Mile High Club

Jugend forscht. Da können die Erziehungsberechtigten gar nicht viel machen; theoretische Sexualaufklärung gibt es seit den späten 60ern durch „Liebe, Sex & Zärtlichkeit“ aus der Bravo, bezüglich der praktischen Erfahrung hat man gemeinhin drei Möglichkeiten: Flaschendrehen, Kekswichsen oder Puffbesuch. Machen wir es kurz: Flaschendrehen mit Mitschülerinnen am Nachmittag war meistens verkrampfter als Peter Kloeppel und ich bevorzugte mein Prinzenrollen-Gebäck schon immer mit Schokofüllung. Und da ich hier an der Edelküste aufgewachsen bin, liegt der Aufklärungstempel docht direkt vor der Tür. Es war Sommer, Monatsanfang und ein Freitag – also ab ins Freudenhaus!

Das Gros der Jungs aus unserer Truppe war bereits volljährig, dem Rest malten wir mit angebranntem Kork einen Oberlippenflaum ins Gesicht und taperten unruhig durch die Gänge des Laufhauses am Wall. Wir drehten da immer so unsere Runden und schauten den Berufs-Konkubinen schüchtern ins Dekolletée Gesicht. Schaute einmal Eine zurück, blickten wir verschämt zu Boden und beschleunigten unseren Tritt. Sprach uns eine der Damen einmal an, blieben wir nur selten stehen – (pull)Geld hatten wir ohnehin keines(/pull) und bimsen wollten wir eigentlich auch nicht wirklich. Wir taten halt das, was echte Männer in solchen Situiationen tun: einfach warten, dass endlich etwas passiert. Wir verliessen das Etablissement und tranken Dosenbier, welches es in der Spielhalle um die Ecke aus dem Automaten für 80 Pfennig zu erwerben gab – und wir redeten. Meistens laut. Schlagartig waren wir alle wieder mutig und prahlten, was wir denn mit dieser oder jener Dame machen würden, hätten wir doch nur etwas mehr Geld dabei. Ich erinnere mich noch an Sven, nach dessen phantasievollen Ausführungen er selbst 1884 das Kamsutra nicht nur übersetzt, sondern um 630% erweitert und bebildert haben dürfte. Dabei gab es 1884 noch gar keine Spiegelreflex-Fotoapparate; wusste doch gleich, dass da was faul war!

Sei es drum – zu späterer Stunde und nach einigen weiteren Dosenbieren war es dann endlich soweit. Es würde jetzt endlich etwas passieren! Das erkannte ich sofort, als ich Jahjah Bloodclot – so stellte er sich uns später vor – das erste Mal barfuß in einem der zahlreichen Gänge sah. Er kam ursprünglich von der Elfenbeinküste, war bestimmt schon Mitte 40 und hatte lange Dreadlocks, welche unter einem in den jamaikanischen Landesfarben gehaltenen Lederhut hervorlugten. Er trug ein südamerikanisches Ganzkörper-Chamanto, dazu eine beigefarbene Baumwollhose und in der Hand einen durch Lederbänder verschließbaren Geldbeutel. Es handelte sich um eine spirituelle Begegnung, das war mir sofort klar! Na gut, ich war jung und naiv, vermutlich war dieser Typ auch einfach nur ein baumrollender Dancehall-Blechbläser high on THC; man wird es niemals genau sagen können. Was aber auch völlig unerheblich war, denn der Typ hatte einen Trick drauf. Einen augenscheinlich Guten – und wir würden davon bestimmt profitieren!

