Adrian Younge & Ali Shaheed Muhammad – The Midnight Hour: Lost Tapes // Wiederentdeckte Nachtmusik, die den Kreis schließt

Wer den Namen The Midnight Hour nicht sofort einordnen kann, kennt die Musik mit ziemlicher Sicherheit. Ali Shaheed Muhammad gehört zu den Gründungsmitgliedern von A Tribe Called Quest, einer der beliebtesten Gruppen der Hip-Hop-Geschichte. Adrian Younge ist der Komponist, Multiinstrumentalist und Produzent der Lost Tapes, der den Klang vieler gefeierter Platten der letzten zwei Jahrzehnte geprägt hat. Zusammen bauen die beiden an dem Sound, auf den Kenner zeigen, wenn sie beschreiben wollen, wie große Musik sich anfühlt.
Younge startete das Projekt The Midnight Hour 2013, und 2018 erschien das selbstbetitelte Debüt mit Gästen wie CeeLo Green, Raphael Saadiq, Bilal und Marsha Ambrosius. Beim NPR Tiny Desk Concert spielte das Duo die Stücke anschließend mit sechsköpfiger Band. Doch als 2020 die Sessions für ein zweites Album liefen, übernahm Jazz Is Dead die Regie, und die Bänder blieben unvollendet liegen. Jetzt sind sie wieder aufgetaucht.
Neun Stücke zwischen Orchester und Rhythmusgruppe
„Lost Tapes“ versammelt neun Stücke, die ein weites Klangpanorama aufspannen. Der Auftakt „Harmony“ glänzt mit Younge an E-Bass und Fender Rhodes. Malachi Morehead trommelt, und das Linear Labs Orchestra füllt unter Younges Leitung den Raum. Loren Oden singt den Text, den er gemeinsam mit Younge geschrieben hat. So beginnt das Album mit Wärme und Weite zugleich, ganz ohne Eile. Der Groove bleibt dabei stets spürbar.
Insgesamt arrangiert und dirigiert Younge das Linear Labs Orchestra bei sechs der neun Stücke. „The Midnight Stroll“ setzt auf Younges Klavier. Ali Shaheed Muhammad spielt dazu sowohl E-Bass als auch Schlagzeug, und das Orchester begleitet beide. Bei „Constellation“ schichtet Younge Klavier, Vibraphon, E-Sitar und Percussion übereinander, Muhammad bleibt am Bass, Morehead am Schlagzeug. Auch hier trägt das Orchester das Stück, weshalb es wie ein Spaziergang unter weitem Himmel klingt.
Stimmen, Saiten und ein Instrumentenarsenal
„Til It All Falls Down“ gehört Sam Dew, der den Text schrieb und selbst singt. Younge greift hier zu E-Bass und Orgel, Muhammad übernimmt Schlagzeug und E-Gitarre, das Stück kommt ganz ohne Orchester aus. Sam Dew und Loren Oden geben dem Album zwei verschiedene Stimmen. Bei „Through My Soul“ kehrt Oden zurück, während Enlly den Text schrieb und das Stück komponierte. Dazu kommen Marcelo Bucater am Schlagzeug sowie Jack Waterson an E-Gitarre und E-Sitar.
Besonders reich bestückt ist „Water’s Edge“. Younge spielt dort Klavier, E-Gitarre, Vibraphon, Carillon, Sopranino- und Altsaxophon sowie Bassklarinette. Muhammad bleibt am E-Bass, und David Henderson sitzt am Schlagzeug. Bei „Through My Soul“ ergänzen außerdem Klavier, Orgel, Monosynthesizer und Vibraphon das Klangbild, während das Orchester den Rahmen bildet. Dadurch findet jedes Instrument seinen Platz in dieser Nachtmusik, das Ergebnis klingt nach Handwerk.
Ein Kreis, der sich endlich schließt
„Mahogany“ verbindet Klavier, Vibraphon und E-Gitarre mit dem Orchester. Muhammad übernimmt dabei Schlagzeug und E-Bass. „Donato’s Run“ kommt dagegen als reines Duo-Stück daher. Younge spielt Schlagzeug, Wurlitzer, Fender Rhodes und Percussion, und Muhammad ergänzt Bass und Percussion. Den Schlusspunkt setzt „Moreno“ mit Fender Rhodes, Percussion und Morehead am Schlagzeug, begleitet vom Orchester, die Rollen wechseln ständig.
Muhammad bedient im Lauf des Albums Bass, Schlagzeug, E-Gitarre und Percussion, während Younge von Klavier bis Carillon fast alles andere übernimmt. Die ersten Alben der Reihe forderten alles von den beiden, deshalb trat dieses Album einst für Jazz Is Dead zurück. Nun beschließt es dessen dritte Serie, und der Kreis schließt sich. Younges analoges Arrangieren trifft dabei auf Muhammads Gespür für den Groove. Wer diese Verbindung liebt, hört in „Lost Tapes“ ein würdiges Finale, das die Midnight Hour endlich zu Ende erzählt.


