Wie ich einmal 15 Monate schwarz fuhr

Ich berichtete an dieser Stelle ja bereits einmal von meiner Zivildienstzeit und der damit einhergehenden, relativ bescheidenen Entlohnung. Gut, man verdiente immer noch mehr als der klassische Grundwehrdienstleistende, aber in meinem speziellen Fall als Küchenhilfe in der hiesigen Mensa gab es ja schonmal kein Essensgeld. Und nun komm‘ mal einer mit knapp 560DM (aka 280€) im Monat aus; da muss man auch als Noch-Zuhause-Wohnender den Gürtel enger schnallen als Ess-Brech-Süchtige bei Ulla Popken. Hat man sich vor seiner Zivildienstzeit überdies einen Lebensstil, exklusiver als Frauke Ludowig angeeignet, ist man ja wirklich gezwungen, sich nach Rationierungsmaßnahmen umzusehen. Und was lag da näher als der Engländer am Palma-Pool: na klar, die Monatskarte für den Bus – die muss nicht sein!

Bei uns hingen in den Bussen seinerzeit so ausgefuchste Anti-Schwarzfahr-Werbeschilder, auf denen so manch gesellschaftlich Akzeptierter in schwarzweiß seine Handfläche vor die Augenpartie hielt und via Sprechblase das Statement „Ich Esel bin schwarzgefahren, nie wieder! Neben der Blamage auch noch 50DM weg!“ mitzuteilen vermochte. Allein diese „Esel“-Allegorie war für mich schon eine Aufforderung zum Delikt. Hinzu kam der Nervenkitzel und ein etwaiges Remis im Falle der Überführung – so kostete das Monatsticket doch auch schon fast so viel wie das verhängte Bußgeld. Also wer als busfahrender Zivildienstleistender ohne Essensgeld-Ausschüttung in den 90ern nicht schwarz fuhr, der guckt heute auch Sex & The City. Oder Lindenstraße.

Es gab allerdings auch den Tag, an dem ich mir das fast noch einmal überlegte. Ich fuhr wie immer um 15.12h mit der Linie 34 nachhause und kämpfte mit dem Wachbleiben (Dienstantritt war 7.00h; das muss man sich mal vorstellen! ICH!). Auf meiner vorletzten Station stiegen zwei Kontrolleure in den Bus und ich ahnte, dass es diesmal enger werden könnte als in Schallschutzfensterfugen. Ich stieg also von meinem Platz auf und versuchte möglichts unauffällig einen Stehplatz zu ergattern, dabei zeigte ich mich von der Anwesenheit der Denunzianten Aufsichtsbeamten eher unbeeindruckt. „Junger Mann, wo wollen Sie denn hin?“, sprach mich dann einer der Herren, den Türbereich zustellend, an. „Gerne nach Jamaica, aber im Aalborgring ist wohl Endstation, wie ich hörte!“. „Nun werden Sie mal nicht frech. Zeigen Sie mir mal ihren Fahrausweis!“. Der Bus war inzwischen an meiner Ziel-Station angekommen. „Kann ich machen, dann steigen Sie aber bitte hier mit mir aus, ich möchte nicht den ganzen Weg zu Fuß zurückgehen.“. Ich drängelte mich zur Tür. „Nein nein, Sie sind verpflichtet, mir den Fahrausw…“. „Jaaa, ich hörte sowas.“, unterbrach ich ihn. „Ich bin übrigens Zivildienstleistender und somit von der Fahrscheinpflicht befreit!“, log ich und kramte in meinem Portemonnaie herum, während der Kontolleur per Blickkontakt Rückendeckung von seinem Amtsbruder signalisierte. Diesen Moment der Unaufmerksamkeit nutzte ich zur Flucht. Ich glaube, ich habe noch so etwas wie „ich hol‘ ihn schnell!“ gerufen, kann mich aber auch täuschen.

Am nächsten Tag dachte ich dann wirklich kurz über das Lösen eines Fahrscheines nach. Aber dann kam der Bus.

Kommentare

40 Antworten zu “Wie ich einmal 15 Monate schwarz fuhr”

  1. der.grob sagt:

    bei uns hieß es immer: wer mit fahrschein fährt isst auch rosenkohl.
    (nur jochen mit dem hinkebein hatte immer einen gültigen fahrschein dabei. aber mit dem wollte eh keiner was zu tun haben. ich glaube sogar, er hat damals tatsächlich rosenkohl gegessen.)

  2. Erdge Schoss sagt:

    Sie Tänzer!

