Vince Staples – Cry Baby: Der ehrlichste Mittelfinger gegen Amerika

Vince Staples Cry Baby

In seinen letzten beiden Werken richtete der Rapper die Kamera noch nach innen, um das Leben im Ramona Park zu beleuchten. Mit seinem neuen Meisterwerk dreht er den Spieß jedoch komplett um und blickt direkt auf die gesamte Nation. Vince Staples verzichtet auf „Cry Baby“ komplett auf programmierte Drums und setzt stattdessen vollständig auf organische, raue Live-Gitarren. Trotz des musikalischen Wandels bleibt der Fokus unverändert stark auf seinem eigenen Körper und seinen intensiven Erfahrungen. Im Song Blackberry Marmalade trägt eine einfache Gitarrenmelodie eine vermeintliche häusliche Idylle, die sich schnell als bittere Täuschung entpuppt. Der Künstler bricht die amerikanische Folklore radikal auf und formuliert die ständige Angst vor rassistischer Gewalt. Die eindringlichen Verse spiegeln das komplette Spektrum wider, wie die Gesellschaft einem Schwarzen Mann im Laufe seines Lebens begegnet.

Vince Staples x Cry Baby – Gegen die Staatsgewalt

Besonders intensiv wird diese beklemmende Atmosphäre im Track Go! Go! Gorilla, der eine alltägliche Polizeikontrolle beschreibt. Der Protagonist stellt die fundamentale Frage, warum er permanente Angst vor einer Waffe und einer Dienstmarke haben muss. Die gesamte Historie des Landes komprimiert der Musiker in wenigen Zeilen, die von tiefer Ohnmacht geprägt sind. Auch das Stück The Big Bad Wolf greift diese unerträgliche Ohnmacht geschickt auf. Hier leiht sich der Rapper das bewährte erzählerische Grundgerüst von Slick Ricks Klassiker Children’s Story. Die Geschichten enden fast immer mit tragischen Schlagzeilen oder drakonischen Gefängnisstrafen für die Betroffenen. Die Gewalt der Behörden bleibt ein ständiger Antagonismus, den man einfach nicht überlisten kann.


Die Demontage der Mythen

Vince Staples greift gezielt nach den abgenutzten Symbolen der Nation und lässt sie in seinen Händen verrotten. Im Song Only In America kontrastiert er patriotische Phrasen mit der brutalen Realität von Waffengewalt und historischer Ausbeutung. Das spöttische Fazit dieser Abrechnung reduziert sich am Ende auf ein bitteres, viersilbiges Achselzucken. Auch das darauffolgende Stück TV Guide nutzt den Bildschirm als Metapher für den täglichen, lähmenden Medienkonsum. Das Fernsehen fungiert hier als Droge, die den Protagonisten durch den Tag und die Nacht bringt. Zwischen den normalen Sendungen flimmern reale Hinrichtungen über den Bildschirm, was zu einer totalen Reizüberflutung führt. Am Ende schießt der Künstler aggressiv gegen das Publikum und hinterfragt die eigene Rolle der gaffenden Zuschauer.

Vince Staples x Cry Baby – Einsamkeit im Rampenlicht

Hinter den Flaggen und den Polizeilichtern ziehen sich die Songs immer wieder auf einen erschöpften Mann zurück. In White Flag singt er eine zermürbende Hymne des Aufgebens über eine kaputte Ehe und die permanente Flucht. Das Stück The Running Man ist noch dichter sowie deutlich verängstigter produziert. Der Musiker gesteht offen, dass er keinen Therapeuten besucht hat und ihm nur der nackte Schmerz bleibt. Der Track Do You Know the Devil verhandelt schließlich den ultimativen Pakt mit dem Teufel. Der verlassene Crybaby steht am Ende ganz allein in der spartanischen Gesangskabine, ohne jede Hilfe.


Das bittere Fazit

Der Song Cotton bietet den einzigen kurzen Moment der Ruhe, in dem die Musik Vorrang vor den Worten erhält. Das Album endet schließlich mit 7 in the Morning wie ein unaufhaltsamer, düsterer Militärmarsch. Hier stellt Vince Staples die alles entscheidende Frage, warum der Tod eigentlich unsere tägliche Unterhaltung sein muss. Nach der Trennung von seinem alten Label Def Jam hatte der Rapper endlich die absolute kreative Freiheit. Niemand redete ihm rein, weshalb dieses Werk so wunderbar feindselig, nackt und absolut radiountauglich klingt.

Vince Staples liefert mit Cry Baby ein ungemütliches, aber meisterhaftes musikalisches Statement ab, das den amerikanischen Traum komplett dekonstruiert. Das Album zeigt einen kompromisslosen Künstler auf dem absoluten Höhepunkt seiner erzählerischen Kraft.

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