Reunion: Lil‘ MC auf dem Klassentreffen 1992

Eigentlich war es gar kein wirkliches Klassentreffen, eher eine Party von ehemaligen Schülern, die auch 2 Jahre nach der Schulzeit noch zusammen rumhingen wie Basketballkörbe. Unsere damalige Paderborner Ruler-Clique wurde auch eher geduldet als herbeigesehnt, aber seinerzeit lief es so, als würde man einen halben Kasten Bier kaufen: einen eingeladen, 12 bekommen. Der Gastgeber kam aus Melsdorf, einer Ortschaft für Betuchtere, die direkt an unseren eher rustikalen Sadtteil grenzte. Sein Vater hatte eine Firma mit größeren Lagerräumen, wo auch die Feierlichkeit stattfinden sollte und ich war gleich vierfach aufgeregt: a) TGIF b) Freibier in Melsdorf (hatte für uns Mettenhofer den Flair einer Hollywood’schen Aftershowparty) c) traf man nach 24 Monaten endlich den alten Schulhof wieder und d) Nicole, von deren Zusage ich aus sicherer Quelle hörte.

Mit Nicole und mir lief es zu Schulzeiten immer so halbschlüpfrig. Was unsere Biologie betraf, hingen wir beide genau wie der Reservereifen eines Jeeps etwas hinterher, wir wuchsen bis zu unserem 19 Lebensjahr nur in die Höhe. Hinzu kam bei mir die meine überdurchschnittlich große Zunge, die einen leichten Sigmatismus auslöste, was mein Leben als Brillenträger überdies erschwerte. Nicoles Zahnspange, ihr Mäcki-Haarschnitt und die eher knabenhafte Figur machten uns aber zu gleichrangigen Behinderten. Hin und wieder flirteten wir, auf der Abschlussfeier brachte ich dann nach schüchternen zwei Jahren Herumangedeute meine konkrete Anfrage hervor: „Niggi ey! Hier, das Ding mit uns ist lang noch nicht durch, nä!? Eines Tages finishen wir das noch, nä!?“. „Ja, hihi, einverstanden. Finishen wir!“. Top! Da war sie, die Zusage. Endlich hatte ich sie, jetzt konnte ich bei den Anderen herumprotzen und in Ruhe all das Hefeweizen austrinken.

Zwei Jahre, in denen viel passiert ist. Als man Nicole die Zahnspange entnahm, wuchsen auch ihre Haare in Lichtgeschwindigkeit. Festes, lockiges Haar, brünett, die 5 Jahre Kurzhaarschnitt machten sich bezahlt. Außerdem scheinen die Illuminaten 1990 in Melsdorf Östrogen ins Trinkwasser geschleust zu haben, was sowohl die hohe Stimme des damaligen Bürgermeisters als auch Nicoles unvermittelten Kurvenreichtum erklären würde – Boobs’n’Ass, quasi über Nacht. Bei mir lief’s leider nicht ganz so optimal. Meine chronische Dünnheit wechselte nahtlos in eine unsportliche Dicklichkeit über. Statt die Masse geichmäßig auf den gesamten Körper zu verteilen, blieben Beine und Oberkörper dünn, wohingegen Bauch und Kinnpartie ausbeulten. Ich sah aus wie eine Schlange, die zwei Honigmelonen einhappig inhalierte, plus Brille, plus S-Fehler. Die Woche vor der Party wollte ich Schadensbegrenzung betrieben und kaufte mir Bräunungscreme und Blondierungsspray, was natürlich ebenfalls nach hinten losging wie die Putzfrau, die Seife aus dem Südflügel holt.

So stand ich da nun, 23.15h, schon wieder einen Kleinen am Mitlaufen wie Derrick, orangecolorierte Marmel mit ockergelben Strohsträhnen. Bei Nicole wie erwartet alles mehr als perfekt, die letzten zwei Wochen verbrachte sie mit ihren Eltern auf den Seychellen, strahlende Zähne und wenn das nicht inzwischen auch mindestens 75C war, wusste ich auch nicht. Meiner optischen Unzulänglichkeiten sehr bewusst versteckte ich mich, bis ich um halb vier all meinen Mut zusammennahm um den Säque zuzumachen: „Niggi, hähä, weisnoch, nä! Let’s get it on oder was‘ los jeds?!“. „Ah, Lil‘ MC, Hi! Was meinst Du?“. „Ja lass loslegen jeds, deng‘ an die Abmachung, nä!“. Ich schwankte mehr als zu stehen, aber so sah man meinen Haarspliss wenigstens nicht. „Also Du meinst das jetzt wirklich ernst? Du, ähm, das geht heute nicht, ich werde auch gleich abgeholt.“, was stimmte. Keine zwei Minuten später kam er, ihr Neuer. Soldat, Typ Lundgren, ein Kreuz in welches ich 4x passte, trotz Treppenkinn. Ich bestellte mir dann noch zwei Weizen.
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[Nicole arbeitet heute als Angestellte in einer Gastwirtschaft in Hamburg, lebt nach 2 Scheidungen kinderlos mit Katzen in Groß-Flottbek und was die 75C betrifft: Basketballkörbe.]

