Jacques und die Abwasserverrohrung

Es schien ein ziemlich gewöhnlicher Außentermim zu werden: die Innendienstkraft terminierte mir ein Beratungsgespräch bei einem Gastronom. Auf dem Kieler Ostufer würde ein altbekanntes, in der Vergangenheit leider aber insolvent gegangenes Restaurant neueröffnen. Der neue Betreiber, der das Haus auch selbst renovieren würde, hätte da ein paar Fragen bezüglich der Vernetzung mehrerer Standorte, Telefon und Internet, ob man da nicht einmal Jemanden vorbeischicken könnte. Natürlich bot ich mich sofort an, Termine im Bereich der Gastwirtschaft waren immer toll: die Leute waren meistens freundlich, es gab meistens großartige Espressi (bis auf eine Ausnahme, ausgerechnet bei einem Italiener in Marina-Wentdorf – schmeckte wie katzenurinöses Pfützenwasser aus Cuba) und bei gutem Wetter saß man auf der Terrasse in der Sonne.

Intern bat ich übrigens immer darum, solche Termine wenn möglich in die Mittagszeit zu verlegen – warum sollte man sich nicht einmal zu einem Mittagstisch einladen lassen dürfen, wenn der Job sonst schon ungefähr so lustig wie ein Nuklearkrieg war. „Den nächsten Termin hast Du erst drei Stunden später, Winkelsen. Kommst Du zwischendurch nochmal rein?!“. „Je nachdem. Ansonsten ist ja das Handy an!“ – was bei Außentemperaturen von 20°+ immer soviel wie „Natürlich nicht, guck‘ mal raus!“ hieß.

Auf dem Weg zu dem Kunden kaufte ich mir in der Drogerie noch Tiroler Nussöl. Ich weiß was Ihr denkt und Ihr habt recht, aber wer mit Mitte Zwanzig gelackmeiert im Anzug umherrennt, der schmiert sich auch so eine Mahagoniplörre auf die Marmel. Da war man ja quasi direkt nach dem Eincremen schon braun. Ein Badetuch hatte ich im Auto denn wer weiß, vielleicht hatte der motivierte Neubesitzer ja einen Außenpool ausgebuddelt. Top gelaunt fuhr ich also auf den Parkplatz vor dem Restaurant, welches schon noch ein bißchen nach Baustelle aussah. Die Terrasse hatte sich jedoch nicht großartig verändert und das Sommermobiliar stand bereits draußen. Noch schnell das Nussöl rauf uns dann ab in die Mittagssonne – herrlich!

Klingeling. Es dauerte ewig, bis mir aufgemacht wurde, aber dann stand er vor mir, „Sie müssen Herr Winkelsen, sein – Moin! Schubert.“. Herr Schubert trug eine ballonseidene Schnellfricklerjogginghose in blau, gesprenkelt mit Acrylflecken. Dazu ein hautenges Feinrippunterhemd, Glatze und einen wuscheligen Oberlippenbart mit Rotstich, stimmlich erinnerte er mich an eine Mischung aus Georg Uecker und Montserrat Caballé. Er zog sich seine gummierten Chemieschutzhandschuhe aus, um mir die Hand zu geben. „Sie müssen entschuldigen, wir sind gerade hart am Ackern!“, „Ach,“, sagte ich und hob beide Arme nach oben, „jetzt habe ich Tasche und Handy in der Hand, lassen sie uns doch erstmal auf ihrer schönen Terrasse Platz nehmen!“, irgendwie hatte ich Angst vor Schubert. „Geht nicht, da sägt mein Partner gerade die neue Abwasserverrohrung zurecht. Wir müssen mit den Stühlen hier vorlieb nehmen!“. Na super. In dem Laden war’s staubiger als auf Schäubles Turnschuhen, der Kassettenrekorder spielte Abba und wenn der Typ hier sich seine Fußnägel nicht lackiert, wollte ich Victor Willis heißen. „Wann ist ihr Geschäftspartner denn draußen fertig? Wäre ja schade; diese schöne Terrasse und es sind bestimmt 30° da draußen!“. In dem Moment kam er zur Tür rein, zog sich die Träger seines Blaumannes zurück über die Schultern und guckte mich böse an. „Ah, da ist er ja. Jacques, das ist Herr Winkelsen von der Telefonfirma, Herr Winkelsen, das ist Jaques, mein Partner. Im Geschäft wie im Leben. Manchmal ist er etwas eifersüchtig!“, Schubert lachte wie Lilo Pulver. Mit eingefrorenen Gesichtszügen nickte ich Jacques zu. So langsam ergab Alles einen Sinn: das Warten an der Tür. Der rote Oberlippenbart. Abba. Victor Willis. Die Acrylflecken. Moment mal, Acrylflecken?