Jahjah sprach ein nur sehr gebrochenes Englisch und schien neu in der Stadt zu sein. Als wir ihn trafen kam er gerade lächelnd aus einem der Zimmer, ging ein kurzes Stück mit uns und verschwand dann in einem Anderen. Immer für mindestens 30 Minuten. Mal abgesehen von seiner mutmaßlich enormen, sexuellen Vitalität wunderten wir uns über seinen Reichtum. Hätte ich so viele Scheine in der Tasche – für ein Paar Nike Airs würde es doch wenigstens reichen! Aber gut, vielleicht hat man als Löwe-auf-Unterarm-tättowierter Rastafari mit südamerikanischem Umhang und Drachmen als Zahlungsmittel ein anderes Wertegefüge – wer weiss das schon genau? Neugierig luden wir Jahjah vor dem Eros-Center auf ein Dosenbier ein. Wir wollten wissen, wie das geht; das mit der Manneskraft und das mit dem ganzen Geld. Mr. Bloodclot packte aus: er hätte tatsächlich massenhaft Drachmen dabei, jedoch keine Griechischen, wie er es den Damen erzählte. Vielmehr handele es sich um irgendwelche arabischen ‚Drachmen‘, die nicht einen Bruchteil der Griechischen wert seien. Er lachte und rollte den nächsten Baum. Wir lachten mit. Sven frug noch, ob das denn nicht illegal sei. Jahjah hielt seinen Joint in die Luft und rief „Thissa not forbitten?“, bevor er wieder laustark zu lachen anfing. Wir lachten erneut mit. Ein wenig aus Sympathie, mehr jedoch aus der Hoffnung heraus, von Jahjah eingeladen zu werden. Wir tranken noch etwas, alberten herum und wollten es schließlich wissen: „Jahjah, please invite us!“. „Okaya. But only one of you. Who of you is in Mile High Club?“. Mile High Club? Nie gehört. Wir guckten ihn fragend an. „Fuckyfucky in plane, youknowamsayn?“. Er lachte abermalig. Unglaublich, was so alles in ein OCB-Blättchen passt, dachte ich mir. „Fuckyfucky on plane? No one of us did that, I guess!“, sagte Sven. „Okaya, then the girl must decide!“. Nun denn.

Wir gingen ein weiteres Mal in das Etablissement. Jahjah führte seinen Drachmen-Trick aus, die Dame schaute auf ihre Währungstabelle, nickte und nahm die Banknoten. „Okaya Girl, now look at my boys. I wantchu to pick one of dem!“. Wir alle standen da. Regungslos. Nervös. Hoffnungsvoll auf die Liebesdienerin schauend, mit den Augenbrauen all das veranstaltend, was man als gerade Volljähriger so unter Betörungsmimik versteht. Sven und ich in erster Reihe. Der Kamasutra-Posaunist oder lil‘ MC mit blauem Kassengestell – für wen wird sie sich entscheiden?

Rückblickend muss ich sagen: Mir wäre ein neues Paar Nike Airs damals wesentlich lieber gewesen.

Kommentare

39 Antworten zu “Mile High Club”

  1. hmmm hmmm hmmmm – einen Mann zu finden, der noch nie im Puff war, ist wohl kaum möglich…

  2. Niels sagt:

    Eine typische Kieler Jungs-Jugendgeschichte, sehr schön :-) :-)

    mit einfach in die Klause gehen wirds nicht klappen, bin nicht so oft da, ausserdem fliege ich samstag in die Staaten. Vorher wirds knapp, meld mich, wenn ich wieder da bin, ok?

  3. X_x sagt:

    „Ich bevorzugte mein Prinzenrollen-Gebäck schon immer mit Schokofüllung“ klingt ziemlich zweideutig..! Und Kekswichsen, dachte ich immer, gäb’s nur in Teeniefilmen.

    Und: iih! Was Du alles schon gemacht hast. Naja. Wenn Du mit dem Erzählen schon an der Stelle bist, könntest Du ja (wenn schon, denn schon) richtig indiskret werden. (oder wolltest Du uns eklige Details ersparen..?) :p

  4. ronstar sagt:

    @ChliliTierKnüppler:

    doch! ich!!!

    theorie: männliche sexualtriebe ausleben forschungsseminar…nicht bestanden!

    setzen! 8!

  5. Luise sagt:

    Mensch Winkelsen,

    schlecht recherchiert. Es gab 1884 schon Spiegelreflexkameras. Dokumentiert wurde das Prinzip erstmals 1686 und die erste Spiegelreflexkamera wurde laut Wikipedia 1861 gebaut.

    War 1884 vermutlich aber noch nicht der meistverkaufte Artikel bei Amazon im Weihnachtsgeschäft.

  6. makku sagt:

    Da sag nochmal einer, dass Brille nicht sexy macht!
    Trotz Beteuerung Deinerseits: ich gratuliere zum ersten dokumentierten Globalisierungs-Nuttenbesch*ss!