Kommentare

13 Antworten zu “Reunion: Lil‘ MC auf dem Klassentreffen 1992”

  1. Tim sagt:

    made my day. spätestens ab „säque zuzumachen“ stand ich hier applaudierend vorm rechner.

  2. Timm Heimburger via Facebook sagt:

    besonders gut ist die kleingedruckte notiz am ende:)

  3. Perot sagt:

    Der Montag fängt ja gut an! Eben noch verspätet Deinen letzten VLog gewatched und jetzt die fresheste Lil‘ MC’s Story attacked.

    Da hab ich 10 Jahre in Hamburg gelebt, aber in der Pinte in Groß-Flottbek bin ich nicht gewesen. ;-) Und das Untergewichts- und allgemeine Körperunförmigkeitsproblem in der Pubertätsära hatte ich auch. Aber soll ich Dir was sagen: Es gibt doch eine Gerechtigkeit – manchmal. Beim 20-jährigen Klassentreffen: Die Womanizer von gestern hatten Bierbäuche, graues und/oder schütteres Haar, wirkten verlebt und alt – bei mir hatte sich der BMI mittlerweile im optimalen Bereich eingepegelt. „So sieht das nämlich aus!“ (c) MC Winkel’s most famous words :-)

  4. visus sagt:

    Wie passend. Ich hatte gestern Klassentreffen. Ich hab mich aber relativ schnell – um der Langeweile entgegenzuwirken – mit Schnaepschen und Pils ausgetiltet. So muss das. Prost.

  5. Jerry B. Anderson sagt:

    und ich hab die meisten old dinger, auch party in the house if church in melsvillage, on vhs. aber ich hab dir ja erzählt: erst wenn ich wirklich finanziell am game over bin, werde ich dich damit pressen, du sun. bei nicht payn ist alles on youtube. ahahahahah. gruß

  6. Sebastian sagt:

    Beste ist echt noch der Kommentar unter dem ganzen Text.

  7. singhiozzo sagt:

    Boah Alter, so wie du euch beide zur Schulzeit beschreibst, kannst du ja froh sein, dass du nicht heutzutage zur Schule gehst. Ich schätze, da hätte es allein wegen Nase und Brille jeden Tag eins auf die Fresse bekommen.

    Mein erstes Klassentreffen steht noch aus (mittlerweile 29, bin mal gespannt, wann das los geht). Wobei ich nur wenig Lust habe, die ganzen Vollpfosten von damals wieder zu treffen. Denn ganz ehrlich: es hat schon einen Grund, dass man mit den meisten von damals nichts mehr zu tun hat!

  8. Gilli Vanilli sagt:

    wie alt warst du da? 18? 19? irgendwie nehm ich dir das nicht ab das du da
    noch struggling ugly, dick usw. warst ;-)

    aber trotzdem wieder eine lustige kleine geschichte

  9. Jens Maier sagt:

    Es ist immer das gleiche, nach Hause gehen die Damen dann immer mit dem wilden Automechaniker mitn Tattoo aufm Rückern..oder unflätiger Industriellensohn, der lokal Stürmer im Fussballteam ist ….

    (Ohhh… er hat ein Tor geschossen! )

    Trotz alledem : Wieder eine Story in Spitzen-Qualität . Büschen kurz, aber wir wollen ja nicht meckern.

  10. Erdge Schoss sagt:

    Ein Glück, werter Herr Winkelsen, dass kein Sambuca ausgeschenkt wurde.

    Herzlich
    Ihr Schoss

  11. Haretuerk sagt:

    Hammer!

  12. Andreas sagt:

    „wie die Putzfrau, die Seife aus dem Südflügel holt.“

    Hat jetzt eeeetwas gedauert, aber dann BAM! Top. Wie man auf solche Ideen kommt, werde ich wohl nie verstehen. ;o)

  13. Jerry B. Anderson sagt:

    Wo wir schon bei den old times und old recordings sind: hat eigentlich jemand „B. The Rocky ™“ recorded wie er die gipsbeinige zur silvesterparty 1991 im treppenhaus bimmst. hätt ich gern in meiner paderigen mettenhof-classic sammlung am stardee und wo sonst sieht man schon eine gipsbeinige, die von einem lebenden stiftzahn cleargemaket wird. hahahahahaha

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