RD-MC revisited (Frühling im Außendienst)

April 2002, endlich hatte ich meinen ersten Firmenwagen. Ein schwarzer Golf IV, RD-MC diesdas, ich glaube jeder dritte Wagen auf der Straße war seinerzeit so einer, wobei diesdas variabel zu verstehen ist. Auf Exklusivität legte ich seinerzeit weniger Wert, ich freute mich, endlich mal einen Neuwagen fahren zu dürfen, das MC im Kennzeichen entschuldigte sogar das RD ein wenig. Auch wenn Mobilcom seinerzeit Tausende dieser Fahrzeuge in Wolfsburg bestellte: Klimaanlagen gabs nicht. Also führ ich an diesem frühen Nachmittag krawattiert und mit aufgekrempelten Hemdsärmeln durch’s frühlingswarme Kiel. Ich weiß gar nicht, ob ich irgendwelche Termine hatte, machmal fuhren die Aussendienstler halt auch einfach mal so ein wenig umher, der Strand auf dem Kieler Ostufer war im April teilweise recht schön, außerdem hatten die ersten Eisläden bereits ihre Forten geöffnet, toll. Hach, es gab viel zu tun, damals, auf der Straße.

An irgendeiner Ampel vernehme ich ein Hupen, was ich grundsätzlich missachte. Wenn Leute einmal Hupen, grüßen sie andere Leute am Straßenrand, sind über dem Lenkrad in einen Sekundenschlaf gefallen oder haben Zucker im Tank – für sowas hatte ich keine Zeit, ich hörte gerade das neue Tony Touch-Mixtape, während ich mich im Rückspiegel anguckte. Aber es hupte ein zweites Mal, was bedeutet, dass entweder der Zuckertank brennt, oder … die aufgeregte Freundin (Beifahrerplatz) einer sich derzeitig im Mutterschutz befindenden Kassiererin (Fahrerin) im Wagen neben mir nach einer Visitenkarte fragt, man könne sich ja mal zum Kaffee treffen. Normalerweise muss man sowas nicht mitmachen, vor Allem dann nicht, wenn die Beifahrerin wie ein heiserer Vincent Price klingt und die erweiterten Poren im Wangenbereich ihrer Proseccobirne andernorts (Sri Lanka) als ganze Minigolfplätze zu mieten sind. Wenigstens war die fahrende Ex-Kassiererin weitestgehend okay, über einen Orange-Stich in selbstgeblichenen Loden kann man Mitte April ja mal hinweg sehen, außerdem hatte Bielefeld am Wochenende unentschieden gespielt. „Äh, ja. Schickt mal ’ne SMS, Peace.“. „Was?“. „Ab wann was?“. „Hier, SMS?“. „Äh, ja. Schicken. Also, wenn Zeit & Biorhythmus es zulassen.“. „Was?“. Ich fuhr weiter.

Am Nachmittag bekam ich dann die erste Nachricht. Gleichzeitig auch die erste Kurzmitteilung weltweit, in welcher mehr Grammatikfehler als Buchstaben vorzufinden waren. Nach eingehender Dechiffrierung stellte ich fest, dass es sich um eine Einladung in die Wohnung im jetzt nicht allerbesten Stadtteil handeln würde. „Ich bin am WE in Köln, sorry.“, schrieb ich freundlich zurück. Postwendend kam die Antwort, man würde mir a) „fiel Sparß“ wünschen und b) mal fragen, was genau das WE in Köln denn sei. „Wachsfiguren Ebinett“ schrieb ich zurück, gefolgt von „Meine Nummer hat sich geändert, bitte ab sofort an diesdas schreiben!“, wobei diesdas diesmal als Variable für die Mobilfunknummer meines neuen Kollegen zu verstehen ist, sollte der sich doch mit den Tanten rumärgern.

Was er auch auch tat. Und zwar immerhin so gut, dass er nach 3 Tagen aufklärte, ein anderer Kollege zu sein, sich aber trotzdem treffen wollen würde. „Winkelsen, erzähl‘: was sind das für Hühner!“, „Models, Koller, das sind 100%ig Models, ich erkenne sowas. Halt büschen einfach.“. Koller freute sich auf’s Wochenende, ich fuhr nach Köln (das Ebinett war leider geschlossen, da kursierte wohl irgendeine Tropenkrankheit) und traf Koller am Montag drauf wieder. „Na Alter, gestriked?!“, lächelte ich ihn an. „DU SCHWEIN!“, hallte es zurück, „statt Taufe muss bei denen in der Kindheit eine Hohlraumversiegelung stattgefunden haben und der Freund von der Alten mit der tiefen Stimme hätte mir um ein Haar zur Begrüßung ein paar auf die Schnauze gehauen. Außerdem waren das doch niemals Models!“. „Doch,“, sagte ich, „für Minigolfplätze auf Sri Lanka. Kannst Du mir bitte kurz sagen, wie spät es ist?“.

Kommentare

4 Antworten zu “RD-MC revisited (Frühling im Außendienst)”

  1. singhiozzo sagt:

    Ach ja, das gute alte Ebinett in Köln. Könnte man eigentlich auch mal wieder hin fahren!

  2. Perot sagt:

    Deine armen Kollegen – wenn die hier mitlesen, muss denen doch ganz schummerig werden, bei den Schoten, die Du damals abgezogen hast. Aber unterv*gelt warst Du als Außendienstler scheinbar nie – eher überfordert. ;-)

  3. Alex sagt:

    Best line: „wenn die Beifahrerin wie ein heiserer Vincent Price klingt und die erweiterten Poren im Wangenbereich ihrer Proseccobirne andernorts (Sri Lanka) als ganze Minigolfplätze zu mieten sind“
    Great!

  4. Marc sagt:

    Achja, die RD-MC…. haben ja damals gut die Hälfte des Verkehrs in Schleswig-Holstein ausgemacht! „manchmal fuhren die Aussendienstler halt auch einfach mal so ein wenig umher“: Das Gefühl hatte ich auch!

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