    Nur mit „MileHigh“ hatte das ja noch nix zu tun, auch wenn es Dir womöglich so vor kam, wie fliegen!
    Daher abschließend eine Frage am Rande: Stand der Dinge heute? Mitglied? ;o)

    @ChliiTierChnübler: schon den zweiten hier gefunden…

  7. Roland sagt:

    Kekswichsen ist doch ein Mythos. Oder?

  8. André sagt:

    Zählt es eigentlich, wenn man beruflich mal im Puff zu tun hatte?

  9. .olli sagt:

    Gott, was bin ich langweilig. Was bitte IST kekswichsen?

  10. Frau Echse sagt:

    bin ich zu doof oder zu naiv oder liegts an fehlender fanasie?
    das mit der prinzenrolle versteh ich überhaupt nicht. scheint irgendeine anspielung auf irgendwelche jungsspielchen zu sein? entnehme ich das den kommentaren richtig?
    kann ich das bitte noch mal erklärt bekommen?
    ansonsten finde ich nichts unerotischer als das kieler eros-center grusel, grusel :-) also mein herzliches beileid mc !! und was für ein glück, dass ich kein junge bin und sowas nicht mitmachen musste ohne mein gesicht zu verlieren!

  11. gürtel sagt:

    du bist gewählt worden?wie sahen bitte deine kumpels früher aus…? ich kenn ja nur deine bilder, aber die waren schon hart an der grenze (ich darf das sagen, du hast auch mein führerscheinbild gesehn ;)

    ich bin auch nur mal durchgelaufen durch`s bordell… bin ich jetzt ´n weichei?

  12. SirParker sagt:

    @ChliiTierChnübler: No. 3! Ich komm vom Dorf, wir hatten sowas garnicht…

    @MC: Eine schlechte Bordsteibschwalbe, eine gebrauchte Gummivagina… hey, irgendwie hast Du ständig Pech, kann das sein?

  13. Dirk sagt:

    @ChliiTierChnübler: Ich wäre dann wohl nach dem SirParker Nr. 4, und ich kenne noch einige, die garantiert auch noch nie in einem waren.

    Aber der Trick mit den Drachmen ist nett – wenn auch sicherlich nicht für die beschissenen Damen.

  14. SyrelSnyr sagt:

    @Frau Echse, .olli: Keksw*chsen :)
    @ChliiTierChnübler: #5

  15. MC Winkel sagt:

    @ ChliiTierChnübler: Stimmt! Wobei die meisten doch erst nach der Ehe ins Bordell laufen. :)
    @ Niels: Mok dat! Viel Spaß in den States…
    @ x_X: Habe ich doch. Der Satz mit den Nike Airs sagt doch Alles.
    @ ronstar: … und deswegen nennt man sich später „elektische Fleischpeitsche“ – dann doch wohl lieber Puff!
    @ Luise: Wie dem auch sei, passen Sie mal auf: Sven lebte 1884 noch gar nicht! So sieht das nämlich aus!
    @ makku: Weiss nicht, zählt Onanie denn auch? :)
    @ Roland: Leider nicht!
    @ André: Je nachdem, als was.
    @ .olli: Etwas Fürchterliches. Bei Wikipedia wird die Erklärung immer wieder gelöscht. Google hilft!
    @ FrauEchse: Naja, Sie kennen den Laden ja auch nicht von innen! Wenn doch, müsste ich mich sehr stark wundern! :)
    @ Gürtel: Naja, Sven hatte die Brille in rot, jedoch nicht als Kassengestell. Irgendeine Automarke, wimre. Wie nur durchgelaufen?
    @ SirParker: WAS? Was ist denn in Nürnberg nicht los? Und: Naja, was heisst Pech. So schlimm ist es nun auch nicht, keine Nike Airs zu bekommen. :)
    @ Dirk: Sie wollen doch nur bei Frau CTC punkten, ich glaube kein Wort! Sie haben doch das Pascha in der Nachbarschft!
    @ Syrel: Sie wollen doch nur bei Frau CTC punkten, ich glaube kein Wort! Was ist in Hannover nicht los?

  16. crosa sagt:

    Schnell weiterschreiben, wir wollen die Details wissen…

  17. gürtel sagt:

    hatte halt bisher das glück, für sex noch nicht bezahlen zu müssen…kommt noch früh genug, dicker ;))))))

  18. nilz sagt:

    ist doch klar warum die dich genommen hat…mit der brille sahst du definitiv nach weniger arbeit aus, nach dem motto:

    vor dem geek muss ich nur den bh aufmachen und das ding is vom tisch.

    deswegen hättste wohl auch lieber die airs gehabt, oder?