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  3. Tapedeck sagt:

    Damals war sogar das schwarz fahren billiger. Muss man sich ma vorstellen. Mittlerweile sind das 80 Mark! Gut, Monatsticket ist ja auch fast so teuer. Relation ist also gleich ^^

    Aber eins muss man sagen. Ich mach ja jetzt sowas wie Zivi und dat Ticket wird mir voll bezahlt. Geht schon klar ;)

  4. Robby sagt:

    *lach* – habe mir auch schon mal überlegt, das auszurechnen. Preise für Monatskarte/erwischt werden, Wahrscheinlichkeit kontrolliert zu werden, Wahrscheinlichkeit sich rausreden zu können etc.

    Aber Fahrscheinkontrolleure… wer nichts wird, wird Wirt – oder Fahrscheinkontrolleur. Und die erkennt man dann aufgrund ihrer unauffälligen Art und Weise an den Haltestellen oder beim Einsteigen.

  5. nilsn sagt:

    Also bei mir in Hannover war das früher mit weglaufen undenkbar, ist ja so mit Untergrundstationen. Und wenn man dann am 10ten des Monats schon das zweite Mal erwischt wurde, da blieb dann ab dem 20ten die Kehle trocken.

    Schön wars aber auch…

  6. jo sagt:

    Ich könnte nun freilich erwähnen, wie ich die spätere Bundeskanzlerin videographieren sollte, kurz vorher mein Auto zu Klump und anschließend schwarz mit dem Bus fuhr. D.h. eigentlich nicht, ich hatte ja eine Karte. Nur daheim. Wer ahnt schon, dass er sein Auto zerlegen würde und anschließend mit *zufällig* auf dem Ablaufdatum liegenden Finger (Studiticket, da geht das) einen Kontrolletti überzeugen muss? Ich (Eisenbahnerkind, da hört man ja quasi täglich, welch dramatische Folgen Schwarfahren für die Karriere haben kann) hätte auch nie gedacht, dass ich angesichts der Ordnungsmacht so überzeugend die Wahrheit verzerren kann. Aber _ich_ schäme mich wenigstens. Die Tomate habe ich später trotzdem nicht geworfen, ich musste ja arbeiten.

  7. EinMensch sagt:

    Also Herr Winkel, da sind Sie ja noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen.

  8. vogelmann sagt:

    Ich LIEBE Rosenkohl. Und ich fahre nie schwarz. Dafür popele ich gern in Öffentlichkeit.

  9. Thomas sagt:

    Ob sich Robbys Theorie wirklich auszahlt? Beim dritten Mal hagelt es eine Strafanzeige, die dann sicherlich nicht mehr mit 40 € erledigt sein dürfte….. ich weiß ja nicht :-)

  10. steuertusse sagt:

    ich hatte zum glück immer ein jobticket… das zahlt ja eh der arbeitgeber ;o)

    allerdings fällt mir dazu auch eine story ein…. ich bin doch einmal schwarz gefahren…allerdings gezwungener Maßen…

  11. Scholli sagt:

    Lindenstraße-gucker sind mir auch suspekt. Ich kannte mal einen, der hat nicht eine Folge verpasst.
    UND er mochte keinen Rosenkohl.
    Aus die Maus, sag ich Ihnen! Ob er schwarzgefahren ist, weiß ich nicht…

  12. bademeister sagt:

    saubere sache, mc! schreib doch mal über deinen zivildienst in der mensa! da gibts bestimmt die ein oder andere mc winkel-story. kann mir einfach nicht vorstellen, dass du da pflichtbewussten dienst nach vorschrift geleistet hast………..!?

  13. Johanna sagt:

    Also in den 90er bin ich auch immer schwarz gefahren. Da war ich ja auch noch jung und unbedarft und brauchte das Geld. (Sex and the city guck ich übrigens trotzdem)
    Heute schaff ich das mit dem Schwarzfahren nervlich einfach nicht mehr. Selbst wenn ich mein Semesterticket mal zu Hause liegen gelassen habe, kaufe ich mir eine Karte. Irgendwie ist der Nervenkitzel von damals einer unguten Nervosität gewichen. Hach, man wird halt älter. Rosenkohl mochte ich früher schließlich auch nicht.

  14. Ohje, das hätte ich mich nie getraut. Ich hatte bei allen Missetaten immer ein Schild auf der Stirn, welches meine Verfehlungen immer gleich in Großbuchstaben anpries. Also habe ich sowas immer gelassen.

    Ihre Frau Ährenwort

  15. […] MC hat mich an etwas erinnert, auch wenn ich mal überhaupt nichts dafür konnte… Es ist […]

  16. Kiki sagt:

    Männer ohne Nerven… Hut ab, MC!

  17. durchtriebenes stück, sie!

