300.000 Jahre Menschheit: Wo Menschen lebten – vom ersten Homo sapiens bis zu 8 Milliarden Menschen

Die Menschheit hat die Erde nicht auf einen Schlag erobert, sondern sie Jahrtausend für Jahrtausend Stück für Stück besiedelt. Eine Karte, die Bevölkerungsdichte als Stufen in die Landschaft setzt, macht diesen Weg sichtbar. Jede Stufe steht für dreimal mehr Menschen pro Quadratkilometer als die darunterliegende, und weil sich die Stufen am jeweiligen Weltbestand orientieren, bedeutet eine Stufe vor Zehntausenden Jahren weit weniger Menschen als heute. Land ohne Stufe war deshalb nicht menschenleer, dort lebten nur weniger Menschen als die niedrigste Stufe der Zeit. Die Daten stammen aus HYDE 3.2.1 und, für die Zeit vor 10.000 v. Chr., aus einem eigenen Modell mit Klima, Vegetation und archäologischen Ankunftsdaten. So beginnt die Geschichte vor rund 300.000 Jahren in Afrika und endet bei acht Milliarden Menschen. 300.000 Jahre Menschheit, wir schauen uns an, wo Menschen lebten – vom ersten Homo sapiens bis zu 8 Milliarden Menschen auf diesem Planeten.
Afrika: eine Wiege an mehreren Orten
Die ältesten Fossilien unserer Art stammen aus Jebel Irhoud in Marokko und sind rund 300.000 Jahre alt. Sie zeigen, dass der Homo sapiens nicht nur in einer Ecke Ostafrikas entstand, denn auch Florisbad in Südafrika mit etwa 260.000 Jahren und Omo Kibish in Äthiopien mit rund 230.000 Jahren gehören in diese frühe Phase. Das Forschungsteam um Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie sprach nach dem Fund in Marokko von einer Ausbreitung innerhalb Afrikas, lange vor dem Aufbruch auf andere Kontinente. Pinnacle Point im Süden Afrikas sowie Skhul und Qafzeh in der Levante ergänzen das Bild, wobei die Levante bereits außerhalb Afrikas liegt. Auf der Karte wachsen die ersten Stufen deshalb quer über den Kontinent und nicht von einem einzigen Punkt aus.
Toba, Bab el-Mandeb und der Weg nach Osten // 300.000 Jahre Menschheit
Vor rund 74.000 Jahren bricht der Toba auf Sumatra aus, einer der gewaltigsten Vulkanausbrüche der jüngeren Erdgeschichte. Auf der Karte folgt darauf der Aufbruch über die Meerenge Bab el-Mandeb, die Ostafrika von der Arabischen Halbinsel trennt. Von dort wandern die Gruppen weiter, und der Iran wird zur Drehscheibe, von der aus sich Menschen in mehrere Richtungen verteilen. Dazu passt der Befund der Genetik, dass die Vorfahren aller bislang untersuchten Menschen außerhalb Afrikas vor etwa 45.000 bis 49.000 Jahren eine gemeinsame Population bildeten. Danach geht es schnell, denn Menschen erreichen Sahul, den damaligen Großkontinent aus Australien und Neuguinea, und sie erreichen Europa. Die Stufen bleiben dabei niedrig, weil jede Gruppe klein ist und weite Landstriche nur dünn besiedelt sind.
Europa: Pioniere ohne Nachkommen
Wie klein diese Gruppen waren, zeigen Funde aus Ranis in Deutschland und Zlatý k?? in Tschechien. Das Team um Arev Sümer und Johannes Krause wertete dort rund 45.000 Jahre alte Genome aus und kam zu dem Ergebnis, dass die Menschen zu einer kleinen, isolierten Familiengruppe gehörten. Sie lebten mindestens 5.000 Jahre parallel zu Neandertalern und vermischten sich mit ihnen, doch sie hinterließen keine Nachkommen, die heute noch leben. Die ersten Europäer waren also keine breite Welle, sondern Pioniere, deren Linie ausstarb. Solche Studien liefern gemeinsam mit Klimadaten und archäologischen Ankunftszeiten die Grundlage für das Modell der Karte, das für die Zeit vor 10.000 v. Chr. gilt. Danach geht es nach und nach in die HYDE-Daten über, und ab 5000 v. Chr. gilt HYDE allein.
