Devin Morrison – SAKURA: Romantische Panik im Gewand von surrealem Dreamsoul

Der US-amerikanische Musiker Devin Morrison meldet sich mit seinem mit Spannung erwarteten neuen Album SAKURA zurück. Vor rund zehn Jahren bastelte der Künstler in Tokio an nostalgisch verzerrtem R&B und taufte seinen einzigartigen Sound Dreamsoul. Seitdem verknüpft er surreale Liebeslieder mit Einflüssen aus Animes, Fighting Games und klassischem japanischen Pop. Auf seinem vierten Studioalbum lässt Morrison dieser kreativen Romanze nun endlich den nötigen Raum zur vollen Entfaltung. Die scheinbare Süße auf der Oberfläche erweist sich jedoch als humorvoller und düsterer, als es zunächst den Anschein hat. Der Musiker inszeniert die nackte Panik vor der Liebe als fesselnde musikalische Komödie.
Devin Morrison x SAKURA – Der tiefe Fall in die Realität
Der emotionale Einsturz beginnt passenderweise mit dem Song FEAR OF HEIGHTS. Obwohl eine weibliche Stimme ihn eindringlich warnt, verweigert der Sänger jegliche Bodenhaftung und besingt die Unausweichlichkeit des Aufpralls. Erst im Outro keimt die absurde Hoffnung auf übernatürliche Kräfte auf, welche das Paar vor dem Liebestod schützen könnten. Diese Superkräfte bleiben aber natürlich aus. Im anschließenden Track MY LOVE, bei dem Paris Strother im Hintergrund singt, setzt sich dieser ewige Sturz fort. Die Musik fängt das schwebende Gefühl zwischen Fliegen und Fallen perfekt ein. Die Liebe trifft Devin Morrison hier wie ein brutaler Schlag auf das Brustbein.
Panikattacken im Gewand des R&B
Morrison überspielt seine tiefe Verletzlichkeit zunächst mit Humor, bis die Fassade schließlich komplett zerbricht. Auf AMOR flüchtet er sich verzweifelt in spirituelle Hexerei und bittet halbernst um eine Therapie. Die Angst nimmt im Song KAZUYA fast schon cartoonhafte Züge an. Hier imitiert ein betrunkener Morrison eifersüchtig einen Charakter aus dem Videospiel Tekken. Trotz aller wilden Drohungen sehnt er sich im Post-Chorus eigentlich nur nach einem klärenden Telefonat. Ähnlich nervenaufreibend präsentiert sich das Stück JAGUAR. Eine rasante Autofahrt mit einer unberechenbaren Frau wird zur Metapher für den totalen Kontrollverlust.
Mehrsprachige Sehnsüchte und kulinarische Metaphern
Die Jahre in Japan prägen bis heute die lyrische Identität des Musikers. Im Track GIRL nutzt er warme brasilianische Baile-Funk-Rhythmen, während der englische Text vergeblich versucht, die Namen anderer Frauen zu vergessen. Noch expliziter wird es im Song OISHISOU, dessen japanischer titel übersetzt köstlich bedeutet. Morrison treibt die kulinarische Metapher auf die Spitze und gesteht ohne Scham seine Lust. Die Gastsängerin Joyce Wrice erwidert dieses Begehren auf Japanisch und gesteht, dass sie jede Sekunde genossen hat. Diese spielerische Zweisprachigkeit verleiht dem Album eine außergewöhnliche Tiefe.
Devin Morrison SAKURA – Hochkarätige Gäste und das bittere Ende
Das Album bietet zudem viel Platz für spannende Kooperationen. In SHE DON’T klagt Morrison höfisch über die Funkstille einer Angebeteten, bevor Foggieraw den Song mit lässigen Reimen übernimmt. Bei ZODIAC SINE versinkt der Künstler in astrologischen Anmachsprüchen, während Seafood Sam einen Ring ins Spiel bringt. Am Ende des Albums schlägt die Stimmung jedoch radikal um. FALLEN SOLDIER inszeniert eine schmerzhafte Trennung als bitteren Krieg, in dem Rae Khalil den finalen, emotionslosen Schlussstrich zieht. Das längste Stück TULIPS & ROSES beginnt als naive Verknalltheit im Stile von Super Mario, endet aber nach einem Seitensprung in einem dramatischen Beziehungsende inklusive metaphorischem Messerschnitt.
Das Akzeptieren des Kontrollverlusts
Trotz aller schauspielerischen Maskeraden ist SAKURA ein zutiefst unsicheres Werk. Der Song COULD IT BE? reflektiert quälende Selbstzweifel nach einem missglückten Gespräch. Im düsteren PURPLE ABYSS fleht Devin Morrison (Youtube) letztlich auf Knien um das Ende des emotionalen Schmerzes. Die ersehnten Superkräfte und die Unverwundbarkeit manifestieren sich nicht. Stattdessen spendet die koreanische Künstlerin SUMIN im finalen Track LET IT HAPPEN den entscheidenden Trost. Ihre sanfte Botschaft lautet, dass man die Dinge manchmal einfach geschehen lassen muss. Erst als der Musiker aufhört, sich gegen den Sturz zu wehren, findet das Album seinen Frieden.


