Samm Henshaw – It Could Be Worse: Ein Album über das Festhalten, obwohl man loslassen müsste

Auf It Could Be Worse bittet Samm Henshaw die Liebe gleichzeitig zu bleiben und ihm nicht weh zu tun. Dieser innere Widerspruch ist kein stilistischer Kniff, sondern der ehrlichste Kern des Albums. Aufgewachsen im südlondoner Gospel-Umfeld seines Vaters, hat Henshaw früh gelernt, Schmerz mit Ermutigung zu überziehen und selbst Brüche in etwas Verwertbares zu verwandeln. Genau diese Spannung durchzieht das Album. Es ist geprägt von Trost, Zeugnis und dem stillen Drang, dass Leiden wenigstens jemand anderem etwas nützt.
Samm Henshaw x It Could Be Worse – Ein Album als zusammenhängender Schmerz
Während das unterschätzte Debüt Untidy Soul aus dem Jahr 2022 noch zwischen Stimmungen pendelte und sich selten lange genug festlegte, ist dieses zweite Album konsequenter. It Could Be Worse ist ein einziger Schmerz, aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, mal kontrolliert, mal offen liegend. Die Entscheidung, das Album zunächst nur auf Vinyl zu veröffentlichen und erst später zu streamen, passt zu diesem konzentrierten Ansatz. Aufgenommen wurde live in Los Angeles, produziert von Josh Grant und unterstützt von Solomon Fox, Leven Kali, Anoop D’Souza und Jesse Singer. Die Musiker atmen hörbar mit, nichts wirkt isoliert oder glattgezogen.
Intimität ohne Schutzschicht
Songs wie „Closer“ oder „Float“ kreisen um Nähe, die nicht ausreicht, und um das Wissen, dass Loslassen nötig wäre, aber unmöglich scheint. Samm Henshaw formuliert Sehnsucht wie ein Gebet, von dem er selbst ahnt, dass es unerhört bleibt. „Wait Forever“ verspricht Geduld und schiebt zugleich die Angst ein, dass selbst diese irgendwann aufgebraucht sein könnte. Die Texte wirken dabei nie kalkuliert, sondern wie Gedanken, die zu früh ausgesprochen werden, um schon stabil zu sein.
Grenzen ziehen, um sie wieder zu verlieren
Der stärkste Moment des Albums ist „Sun and Moon“. Hier versucht Henshaw erstmals, Grenzen zu ziehen und sich selbst daran zu erinnern, wo er endet und der andere beginnt. Er erkennt, wie Liebe Urteilsvermögen vernebelt und Identität auflöst. Doch selbst diese Einsicht hält nicht. Am Ende gibt er zu, dass er sich trotzdem wieder verlieren wird. „Don’t Break My Heart“ übersetzt die zentrale Angst des Albums in eine direkte Frage nach Verbindlichkeit, während „Stay on the Move“ Zweifel und Selbstbefragung zulässt, ohne schnelle Antworten zu liefern.
Samm Henshaw x It Could Be Worse – Trost, der nicht immer trägt
Im weiteren Verlauf schwankt das Album zwischen spezifischem Schmerz und allgemeiner Ermutigung. „Heavy Measures“ und „Get Back“ bewahren ihre Schwere und lassen Abschiede als etwas Unumkehrbares stehen. Andere Stücke wie „Hair Down“ oder „Don’t Give It Up“ greifen auf universelle Trostformeln zurück, die zwar gut gemeint sind, aber einen Teil der zuvor aufgebauten Intimität verwässern. Dass diese Momente trotzdem funktionieren, liegt an Henshaws Stimme, die selbst Klischees glaubwürdig tragen kann.
Ein reiferes Versprechen
Die Live-Aufnahme verleiht dem Album Wärme und Unmittelbarkeit, die jede digitale Glättung zerstört hätte. Henshaw rundet manche Kanten ab, wo Schärfe möglich gewesen wäre, doch insgesamt überzeugt die Offenheit. It Could Be Worse ist ein Album über das Festhalten, das versteht, dass Festhalten scheitern kann. Wo das Debüt charmierte, ohne sich festzulegen, geht dieses Album ein Risiko ein und bleibt dabei bemerkenswert zärtlich.