  19. KleinesF sagt:

    Falls Sie mal vorbeischauen, bringen Sie bitte unbedingt diese Betörungsmimik mit. Die muss ich mir anschauen.

  20. Die Muräne sagt:

    Gibt es hier auch einen der noch nie nicht im Puff war?

  21. SirDregan sagt:

    @Muräne: ja, ich bin #5

  22. Mmhh, ich warte auch irgendwie noch auf die Pointe dieser sonst sehr schön zu lesenden Story. Hast sonst doch immer irgendwelche herrlich zweideutigen Metaphern am Ende, wo man sich den Rest dan dazu denken kann. Aber ich schätze Nilz kommt des Rätsels Lösung da schon recht nahe ;-)

  23. Die Muräne sagt:

    @SirDregan: „noch nie nicht“ – kleines Wortspiel, gell…

  24. Dr.Sno* sagt:

    Du hast Geschlechtsverkehr mit Schuhen???!????

  25. Siggi sagt:

    Siggi ist Nummer 6…

  26. Michael sagt:

    Ich war auch noch nie in einem Bordell – wohne ebenfalls auf dem Land, selbst das Winks hätte mich mindestens eineinhalb Stunden mit dem Zug gekostet.

  27. robert sagt:

    sachma MC, ich kenne Puffs auch nur ausm Fernsehen (ich weichei :) ) und da in dieser Kiste immer nur von den tollen „Edel“Puffs berichtet wird, die schon fürs Eindringen ins Gebäude Geld haben wollen, noch bevor man in irgendwas anderes eindringt, war das damals noch nich so? Oder hattet ihr deshalb anschliessend kein Geld mehr für die Damen?

  28. SirDregan sagt:

    @Muräne: Ich mag Sportwiele, aber Puffs nicht ;)

  29. Markus sagt:

    Ich bin dafür, dass wir die Betörungsmimik hier mal als Video bekommen. Wer ist noch dafür?

  30. klip sagt:

    Hmm, wie ist denn das Ende zu verstehen. Gibt es vielleicht noch eine Fortsetzung der Geschichte?

    @ChliiTierChnübler: #6

  31. Finja sagt:

    ich will auch betörungsmimik sehen!
    und: pfui! hart arbeitende frauen auszubeuten!

  32. MC Winkel sagt:

    @ crosa: No further commets! Das mit den Nike Airs ist doch schon aussagekräftig genug!
    @ gürtel: Ist das so?
    @ Nilz: Allerdings.
    @ f: Die sehen Sie doch jeden Tag: Mein Gesicht.
    @ Muräne: … hier sind ein paar, die das behaupten. Aber: pffft!
    @ Sno*: Nie ohne!
    @ Siggi: Liar!
    @ Michael: Und was ist mit den Wohnmobilen am Wegesrand, häh?! :)
    @ robert: googlen Sie mal „Laufhaus“. Das kostet erst später…
    @ Dregan: Sport…was?
    @ Markus: Ich hab das sogar noch irgendwo… soll ich mal suchen?
    @ klip: Was für ein Fortsetzung. Ich sagte doch: Die Airs hätten mehr Spaß gemacht!
    @ finja: Don’t hate the player – hate the game! :)

  33. Siggi sagt:

    Der Ganja-Man ist wohl der Prototyp des rumänischen Nuttenprellers gewesen…

  34. Markus sagt:

    @ Winkel: Na klar!

  35. St. Burnster sagt:

    Starker Tobak. Dagegen war meine Jugend wie ein Pfadfindertreffen.

  36. […] Gelernt habe ich heute, was eine Senderin ist. Dabei erinnere ich mich, dass in dieser Woche auch merkwürdige Dinge über Kekse gelernt habe. Passt das jetzt noch immer zu Schinken auf Roggen? Ich weiß ja nicht. […]

  37. frank p. sagt:

    @.olli:

    mann du weist nicht was kekswixxen ist…?
    dann schau dir das mal an:
    http://www.kekswixxen.de

  38. […] der Bankerin plus Kollegen – Brown Plaza – Durchfall im Steigenberger – Erster Puffbesuch, Mile High Club – Special: hier das Twitpic zum besagten Lammers-Event. […]

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