Golden Limerick 1987

Wir hatten früher an der Schule einen homosexuellen Lehrer, was im Groben sicherlich nicht wesentlich aufregender ist als Teewurst. Für problematisch erachtete ich nur die Tatsache, dass der schätzungsweise Ende 50-jährige Kunstlehrer in den Pausen bei uns im Klassenzimmer blieb und Körperkontakt suchte. Meistens bei den am juvenilsten aussehenden Mitschülern, dort auch mehr so in der Körpermitte, bevorzugt hinten. Ich selbst hatte wenig Angst vor Übergriffen, ich hatte seinerzeit eine starke Waffe gegen Annäherungsversuche jedweder Art: ich sah einfach superscheiße aus.

Meine Stimme befand sich zudem während der kompletten Orientierungsstufe in ständigem Wechsel zwischen Jens Jeremies und Luciano Pavorinski, mich fasste seinerzeit nicht einmal der Kinderarzt an. „Kannst du dir bitte selbst kurz Blut abnehmen, Lil‘ MC, ich muss kurz auf Hausbesuch!“, eine üble Zeit war das; bis auf Hermes Phettberg, Adolf Sauerland und Uschi von der Leyen kann das auch kein Mensch so richtig nachempfinden. Ferner fragte ich mich, warum besagter Lehrer seinen favorisierten Knaben in den Schulstunden literwiese Eistee spendierte und niemals das Urinal im Lehrerzimmer benutzte.

Neben meiner rein optischen Ganzkörperdeformation litt ich während meiner Pubertät unter einer unbeschreiblichen Naivität, dass da aber irgendwas so richtig nicht stimmte konnte, schwante mir mehr als bei Omma mit altem Toastbrot am Teich. Ich musste also etwas unternehmen, ich wollte es dem Mann für all seine unzüchtigen Moves heimzahlen, sein Gefummel nahm überhand an wie Fans von Dirk Nowitzki. Ich überlegte mir also ein Limerick, ein schönes, fünfzeiliges Gedicht. Inhaltlich war es etwas frivoler als die Texte des jungen Marshall Mathers, technisch leider nicht ganz so gut, aber A-A-B-B-A; wie willste da auch richtig flexen? Ich schrieb es dann Nachts mit Edding spiegelverkehrt an die Außenscheibe des Kunstraumes, so dass er es am nächsten Morgen auch gut lesen können würde – was er konnte. Und ausrastete.

Er veranlasste aus Gründen der Täter-Überführung eine Schriftkontrolle. Alle Schüler, die er unterrichtete, sollten zu Beginn der nächsten Unterrichtsstunde einen von ihm vorgelesenen Text, bei dem es sich leider nicht um mein Gedicht handelte (was ich rückwirkend auch nochmal anprangern möchte, ich hatte mir solch eine Mühe gegeben!), 1x normal und 1x spiegelverkehrt aufschreiben. Ich hatte ein ganz kleines bißchen mehr Bammel als Pudelmützenträger, aber auch eine gute Idee: ich schrieb mit Links! Was keiner merkte. Sicherheitshalber spreizte ich den kleinen Finger ab und pfiff „Candle In The Wind“, mögliche Sympathiepunkte holen und mich als Täter komplett ausschließen. Es klappte. Der Schmierfink konnte nicht überführt werden, die Anzeige gegen Unbekannt verlief im Sande wie betrunkene Malle-Touris auf dem Heimweg. Da ich inzwischen von Verjährung ausgehe, hier nun mein Geständnis: ja, ich war das, Herr Sorgeland. Die Reime auf „Himbeer-Ticker“ und „Brandskutscher“ hatten Sie mir so gar nicht zugetraut, hm?

Kommentare

16 Antworten zu “Golden Limerick 1987”

  1. Perot sagt:

    Was war denn das für’n Vogel? Hobby-Graphologe?

    Wir hatten einen Lehrer, Misanthrop durch und durch, der mit Mitte 50 noch bei Mama lebte (sic – ich schwör!), bei Frauen nicht ansatzweise scoren konnte, Homosexuelle für Unmenschen hielt und regelmäßig gegen letztere wetterte, wenn er einen schlechten Tag hatte. Auf die Gegenfrage eines Schülers, was man denn dagegen machen solle, sagte der Mann (wortwörtlich – das hat sich in mein Gehirn gebrannt – ich schwör wieder und habe Zeugen): „Hinter Mauern sperren, erschießen, erhängen!“

    Noch Fragen?

    Fumbleeyen, egal mit welchen Präferenzen bzgl. der Polung, sind natürlich in dem von Dir geschilderten Zusammenhang ebenso fragwürdig. Allderings hatten wir damals eine Lehrerin, bei der mich solche Übergriffe auf mich nicht gestört hätten. Aber man möchte natürlich vorher gefragt werden, ob’s genehm ist. ;-)

  2. AAHHHH. Mich haben die suns mit meinem „smc“ auch nicht ertappt. Können die mich jetzt noch belongen wenn die das hier readen? W. C.fieldenbergen ™ war aber auch ein stylischer Masseur mit einer lightenen Flyschmütze, dieser sun. An den Tea kann ich mich not any more remembern, aber meine Verspannungen goeten gone. Er hatte echt fingerspytzenfeelings, dieser goddamnte sun if laiph!