Eiszeit: 2,2 Millionen Menschen und ein Meer, das 120 Meter fehlt
Vor 26.000 Jahren leben nach grober Schätzung nur 2,2 Millionen Menschen auf der Erde, und die Eiszeit erreicht ihren Höhepunkt. Das Letzte Glaziale Maximum, das etwa von 26.000 bis 19.000 Jahren vor heute dauert, türmt Eis bis zu drei Kilometer dick auf, und der Meeresspiegel liegt 120 Meter tiefer als heute. Großbritannien hängt deshalb fest am europäischen Festland. Die Karte zeigt, wie sich die Menschen auf wärmere Regionen verdichten, vor allem in Afrika, Südasien und Südostasien, während der Norden Amerikas und Eurasiens unter Eis liegt. Wo dort keine Stufe steht, lebten schlicht weniger Menschen als die niedrigste Stufe der Zeit verlangt, denn die Legende reicht in diesem Moment von 0,0016 bis 16 Menschen pro Quadratkilometer.
300.000 Jahre Menschheit – Amerika und der Weg zur Sesshaftigkeit
Der amerikanische Doppelkontinent bleibt in dieser Zeit weitgehend ohne Stufen. Dann tauchen die ersten Spuren auf, denn die Fußabdrücke von White Sands in New Mexico stammen aus der Zeit vor rund 21.000 bis 23.000 Jahren und gelten als frühe Belege für Menschen in Amerika. Weit im Süden folgt Monte Verde in Chile mit Spuren aus der Zeit vor etwa 14.500 Jahren. Nach dem Ende der Eiszeit wächst die Zahl der Menschen, und um 9500 v. Chr. entsteht in der heutigen Türkei Göbekli Tepe, eine monumentale Anlage, die für den Umbruch zur Sesshaftigkeit steht. Auf der Karte verdichten sich die Stufen jetzt dort, wo Flüsse und fruchtbare Böden das Leben in festen Siedlungen möglich machen.
Reiche, Kriege und Seuchen
Um 3100 v. Chr. wird Ägypten vereint, später folgen Han-China und das Römische Reich, dessen Fall im Jahr 476 die Karte Europas verändert. Bis 1222 steigt die Weltbevölkerung auf 447 Millionen. Die Mongolenzüge von 1206 bis 1279 bringen Krieg und Hunger, und Nordchina sowie der Iran verlieren ein Viertel ihrer Menschen. Wenig später zieht der Schwarze Tod durch Eurasien, während in Amerika nach der Ankunft der Europäer die Bevölkerung zusammenbricht. Dann folgt Chinas Aufschwung, und die Stufen im Osten Asiens wachsen zu den höchsten der Karte heran. Die Legende zeigt 1222 bereits Dichten von bis zu 230 Menschen pro Quadratkilometer, das ist ein Vielfaches der Werte aus der Eiszeit.
Von einer Milliarde zu acht Milliarden
Um 1808 erreicht die Menschheit 998 Millionen. Die Industrielle Revolution lässt Großbritannien zwischen 1801 und 1901 von 10,5 auf 37 Millionen Menschen wachsen und auf Hungersnöte, Aufstände und Goldrausch folgt das Wachstum Indiens. Dort steigt die Bevölkerung zwischen 1951 und 2011 von 361 Millionen auf 1,21 Milliarden. 2006 leben 6,54 Milliarden Menschen auf der Erde, und 2009 überschreitet Afrika die Marke von einer Milliarde, mehr als das Vierfache des Werts von 1950. Die höchste Stufe der Legende liegt dann bei 900 Menschen pro Quadratkilometer, vor 26.000 Jahren waren es 16. So führt der Weg von kleinen Pioniergruppen zu acht Milliarden Menschen, und jede Stufe auf der Karte erzählt davon, wie Wanderung, Klima und Geschichte zusammenwirken.