  18. Frechdachs.
    Lümmel! UNERHÖRT.

    (Zahlen Sie bitte ohne weitere Aufforderung €500
    oder jeden höheren Betrag auf das Kto. 500beine, Buskontrollen.
    Stichwort: Gnadenticket)

  19. Markus sagt:

    Hehe, ausgezeichnet. Diese Kontrolleure sind aber auch ein Pack, selbst wenn man nen Fahrschein hat machen die einen blöd an.

    In diesem Sinne =)
    „Gut das ich immer schnell war beim 100-Meter-Lauf“

  20. mee sagt:

    Nicht schlecht Hr Winkel, nicht schlecht. Ich hab wohl nicht so ne lockere Zunge, denn ich wurde mal gebüst, obwohl ich ein Fahrschein hatte. Nicht abgelaufen, nur die falsche Zone …

  21. MC Winkel sagt:

    @ Gürtel: Dicker, tu sowas nicht! :)
    @ der.grob: WIE BITTE? Also lieber Herr Grob, DAS ist mir jetzt wirklich zu widerlich!
    @ Erdge Schoss: Friends call me, werter Herr Schoss, „The Bouncer“.
    @ Tapedeck: Naja, bei den heutigen Spritpreisen, nech!
    @ Robby: Damals, also ganz damals, so im Mittelalter, da nannte man das noch „Unehrliche Berufe„.
    @ nilsn: Oder? Wobei mir gegen die trockene Kehle immer die Fante aus dem Mensa-Kühlraum half. Ich bekam ja kein Essengeld, weiß gar nicht, ob ich das erwähnte. :)
    @ jo: Tomaten? Ich hätte sie geworfen. Oder kam der Bus.
    @ EinMensch: Da mögen Sie recht haben.
    @ vogelmann: Pfuisen, Herr Vogelmann, dass erzähle ich dem künftigen US-Präsi! :)
    @ Thomas: Strafanwas? Naja, 3x – so weit lässt man’s dann ja auch nicht kommen, nä!
    @ steuertusse: Sie Outlaw!
    @ Scholli: Kündigen Sie, werte Frau Scholli, dem Lindestraßen-Gucker bitte zeitnah die Freundschaft!
    @ bademeister: Klick doch mal auf den Link, Dicker. Oder gib ins Suchfenster „Zivildienst“ ein. Da geht noch mehr!
    @ johanna: BIDDEWAS? Sie hören doch gute Musik; da DÜRFEN – nein – DA KÖNNEN SIE DOCH NICHT SO EINE SCHEIßE GUCKEN!? Und was heisst hier eigentlich „früher“? Sie mögen Rosenkohl? Rap&Rosenkohl? Mensch, das geht doch nicht! :)
    @ Frau Ährenwort: God gave Rock’n’Roll to you!
    @ Kiki: Naja, vielleicht war ich auch einfach nur müde!
    @ little-wombat: eat me alive!
    @ 500: Nein. Also; ich zahl‘ das nicht, Nicht, wo Sie mich so dreist beschimpft haben! :)
    @ Markus: Unter 12 Sekunden? :)
    @ mee: Und Sie haben nicht vom Faustrecht gebraucht gemacht? Also sowas.

  22. Yannick sagt:

    Hehe, bei uns wird nie kontrolliert, aber ich denke ich werde bald auch auf mein Monatsticket verzichten und das Geld in Sprit umsetzen^^….

  23. deus62 sagt:

    Ich habe lange Jahre in Kopenhagen gewohnt (als Bob Marley noch lebte und Led Zeppelin eines ihrer letzten Konzerte dort zum besten gaben … also lange her). Damals mußten die Kontolleure alle eine braune Uniform tragen (mit dämlicher Kappe). Ergo bestanden alle unsere Fahrten mit der S-Bahn in Kopenhagen immer daraus, an jeder Station entweder aus dem Fenster zu schauen, ob die braunen Männer unterwegs waren, oder – bei unübersichtlichen Bedingungen in der rush hour – an jeder Haltestelle den Wagen zu wechseln. Freifahrten waren so ohne Probleme möglich.

    Nach durchzechter Nacht bin ich dann leider einmal eingeschlafen, aber das ist eine andere (lange) Geschichte an deren Ende ich eine dämliche braune Kappe besaß und auch nicht gelöhnt hatte. Erzähle ich irgendwann einmal, wenn die Verjährungsfrist abgelaufen ist.

    Ich war früher übrigens als „Volkher“ hier (zur Zeiten deiner Lesung in Frankfurt … und davor), heute heiße ich deus62. Komische Welt.

  24. rigoros sagt:

    also ich weiss ja nicht, ob ich was falsch gemacht habe, aber wenn ich das richtig erinnere, dann hatte ich vom altehrwürdigen bundesamt für zivildienst eine fahrkarte für von zuhause bis zur dienststelle. die strecke war recht flexibel angelegt, konnte also auch „dienstfremd“ genutzt werden.

