Tage des Donnerns

Man kann sagen, dass der Beginn meiner Beziehung zu K. nicht gerade unter einem guten Stern stand. Ende der 90er hätte ich eigentlich wissen müssen, dass man es mit in 3er-Frauen-WG lebenden Studentinnen per se nicht leicht hat. Mal abegsehen von Mitbewohnerin A., die zu semistarkem Bartwuchs im Mund-/Kinnbereich neigte und sich im Gesicht somit öfter nass rasierte als ich. Und abgesehen von Mitbewohnerin B., die es für eine überdurchschnittlich gute Idee hielt, einen arbeitslosen, Spielsucht gefährdeten Albaner ohne deutsche Staatsangehörigkeit zu heiraten; es gab dennoch gute, apfelförmige Argumente. Und was wäre ich für ein unromantisches Arschloch, wenn ich nicht an die ewige Beständigkeit einer ungetrübten, grundsoliden deutsch/albanischen Liebe glauben würde? Oder an den östrogenbedingten Triumph über halsstarrigen Damenbart.

Ich hätte eher an die wirtschaftlichkeit einer Baumwollplantage auf der Sonne oder an ein wirklich witziges Sat1-Fernsehprogramm am Freitag Abend gerechnet, als an diese Katastrophenmeldung, die mir bereits am dritten Tag meiner neuen Beziehung zugetragen wurde: offensichtlich hatte sich ein subtropisch-mediterranes Wintergewitter über das ungefälschte, noch so junge Liebesglück zwischen Mitbewohnerin B. und Nexhat gelegt. Von kontinuierlichem Ehebruch war die Rede. Von monetärem Diebstahl an der eigenen Gattin. Außerdem wurde beim Ehemann der Konsum chemischer Drogen in Betracht gezogen und letztlich sei wohl eine geballte Außenhand ausgerutscht.

Für mich brach die Welt zusammen wie das Kölner Stadtarchiv, aber gut – wir mussten den Tatsachen ins Auge sehen. „Lil‘ MC, ich verlasse noch heute Nacht die Stadt. Ich traue mich aber nicht mehr in unsere WG-Wohnung weil ich weiß, dass Nexhat dort vor der Türe lauert. Du bist der einzige Mann, dem ich das erzählen kann, Du musst mir helfen!“, warf Mitbewohnerin B. mir weinend, mit zerbrechlicher Stimme und Dackelblick zu. Schräg hinter ihr, ähnlich dackelblickend und nicht minder erwartungsvoll, stand K., die sonst auch keine andere Lösung kannte. „Und ich muss die nächsten Wochen bei Dir wohnen. Ich werde sonst getötet!“. Gut, kurz vor dieser neuen Liaison war die Bundesligarückrunde das größte Drama in meinem Leben. War ja klar, dass sich etwas ändern musste. „Ich kümmere mich darum, versprochen!“, sagte ich keinen Deut weniger pathetisch. Als ich beim Weggehen meine Zigarette mit Daumen und Mittelfinger gegen das Mauerwerk des heimlichen Treffpunktes (öffentliche Toilette im einwohnerärmsten Stadtteil Kiels) schnippte, fühlte ich mich sogar ein wenig sizilianisch.
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[Fortsetzung folgt…]

Kommentare

31 Antworten zu “Tage des Donnerns”

  1. ernestina sagt:

    Klingt nach einem der Herren, mit denen ich seinerzeit gelegentlich im Flip Billard spielte. Und dabei immer verlor.

  2. Aquii sagt:

    Oh, lieber Winkelsen, seien Sie froh, das es ein Spielsüchtiger Albaner war, sonst hätte Ihr beruflicher Werdegang eine nicht geahnte Wendung nehmen können ;)

  3. Thearcadier sagt:

    Ey Winkel, Du hast es echt drauf. Hab mich direkt nach den ersten drei Zeilen weggeschmissen, hoffentlich lässt die Fortsetzung nicht allzulange auf sich warten…

  4. Johanna sagt:

    Ach Gott, Mr. Winkel!
    Naja, immerhin wissen wir schon (ACHTUNG SPOILER!), dass Sie überleben.

  5. Erdge Schoss sagt:

    Sie haben, werter Herr Winkelsen,

    die Kippe doch nicht etwa in die Urinalrinne geschnickt?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  6. Mone sagt:

    Man sollte „vorsichtshalber“ die Freunde von potentiellen Partnern erst abchecken, bevor mehr läuft… ^^

  7. der.grob sagt:

    ich hätte mich an ihrer stelle mit dem albaner angefreundet. es ist nie verkehrt, albanische freunde zu haben. aber vielleicht haben sie das ja auch?

  8. 500beine sagt:

    das ist unschön, ja, wenn die mitbewohnerin mehr bart trägt als man selbst, und dann auch noch im gesicht.

  9. Herr Schmidt sagt:

    Und welches Haus ist danach durch die weggeworfene Kippe abgebrannt?

  10. Wusste ich doch, Herr W., dass Sie sich gern als Held aufspielen. Warum habe ich das Gefühl, dass das Superman-Kostüm etwas zu klein ist für Sie?

  11. Silvie VDF sagt:

    hielt denn wenigstens ihre beziehung noch länger?
    vielleicht… ewig? ^^

  12. Solidglobe sagt:

    Oha, ich kann mir ausmalen wie es weitergeht… ne Freundin von mir hatte auch mal so n Albaner am start…

  13. Kaal sagt:

    Sizilianisch? Pleite?

