Mein erster Kiez-Besuch

Auch wir Kieler Dorfmenschen hatten in unserer Jugend hin und wieder das Bedürfnis, mal ausbrechen zu wollen. Raus aus dem lütten Kaff, einen Hauch distinguierter Weltläufigkeit verspüren, den Esprit der maritimen Großstadt internalisieren, oder anders: na klar wollten wir als endlich Volljährige auf die geile Meile, was denkt Ihr denn?! Weil sich nur nie jemand freiwillig als Fahrer zur Verfügung stellte, kamen St.Pauli-Besuche seltener vor als Hoden bei Männern mit Kryptorchismus. Wenn, dann höchstens mit der Bahn; so wie in diesem Frühling Anfang der 90er Jahre.

Wir, das waren Andy, Marek, Hansen, Jan und ich und … Rajesh, unserem Bahnticket-Verkäufer. Vielleicht kennt Ihr diese Wochenend-Tickets, zu fünft reist man zu einem reduzierten Preis mit der Bahn, am Bahnhof standen ständig Leute mit Wochenend-Tickets, die weitere Personen zum Mitreisen akquirierten – was für alle Beteiligten die günstigste Variante war. Und Leute wie unser indischer Freund Rajesh machten das halt professionell; das ganze Wochenende von Kiel nach Hamburg und zurück, immer 4 Leute auf seiner Karte, die ihm Bargeld gaben. Was wir nicht wussten: an diesem Abend war es Rajeshs letzte Schicht und weil man sich sympathisch war, beschloss er direkt mit uns nach St. Pauli zu kommen, wogegen wir auch nichts hatten, immerhin trank er lauwarmen Ramazotti aus der Flasche, „Alle gutan Alkaholika drinkan Ramazotti, näh!“, sagte er sollte recht behalten, wie mich mein späteres Leben noch lehrte.

Das nächste Problem: Marek trank so schnell, dass er Höhe Neumünster schon lallte und beim Aussteigen am Hamburger Hauptbahnhof grüner um die Nase war als Epileptiker mit Waldmeistereis. „Vielleicht mal kurz irgendwo ausruhen?!“. „Marek Alter, wir sind gerade angekommen! GEILE MEILE!“, riefen wir und ignorierten seine Überdosierung zunächst. An der Tankstelle in der Nähe der Davidwache machen wir den ersten Stop. Ich nahm Getränkewünsche entgegen, man einigte sich auf Dosenbier, „Du auch, Rajesh?“. „Naa, hab‘ noch Ramazotti, näh. Alle gutan Alkaholika drinkan Ramazotti, näh!“. Marek bestellte sicherheitshalber ein Wasser, noch bevor ich es überreichen konnte, erbrach er sich jedoch in den Scheibenputzeimer an Zapfsäule 7. Unaufhörlich. Zwischendurch befürchtete ich, dass Marek über 50% seines Körpergewichtes verloren haben müsste; noch bemerkenswerter war nur das fast vollständige Stück Kassler in seinem Output. Dass Marek ein guter Esser war, wussten alle, dass er aber offensichtlich keinen Bock auf’s Kauen hatte, war zumindest mir neu. Andy und Jan beschlossen, Billard spielen gehen zu wollen – was für ein Geniestreich! Wo kann man sonst schon Billard spielen und wenn man schon seine amoralische Puff-Ausflugs-Premiere in die sündigste Straße der Welt plant, dann sollte man natürlich erstmal stundenlang ein paar Achter einlochen gehen! Ein bessere Idee hatte nur Hansen, „Lil‘ MC, ich geh‘ jetzt bumsen.“. „Aber… aber Du kannst mich doch jetzt hier nicht alleine zurücklassen?!“, „Sorry, aber noch kann ich, nachher wird’s schwieriger! Ich will jetzt bumsen, Schüß.“, sagte er und verschwand in der Herberststraße.

Ein perfekter Abend, zwei Freunde spielten Billard, ein Dritter war bumsen und Lil‘ MC? Verlassen mitten auf der Davidstraße, alle 30 Sekunden quatschten mich Mätressen an, die die älteren Schwestern meiner Mutter hätten sein können. Ich schaute nach links, wo Marek im Eingang eines Schnellrestaurants auf der Treppe saß, steady kotzing. Rechts daneben stand Rajesh und kämpfte auch schon ein wenig mit seinem Gleichgewicht. „Scheiße, Rajesh, was machen wir denn jetzt?!“. „Ramazotti, näh. Alle gutan Alkaholika drinkan Ramazotti, näh!“, Prost.

Kommentare

9 Antworten zu “Mein erster Kiez-Besuch”

  1. Wendlander sagt:

    Super, ich hatte grad ein Deja Vu was das Durchschnittsalter und Marketing der Mädels in der Davidstrasse angeht – mir kamen die auch schon so alt und aufdringlich vor. Nur rund zehn Jahre vorher… :-)

    Und: ‚Herberststrasse‘ ist wohl ungewollt, aber auch nicht schlecht.

  2. singhiozzo sagt:

    Machste doch keine Telefonnummerveröffentlichung heute?

  3. Gilli Vanilli sagt:

    und wie gings weiter?? da muss doch noch was kommen oder???

  4. MC Winkel sagt:

    @Wendlander: … als 18jähriger denke man aber sowieso noch, dass Alles >20 40 sein muss, nä.
    @singhiozzo: Iiiieeech?! Neeeeé, ich mach‘ sowas nicht! :)
    @Gilli Vanilli: Warum? Warum muss eine Geschichte immer ein Hollywood-Ende haben? Was willste hören? Ende bitte selbst vorstellen, soviel Fantasie sollte sein! :)

  5. denzel sagt:

    wie wär’s sonst mit einer partie … billard. ahahhahahahahhaha ^^

  6. Moody sagt:

    ziemlich mau fürn ersten besuch, hoffentlich war der zweite besser. dart? bowling?

  7. Erdge Schoss sagt:

    Und Sie, werter Herr Winkelsen, durften nicht mal beim Kugelschubsen ran?

    Herzlich
    Ihr Schoss

  8. Perot sagt:

    Auf’m Kiez ist eigentlich Astra ein Muss. Habe 10 Jahre in Hamburg gewohnt, und hätte ich ein Blog, könnten die Kiezbesuche, die ich mit Freunden aus der „Provinz“ alias „meiner alten Heimat“ erlebt habe, einige Kapitel füllen. Kerle, die man für Womanizer hielt, bekamen vor der Herbertstraße ihre „Angstzigarette“ nicht angezündet, so zittrig waren die Hände. Und für einen selbst war das als Quasi-Reiseführer irgendwann genauso unspektakulär, als würde man jeden Tag durch den Citti-Park in Kiel bummeln – ich weiß, der Vergleich hinkt, aber ich denke, Du verstehst. ;-)

  9. MC Winkel sagt:

    @denzel: *lol* Danke, nein!
    @Moody: … ne, in der Form hat das dann nie wieder stattgefunden. Zum Glück! :) (Wenn, dann tatsächlich so Club-Geschichten, Reeperbahn-Walks sind ja auch ausschließlich etwas für Teenager)
    @Erdge Schoss: Ich musste noch fahren, Herr Schoss!
    @Perot: … ich verstehe! :) Aber die Nervosität war recht schnell weg, ich mein, sind ja auch alles nur Menschen, nä. Die Inder. :)

    Und überhaupt: 13 Likes, das „Watch The Throne“-Posting von heute hatte 250. Eine eindeutige Tendenz…

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