Ein halbe Stunde später war ich wieder zurück im Büro. „Winkelsen, Du hier? Das hätte ich nicht gedacht, bei diesem Wetter!“, begrüßte mich die Innendienstkraft. „Ja, war nicht so gut da. Brauchst Du zufällig Tiroler Nussöl, kann ich Dir für die Hälfte des Neupreises geben.“. War ja nur einmal gebraucht.

Kommentare

27 Antworten zu “Jacques und die Abwasserverrohrung”

  1. honki sagt:

    Uiuiui, der Schäuble Gag hat aber ein ungünstiges Timing. Ansonsten wie immer prickelnd frisch und schön bei 4°C serviert, auch wenn die den Kern der Sache diesmal nicht so richtig gechecked habe… Aber erklären lassen geht gar nicht… also nehm ich ’s so wie’s is.

  2. Mocca sagt:

    Der hieß nicht wirklich Jacques! XD

  3. Chris sagt:

    Huha, was will der MC Dichter uns damit sagen? Krieg ich nicht in meine nussölfreie Marmel… Zudem Schäuble-Gag…dünnes Eis. Jacques (Cousteau) auf Abwasser-Tauchstation?

  4. Perot sagt:

    „Ich weiß, was Ihr denkt, und Ihr habt recht.“ Da ist wohl auch jemand „Magnum“-Fan, was?!

    Irgendwie kann ich mir nicht helfen: Dein Außendienstjob scheint mir nicht der Schlechteste gewesen zu sein, so viel, wie Du da rumjuckeln konntest. Ich habe Mitte der 90er mal als Taxifahrer gejobbt, und sollte ich je auf die Idee kommen, selber einen Blog einzurichten: Jener Job wäre Inspiration zu Dutzenden von Geschichten der Kategorie „Schräge Vögel, bizarre Erlebnisse“.

    Der Vorteil gegenüber Deinem Job war: Ich musste keine Anzüge tragen. In einem heißen Sommer in einem Taxi ohne Klimaanlage sind Freizeitklamotten doch wesentlich angenehmner, nicht wahr?

    Zurück zu Jacques und Partner: Was erwartest Du? Nussöl auf der Marmel, vermutlich top gestylt und aufgrund der Außentemperatur Hemd halb offen – wie soll da einer erkennen, an welchem Ufer Du zuhause bist?

    Ja ja, ich weiß: Ostufer. ;-)

  5. Perot sagt:

    Korrigiere: Westufer ist MC’s Home. Ostufer ist Wendtorf (nicht „Wentdorf“ – darf ich klugscheißen?)

    Aber die Story mit Marina bei dem Italiener mit dem miesen Espresso würde mich auch interessieren.

    So, Schluss jetzt! ;-)

  6. Gürtel sagt:

    „In dem Laden war’s staubiger als auf Schäubles Turnschuhen“

    hart, aber ich schreie ;-)

  7. Torsten sagt:

    Ich wusste gar nicht, dass Schäuble Turnschuhe hat…

  8. denzel sagt:

    „viktor willis“ *lol*

  9. singhiozzo sagt:

    Sehr schön, so fängt die Woche gut an! Die Acrylflecken kamen mir gleich komisch vor (auf sowas muss man bei deinen Geschichten einfach gefasst sein). Kenne ich übrigens ganz ähnlich. Zwei meiner (mittlerweile Ex-)Kunden machen eine erfolgreiche Travestieshow. Was hab ich da schon bei Geschäftsterminen Lachanfälle unterdrücken mußte.

    Zum Schäuble Gag: sehr geil, obwohl ich zugegebenermaßen den Bruchteil einer Sekunde drüber nachdenken mußte. ;-)

  10. Thomas sagt:

    Also wenn ich das Alles so lese: seien sie froh, jetzt Faulancer zu sein, Herr Winkelsen. Wie läuft’s denn so?

  11. Erdge Schoss sagt:

    Sie, werter Herr Winkelsen,

    waren zu dritt und haben kein Skat gekloppt?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  12. feronia sagt:

    Tiroler Nussöl??? Ernsthaft???

  13. Venden sagt:

    Vielleicht waren die so genannten Acrylflecken nur Sonnencreme – das Tiroler Nussöl scheint ja bei euch oben sehr begehrt zu sein und zu diesem Zeitpunkt eventuell ausverkauft?

  14. norrin sagt:

    Tiroler Nussöl, Lichtschutzfaktor natürlich NULL, war klar;)

    Lilos Lache, Schäubles Schuhe, Ueckers Stimme, ABBA, Unterhemd, Ballonseide, Jacques und…Flecken. Da stimmt ja mal wieder alles! Gut gelacht.