  14. Roman sagt:

    Bei dem Unglück in Köln sind zwei Menschen ums Leben gekommen. Finde ich etwas pietätlos das dann für so ’nen nicht mal sonderlich lustigen Vergleich hier heranzuziehen.

  15. MC Winkel sagt:

    @schaezle: Wie meinen?
    @ernestina: Echt? Ne alte Flip-Gängerin? Da war die Mafia noch die Mafia. Nicht so brutal wie heute. Die guten alten Zeiten. :)
    @Aquii: Bin ich aiuch, Herr Aquii!
    @Thearcadier: Danke! Kommt noch diese Woche…
    @Johanna: Dass Sie auch immer alles verraten müssen! :)
    @Erdge Schoss: Sowas, werter herr Schoss, würde ich NIE tun! Es gibt doch Papierhandtuchspender.
    @Mone: Oder mehr laufen lassen und dann schnell gehen. :)
    @der.grob: Nun hören Sie mal zu, ich BIN Albaner!
    @500beine: Die hatte sogar Haare auf den Fußsohlen! (Zunge auch)
    @Herr Schmidt: Kennst Du 9/11? (sry)
    @Lenny_und_Karl: Sie sagen es: es ist way too klein!
    @Silvie VDF: Nicht der Rede wert. :)
    @Solidglobe: Sagen wir so: es hat noch etwas mit Angstschweiß zu tun!
    @Kaal: Nee, nur klein halt. :)
    @Roman/Nina/Miriam/Stuessy: Um ehrlich zu sein: ich habe überlegt, ob ich den bringen kann. Rede mich jetzt einfach mal mit „Satire“ raus. Warum kommentierst Du anonym und immer mit unterschiedlichen Namen?

  16. sinahawk sagt:

    Ach lass dir nix einreden Winkelsen, der mit dem Stadtarchiv war gut. So und nun möcht ich aber die Fortsetzung lesen – auch wenn Johanna ja schon wieder rumgespoilt hat … das hat mir jetzt n bissel die Spannung genommen #montag

  17. Heiko sagt:

    Sack und Asche, ich kann die Fortsetzung gar nicht abwarten!
    Hat sich schon wer die Rechte an einer Verfilmung gesichert?

  18. jaykay sagt:

    endlich mal wieder eine fortsetzung folgt geschichte

  19. Ronnie sagt:

    Haben denn da die apfelförmigen Argumente bei Ihnen gezogen?

  20. danimateur sagt:

    winkelsen, man macht keine geschäfte mit die nachbar…:-)

  21. classless sagt:

    Scheint als hättest du ein langweiliges Leben, weil du alles bemäkelst, was nicht in dein Langeweiler-Schema von Geschlechterrollen paßt.

  22. MC Winkel sagt:

    @sinahawk: Siehste, find‘ ich nämlich auch.
    @Heiko: Warner hat angefragt, werde aber noch abwarten. ^^
    @jaykay: … da hast Du jetzt SO lang drauf gewartet! :)
    @Ronnie: Absolut. :)
    @danimateur: Ich wurde jüngst eines Besseren gelehrt.
    @classless: Ja, stimmt genau.

  23. classless sagt:

    Dann hör doch auf so zu tun, als wären die Frauen mit dem Bart und die Kerle mit den Fetischen das Problem, wenn du das Problem hast.

  24. berlinbewohner sagt:

    @lessclass: gähn! mc braucht zwar keinen winkeladvokaten zur verteidigung, trotzdem ein freundlicher Tipp: erst länger hier mitlesen und den _ernst_ der lage erkennen

  25. ernestina sagt:

    Das war tatsächlich für einige Jahre mein zweites Wohnzimmer. Nein, sogar mein erstes. Bei KiBa und aromatisiertem Schwarztee.
    Und trotzdem habe ich immer beim Billard verloren. Kennen Sie noch den Herren, der immer einarmig spielte, mit schwarzer Lederjacke über der anderen Schulter? Alle hat er abgezogen.
    Ja, die guten alten Zeiten…

  26. MC Winkel sagt:

    @classless: *lol* Du hältst es also tatsächlich für eine gute Idee, hierher zu kommen und mir erzählen zu wollen, was ich hier zu tun oder zu lassen habe? Get a life!
    @berlinbewohner: Danke, aber lass gut sein. Immerhin kommentiert der nicht anonym…
    @ernestina: Hmmm, ich stand eigentlich immer mehr so am Europaplatz herum. Donnerstags. So Höhe Fiedler. Handelte es sich bei dem Billard-Wunderkind um einen Bürger türkischer Abstammung?

  27. ernestina sagt:

    Donnerstags Höhe Fiedler… hmmm.
    Ich weiß gar nicht mehr genau, welcher Abstammung der Herr war. Das habe ich ob seiner phänomenalen Fähigkeiten glatt vergessen.

  28. classless sagt:

    Bla bla, das ist ja bloß deine Sache, bla bla. Kann ja den anderen egal sein, was du von ihnen hältst, weil du es ja für dich behältst. Und so.

    (I got a life. Und gerade wieder Langeweile auf Arbeit.)

  29. Jaques Saque sagt:

    Lass Dir von den Gutmenschen mal nix erzählen, Winkelsen. Woanders lacht man so: http://www.titanic-magazin.de/uploads/pics/0306-erdbeben_01.jpg

  30. Svenja sagt:

    Dear Mr. Winkel,

    welcher – zum Pfiffi – ist der einwohnerärmste Stadtteil Kiels?
    Ist es einer aus meinen NoGo Areas? Wohl eher nicht, oder?!

    LG, Svenja
    PS: ich kann kaum die Fortsetzung erwarten…

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