, will weiterhin etwas machen und akzeptiert gar nicht. Erst echtes Loslassen öffnet den Raum, aus dem man das Problem als kleinen Fleck auf einer sonst weißen Weste sieht.
Curse x Denyo x Meditation – Neid, Zweifel und die Jan-Frage
Wie konkret das wird, zeigt Denyos Beispiel aus der Band. Die Beginner waren auch sein Erfolg, doch das Gefühl, es sei vor allem Jans Erfolg, nagte an ihm. Jan war solo erfolgreicher und Denyo fragte sich, ob er es allein geschafft hätte. Das löste Neid, Unsicherheit und das Gefühl der Ungerechtigkeit aus. Die Dynamik färbte auf die Arbeit ab, und „Blast Action Heroes“ wurde laut Denyo schön, aber nicht das beste Album. Damals fehlte ihm der Abstand, um zu erkennen, dass sein Selbstwert an seiner Leistung hing. Jeder neue Gedanke fütterte das Gefühl, und das Gefühl fütterte den nächsten Gedanken, ein klassischer Teufelskreis. Wer sich selbst kennt, erkennt dieses Muster sofort. Heute registriert er solche Gefühle, ohne jedem Gedanken dazu neuen Treibstoff zu geben – und genau darin liegt der Unterschied zum Zwangsoptimismus.
40 Prozent mehr Energie für das, was zählt
Den größten Gewinn beziffert Denyo mit etwa 40 Prozent mehr Energie pro Tag. Früher floss sie in Probleme, die er ohnehin nicht lösen konnte, etwa in den alltäglichen Rassismus, den er als Afrodeutscher erlebt. Natürlich geht er weiterhin auf die Straße, doch er nimmt es nicht mehr so persönlich. Aus dem gewonnenen Raum entstehen neue Optionen und genau hier beginnt für ihn Manifestation. Sie hat nichts mit Wunschdenken zu tun, sondern übersetzt neue Sichtweisen in den Alltag. Wer täglich an Geld denkt, ohne zu handeln, manifestiert vor allem das Gefühl, keines zu haben. Wer innerlich weniger kämpft, hat mehr Kraft für das, was draußen wirklich zählt. Außerdem widerspricht er der Idee, man müsse sich zwischen Weltverbesserung und Meditation entscheiden; denn gerade die innere Arbeit schafft erst die Kapazität dafür.
Kern, Kunst und ein Typ ohne Guru-Attitüde
Aus diesen Erfahrungen entstand die App „Kern“, die Meditation, Journaling und Manifestation verbindet. Laut Denyo ist sie Ende-zu-Ende verschlüsselt, und eine KI begleitet in kurzen Fragerunden beim Sortieren der Gedanken. Wichtiger als die App ist ihm jedoch die Haltung: Er sei kein Guru, nur ein Typ, der das seit 20 Jahren macht. Am liebsten würde er Menschen eine Tür öffnen und sie weiterschicken. Zeitweise fand er kaum Raum zum Schreiben, weil Familie, Start-up und Alltag jede freie Stunde füllten. Auch seine Kunst profitiert davon, denn seit er sich akzeptiert, wie er ist, kehrt die Kreativität zurück und Druck weicht Vertrauen. Die nächste Platte kommt laut ihm genau zum richtigen Moment. Für mich bleibt deshalb ein Satz hängen: „Es reicht der Blick.“ Wer hinsieht und nicht wegläuft, bekommt seine Freiheit zurück.


