Frühstück bei Herrn Byttner

Es war im April 2001, als ich im Rahmen meiner dienstlichen Tätigkeit als Außendienstmitarbeiter das erste Mal auf Frau Byttner traf. Den Vornamen habe ich vergessen, ich erinnere mich nur an ihren Blick während des Beratungsgespräches. Schwer zu beschreiben, so eine Art Esther Schweins mit erschöpfter Kiefermotorik. So von unten und mit erzwungenem Schlafzimmerblick guckend, den Mund­ dabei einen Hauch von auf. Dazu die gebogene Außenhand leicht angedeutet unter dem Kinn, ich habe noch nie verstanden, wozu das gut sein soll? Zum Kaschieren vom Doppelkinn würde es Sinn machen, nach einem Sturz vom Longboard auf der bolivianischen Yungas-Straße oder als Folge eines unfreiwilligen Kanntsteinbisses vielleicht noch, dann war’s das aber auch schon. Fürchterlich.

So unerträglich wie Esther Schweins mir heute in Talkshows auffällt, so geil machte mich Frau Byttner mit diesem albernen Gehabe damals. Ich war wohl seinerzeit Zielgruppe für sowas, Kleinstadt-Vertreter im 200DM-Anzug, alle 14 Tage Solarium und mehr Gel auf der Birne als in Ringeldingeldongel. Natürlich traf ich mich anschließend nochmal mit ihr, auch wenn meine privaten Akquise-Vorhaben zunächst nicht so glücklich anliefen. Woher sollte ich auch wissen, dass die Handynummer auf ihrer Visitenkarte die Nummer des einzigen Mobilfunkgerätes der Firma war und ihr Chef mit meinem „Ich kann Unterlippen-Jiu Jitsu, soll ich zeigen?“ nicht besonders viel anfangen konnte.

Die Dinge nahmen also ihren Lauf wie Hufschmiede den ihrer Kundschaft und nach wenigen Wochen stellte sie mich ihren Eltern vor. Die Mutter war soweit ich mich erinnere ganz okay, arbeitete halbtags in irgendeinem Blutbums, Rotes Kreuz, Seroplas oder bei Black Sabbath am Bass. Aber der Vater. Nur am Lamentieren. Egal, um was es ging, er beschwerte sich: Außenpolitik, SpVgg Unterhaching, Wetterbericht, der Teuro, selbst bezüglich seiner aktuell vergrößerten Prostata weinte er mehr als jeder Sommelier. Es war kaum auszuhalten, ich schaltete auf Durchzug, nur wenn Herr Byttner mich in Erwartung eines Statements anschaute, dropte ich mir vorher zurechtgelegte Standard-Floskeln, die immer funktionieren: „Jaja, die wollen doch alle nur den Nachtisch zuerst!“, „Im Notfall immer den Blick nach vorn!“, „So geht es wirklich nicht. Aber anders ja auch nicht, haben wir doch gesehen!“ – müsst Ihr mal ausprobieren, klappt wirklich.

Irgendwann konnte ich das Gejammer dann aber noch weniger in Kauf nehmen als Daimler-Händler Kadetts, ich sprach mit Herrn Byttners Tochter, deren Vornamen ich wirklich vergessen habe. Trotz all ihrer eindrucksvollen Servicedienstleistungen musste ich einhaken wie Hooks Unterarm, ich besuchte sie an einem verregneten Mittwoch nachmittag. „Bytti, dein Vater, ich … ich will da nicht mehr hin!“. „Musst Du wissen. Aber dann sehen wir uns auch nicht mehr!“. Ja super, fly²! Auf dem Nachhauseweg hielt ich noch kurz bei C&A, drei für zwei-Aktion bei den Oberhemden, konnte man nicht meckern.
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[Geschrieben am Flughafen Charles De Gaulle + auf dem Rückflug Paris -> HH]

Kommentare

14 Antworten zu “Frühstück bei Herrn Byttner”

  1. Johannes sagt:

    Ich wollte gerade ins Bett gehen, aber jetzt bin ich dafür zu gut gelaunt. Der mit den Sommeliers hat ne Weile gebraucht, aber erreichte mich dann quasi „im Abgang“. Wenn das so ist, bleib öfter mal an CDG hängen! ;)

  2. Lyric sagt:

    Können Sie denn wenigstens immer noch Unterlippen-Jiu Jitsu, werter Herr Winkelsen? So im Alter soll das ja angeblich nachlassen?! Rückflug mit LH oder Eier Franz? :)

  3. Folker sagt:

    Stimmt, die Sache mit den Standardfloskeln, habe ich auch schon angewendet, klappt jedesmal, ist eben das was die Leute hören wollen :-)

  4. Heisenberg sagt:

    Der Teuro? Im April 2001? I don’t think so. ;)

    „So geht es wirklich nicht. Aber anders ja auch nicht, haben wir doch gesehen!“, den muss ich mir aber auf jeden Fall merken. :)

  5. Gilli Vanilli sagt:

    das hätte ich früher wissen müssen das es so einfach ist

  6. singhiozzo sagt:

    Also damals bei RTL Samstag Nacht fand ich Esther Schweins immer ziemlich heiß! Ist die heute nicht mehr so?

  7. denzel sagt:

    heute mal wieder ein wahres vergleichsfeuerwerk.
    das hast du im flugzeug geschrieben?
    kool savas hat für etwas nicht ganz so gutes mehr als ein jahr gebraucht.

    „mehr Gel auf der Birne als in Ringeldingeldongel“
    „Die Dinge nahmen also ihren Lauf wie Hufschmiede den ihrer Kundschaft“
    „weniger in Kauf nehmen als Daimler-Händler Kadetts“

    highlight heute aber:

    „einhaken wie Hooks Unterarm“

    keep keeping on!

  8. hemd sagt:

    montag morgen whudat und die Woche startet mit einem fetten Grinsen.
    mein absoluter Favorit ist natürlich: „weinte mehr als jeder Sommelier“

  9. anke sagt:

    lieber herr winkel, so faengt die woche gut an. diese wortspielerei gefaellt mir und da waren einige drinnen UND ich hab alle auf anhieb verstanden ; ) wort-froehliche-gruesse

  10. Ha, dank der Story hatte ich heute Morgen gegen 3h fast nen „Lachflash“
    Der Sommelier war echt locker, solltest du in BAS einpflegen ;)

  11. Friesischer Kulturbeauftragter in Bayern sagt:

    MASTERPIECE!

    Keine Frage, brillanter Start in einen Montag Morgen.

    … mehr davon.

    Ein wortgewaltiger Beweis für meinen Auftrag in BY, das kulturelle Nord-Süd Gefälle anzugleichen (an den Norden).

    Hier gibt es im Übrigen Bier-Sommeliers, weinen die auch???

    thx

    Stephan

  12. Donna sagt:

    „Die wollen doch alle nur den Nachtisch zuerst!“

    Das wird mein neuer Poesie-Alben-Spruch! :o)

  13. Perot sagt:

    „Na ja, Hauptsache ist doch, man ist gesund, nä?!“ ist auch ’ne Joker-Floskel, die meistens passt. ;-)

    Habe Urlaub, bin selten on, aber auf die Montagsstory vom Emser ist Verlass. :-)

  14. Paule! sagt:

    Mad Props für den Sommelier! Ich habe sehr gelacht!!!

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