  25. Daniel sagt:

    Ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht schwarz gefahren… höchstens blau.
    Aber vielleicht probiere ich es heute mal! ;-)

  26. Scholli sagt:

    Wenn Sie wüssten, Herr Winkel, wenn Sie wüssten!
    Das war so ein Elend, da war Lindenstraße gucken noch das sympathischste Merkmal.

  27. Kaal sagt:

    “Ich bin übrigens Zivildienstleistender und somit von der Fahrscheinpflicht befreit!”
    Solche Reflexe hätte ich auch gerne :)

  28. dleenes sagt:

    MacGayver hätte es nicht anders gemacht, werter MC

  29. Venden sagt:

    McGyver hätte sich mit Hilfe einer Serviette und einer leeren Kugelschreibermine eine Monatskarte gebastelt – oder gleich den ganzen Bus vor den Ticketschnüffler gerettet (Gut gegen Böse).

    :)

    Gruß,
    Venden

  30. Cara sagt:

    So Fahrkartenkontrolleure sind ganz arme Schweine.
    Die müssen den ganzen Tag streng gucken und böse Leute identifizieren.
    Das geht denen auch an die Nieren!
    Habe mich mal so ’n Stündchen sehr nett mit einem unterhalten, der mit mir aus dem Bus ausstieg (!), weil ich meine Fahrkarte nicht finden konnte.
    Ich hatte eine! Nein, genauer gesagt so ca. 15. 14 davon natürlich längst ungültig.
    Hat eben bißchen gedauert, bis ich die richtige dann ausgegraben hatte.
    Aber der Mann war auch irgendwie froh, daß er mal jemand sein Leid klagen konnte.
    Zum Schluß hat er mir sogar noch einen guten Rat geschenkt:
    wegschmeißen, die ollen Dinger. Immer gleich wegschmeißen.

  31. Johanna sagt:

    aber rap und rosenkohl ist doch eine ganz wunderbare alliteration! das schreit nach einem blog-artikel. vielleicht darüber, warum man schwachsinn im fernsehn gucken und trotzdem cool sein und gute musik hören kann. werde das notieren…
    gebe ihnen dann rechtzeitig bescheid, damit sie nicht arglos dieses dunkle kapitel meiner blog geschichte tappen und ihnen den ganzen tag übel ist.

  32. dopestar sagt:

    manche sachen kann man nicht kaufen, so wie adrenalin. :)

    und naja 4 monaten zug fahren und mal eben 430 euro sparen, lohnt sich ja auch. :>

  33. bin auf diät! *g*

  34. Westpfalz-Johnny sagt:

    Um 7.00h war Arbeitsbeginn? uiuiui, Winkelsen! Wie oft kamste denn da zu spät?

  35. nina sagt:

    ich tu immer so als würd ich schlafen. richtig süss mit halboffenem mund und so. klappt nicht immer, aber ab und zu. blöd nur, wenn man dabei wirklich einschläft und erst am hinterletzten ende der endstation wieder zu sich kommt.

  36. aga80 sagt:

    Ja super ich werde ca 3-5 x im Monat kontrolliert , da zahle ich lieber 60 Für die Monatskarte.

  37. Smartlady sagt:

    *lach* mal wieder herrlich erzählt Herr Winkel :) wenn ich mal schwarz fuhr, hab ich mir fast vor Angst in die Hosen gemacht und immer gefürchtet, man könnte es mir an der Nasenspitze ansehen.

  38. schaezle sagt:

    @scholli: ich bekenne, ich schau gern lindenstraße.

    @280 €: dann könnte ich ja noch 100 Euro monatlich in einen Einzahlplan werfen^^

    @schwarzfahren: als ich anno dazumal mein Abitur machte, hatte ich die tolle Idee, die 140 Mark für die Karte zu sparen und so kaufte ich jeden Monat eine Bahnkarte nach Ulm, mit Rückfahrt. Die war 30 Tage lang gültig und kostete ca. 50 Mark. Der Zubringer, in dem Fall die S-Bahn zum Bahnhof war in der Karte natürlich dabei. So fuhr ich mit der Karte immer hin und her und stieg niemals in den Zug nach Ulm, was will man schon in Ulm?. Nach 30 Tagen gab ich die Karte zurück und ließ mir mein Geld erstatten, bis auf die 13 Mark Bearbeitungsgebühr. Tja. Ich denke dafür komme ich in die Hölle.

  39. Manniac sagt:

    *lach*
    Sowas hab ich mal live in der Berliner U-Bahn beobachtet. Bin dann immer erstaunt, dass die BVG wirklich so doof ist, solche Fettklopse einzustellen, die nicht anständig hinterherrennen können *snigger*

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