  3. singhiozzo sagt:

    Der Eistee ist jetzt hoffentlich nicht das, was ich denke, oder?

  4. n1Ls sagt:

    Schöner Start in den Montag, mehrfach laut gelacht.
    Bestens.

  5. Daniela sagt:

    DANKE! […] schwante mir mehr als bei Omma mit altem Toastbrot am Teich.
    You made my day!

    Keep It Coming. :-)

  6. MHW sagt:

    Dieser Mann war mein Klassenlehrer. Einmal stand in unserem Klassenbuch: „U. schwult rum“ Der Täter trug eine blaue Brille und wurde von einem Klassen“kameraden“ verpetzt. Ich kann mich auch noch daran entsinnen regelmäßig und relativ schmerzhaft „massiert“ worden zu sein. Werde mir demnächst mal eine gewaltige Psychose zurechtdenken und den Herren nachträglich und im gaaaanz großen Stil zurechtweisen. Mit Presse und so….hahaharrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr.

  7. jens m. sagt:

    Es erinnerte mich ein bischen an meine Sportlehrerin in der Realschule, die für ihre „Hilfestellung“ am Reck berüchtigt war.

    Wenn sie nicht gewesen wäre, vielleicht wär aus mir ja doch ein kleiner Hambüchen am Reck geworden :-)

    Anyway: Saved again the „working like a machine“ – Monday!

    Wir möchten weiterlesen, trotz weniger Likes!

  8. singhiozzo sagt:

    @jens m.: Apropos Sportlehrerin! Da fällt mir meine Sportlehrerin Frau K. vom Wirtschaftsgymnasium ein, die ungelogen IMMER den fetten Cameltoe am Start hatte! Und das war nicht mal annähernd sexy!

  9. anja sagt:

    was für ein schwein!!
    und ansonsten viel gelacht beim lesen, merci.

  10. o. sagt:

    Wir hatten in der Förderstufe auch so einen als Lehrer. Der war extrem locker und beliebt, nachmittags besuchten wir ihn manchmal zum Tischtennis- oder Atari-Spielen. Mich wunderte es damals schon, dass der einen immer massieren wollte. Zum Glück stand er wohl nicht so auf mich und fokussierte sich auf andere Schüler. Nachträglich kam raus, dass ihn einer der Jungs von früher wegen Missbrauch verklagt hatte. Er kam dann auch vor Gericht und in den Knast, verstarb dann aber ohnhin an Krebs.

  11. MC Winkel sagt:

    @Perot: Jeder, der mit 30 noch tohut wohnt, macht mir Angst. Und Ihr Pädagoge war ja wirklich ein Herzchen! :)
    @Jerry B. Anderson: … crass, gleich 2 weitere Opfer in meinen Comments! Und wg. „SMC“ – ist eigentlich eine Frechheit. Wir hatten den künstlerischen Aspekt seinerzeit gar nicht mit Casey diskutiert, müsste man eigentlich nachholen! (+ die Arbeitszeit für die Scheibenreinigung nachträglich vergütet bekommen!)
    @singhiozzo: Nein, kein „Jesus-Juice“, wie MJ es gerne nannte. Also, … glaub ich nicht. Sicher kann man sich aber nie sein! :)
    @n1Ls: Freut mich, gerne! :)
    @Daniela: Fjeden! :) Danke.
    @MHW: Stimmt leider sogar. Ich bekam damals mächtig Ärger mit Muddern Frykee, der Direktorin. Und mit der Petze bin ich sogar bei facebook befreundet. (Und Dich massierte er auch? Wo?)

  12. MC Winkel sagt:

    @jens m.: Dann liked halt, Mensch! :)) (und: wie wird der Mittwoch übersetzt?)
    @singhiozzo: Echt nicht? Warum? :)
    @anja: :) gerne
    @o.: Karma’s a bitch! :) (Ein sich auskennender Bekannter erzählt mir neulich, dass Lehrer und Pfarrer die beliebtesten Berufe für verkappte Pädos sind. Na herzlichen Glückwunsch.)

  13. MHW sagt:

    Ja, habe jetzt noch vor Augen wie der junge Mann Üwchen beim reingehen abgefangen hat und ihm den Eintrag ins Klassenbuch offenbarte. What a man. Mich massierte der Mann ohne Haar aufm Dach regelmäßig da wo es weh tat. Im Nacken! Aber was man nicht alles so für gute Noten tut. Im technischen Werken war ich ja stets auf ner 4- verankert.

  14. 500beine sagt:

    Beleidigungen verfasse ich grundsätzlich und bullensicher mit dem Schienbein.

  15. Lyric sagt:

    War Herr Sorgeland nicht das ausgemachte Arschloch mit Hang zum Faschismus und obendrein auch noch Kunstlehrer, Herr Winkelsen?
    Auch ich danke herzlich für diesen Klassiker aus Ihrer Jugend und dabei ist doch noch gar nicht Weihnachten. ;)

  16. onGri sagt:

    das ende der zeilen kann man sich ja in etwa zusammenreimen, mich würd trotzdem der komplette limerick interessieren

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