  15. MC Winkel sagt:

    @honki: … für so einen gibt es eigentlich nur „schlechtes Timing“. Aber was hat er uns bitte angetan, stell‘ das mal in Relation! Die Message ist … Acryl. :)
    @Mocca: So wurde er mir vorgestellt. Vllt. auch „Jack“, aber er sah mehr aus wie Jacques. :)
    @Chris: WS, s.o. – und muss man denn immer eine Message haben?! Ich mache doch nur Spaß.
    @Perot: Magnum: Si! :) Job: naja, Außendienst halt, nä. Fahr mal am Montag um 10.00h in die Caféteria beim Plaza – da sitzt Kiels gesamter Außendienst jedweder Branche! Und yes – WESTSIDE till I die! :)
    @Gürtel: … Du scheinst den Freitag gut weggesteckt zu haben, Dicker! Ich merke meinen Samstag noch. :)
    @Torsten: Hatte. ^^

  16. MC Winkel sagt:

    @denzel: kennste? :)
    @singhiozzo: Ouha, also Travestiekünstler hatte ich nicht. Gibt es hier in Kiel aber auch nicht sooo Viele von! :)
    @Thomas: super! Ich sag nur: halb zehn heute! :)
    @Erdge Schoss: Das Blatt war unvollständig, Herr Schoss. Die Buben fehlten.
    @feronia: Jahrelang!
    @Venden: Mag sein. Ich tippe auf delial!
    @norrin: Dochdoch, das hatte LSF 6, wenn ich mich richtig erinnere. Und Danke! :)

  17. Donna sagt:

    Ich habe das Tiroler Nussöl auch einmal ausprobiert. Ende der 90er, Sommerurlaub auf Kreta. Dunkler war ich nie wieder. Dafür habe ich aber auch die nächsten zwei Wochen mahagonifarben geschwitzt, wenn Sie verstehen. ;o)

  18. anonym sagt:

    Ich muß zugeben, daß ich über die Turnschuhe einen klitzekleinen Moment nachdenken mußte.

  19. die anke sagt:

    lieber herr winkel, wie kommt es das immer der montag so gut anfaengt, froehlich in die woche gestartet. tiroler nussoel, kann mich gut dran erinnern. konnte man nur noch mit „malle cocosoel“ toppen, dass waren noch zeiten, heute wird mir schon schlecht wenn ich daran denke und schlimmer noch, wenn man jemanden trifft, der sich mit diesem zeug einschmiert, da kommt das wuergen von allein :((

  20. anonym sagt:

    Die Turnschuhe wurden von Ihnen übrigens terminlich gut eingesetzt. Erst hat der Mann jahrelang die Bürgerrechte mit Füßen getreten, wollte zivile Flugzeuge abschießen lassen; jetzt sieht es aus, als ob er ins Heim abgeschoben wird. Da hält sich das Mitleid natürlich in Grenzen.

  21. Pssst! sagt:

    n dem Laden war’s staubiger als auf Schäubles Turnschuhen

    ICH BRECH AB! *gröööhl*

  22. Marco sagt:

    Vernehme ich da eine leichte Homophobie? :P

  23. MC Winkel sagt:

    @Donna: Dieses Phänomen habe ich auch feststellen dürfen, kein Shice! Das ging sogar 4 oder 5 Wochen. Die weißen Handtücher waren nach 2 Tagen dunkelbraun! Alles nicht normal! :)
    @anonym: Um ihn zu verstehen oder ob man sowas bringen kann?! :)
    @die anke: Och, ich finde das roch eigentlich immer wirklich gut! Doff nur, dass es das nir zum Sprühen gab!
    @anonym: Ah, gerade mal die Mail-Adresse verglichen – also hab ich’s richtig verstanden. Don Schäuble kann von mir auch kein Mitleid erwarten…
    @Pssst!: … was haben die Leute denn heute mit den Turnbotten. Solche Dinger bring‘ ich doch ständig.. :)
    @Marco: Absolut nicht! Fand’s halt nur … irgendwie bizarr. Hätte genauso empfunden, wenn es sich um ein gleichgeschlechtliches Paar gehandelt hätte, wo sie … sagen wir mal… ’nicht besonders ästhetisch‘ anzusehen gewesen wäre. Echt.

  24. die anke sagt:

    lieber winkel, natuerlich gibt es heute, auch in ihren drogeriefachhandel, nussoel im zerstaeuber ; )) nur zu…

  25. Pssst! sagt:

    junge, der war einfach „just in time“ produziert! echt, genial! muss schon wieder kichern *g*

  26. der.grob sagt:

    Was die wenigsten wissen: Schäubles Turnschuhe sind stets blitzeblank.

  27. Perot sagt:

    *schmunzel* Die Plaza-Caféteria muss wohl die Institution sein – meine Verwandtschaft, die in Kiel wohnt, trifft sich da auch immer. Nachvollziehen kann ich das nicht.

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