Evelyn Hamann, Ted Herold und ein apikales Schneeschieben

Im Herbst 1991 fand von der Firma, in der ich seinerzeit lernte, eine für die Geschäftskunden ausgerichtete Feierlichkeit statt. Wir Auszubildende waren angehalten, diesem Fest beizuwohnen und gegebenenfalls den Bediensteten vor Ort zur Hand zu gehen; uns wurde damals wirklich weniger geschenkt als den Zeugen Jehovas am 24. Dezember. Dennoch konnten mich zwei kleine Tatsachen überzeugen: zum Einen sollte Evelyn Hamann (Gott habe sie selig) am Abend eine kleine Lesung abhalten und zum Anderen würde das Bier auf solchen Veranstaltungen erfahrungsgemäß fließen wie der norwegische Vøringfossen.

Nun stand ich nicht unbedingt auf Evelyn Haman, aber wer weiß: sie als professionelle Komödiantin wird ganz sicher mein unfaßbares Talent erkennen und mich groß rausbringen. Ich musste diese Chance nutzen, sonst kam ja auch nie jemand nach Kiel. Und als Halbstarker junger Heranwachsender mit Weltchef-Attitüde hatte ich nun endlich mal die Gelegenheit, den snobistischen Außendienstmitarbeitern, die ihre Trinkfestigkeit stets als das Sicherste nach Alcatraz zu deklarieren verstanden, auf den Zahn zu fühlen wie Dr. Merk. Aber das wollten wir doch alles erstmal sehen. Für Frau Hamann frisierte ich mir an diesem Abend extra eine Tolle zurecht. Ich hielt das für eine gute Idee in Hinblick auf etwaige Jugenderinnerungen ihrerseits und war mir sicher, somit einen garantierten Sinnensrausch hervorrufen zu können, welcher meiner Karriere nur gut tun könnte. Für meine Trinkfestigekeit tat ich auch etwas: Mittags gab’s ein Rollmops/Lapskaus-Gelee, mit Kartoffelpüree. Aber ohne Senf, denn übertreiben – so halte ich es ja bis heute – wollte ich wirklich nicht.

Als ich die angemietete Lokalität am Abend erreichte, war aufgrund meiner Frisur die Heiterkeit größer als in der Douglas-Buchhaltung zur Vorweihnachtszeit. Unbeeindruckt setzte ich mich mit zwei weiteren Ausbildungskollegen an die Theke und bestellte 3 Bier und 6 Sambuca. Was die Kollegen tranken, weiß ich nicht mehr. Leider gesellte sich innerhalb dieser immens wichtigen Auflockerungsphase mein damaliger Junior-Chef zu uns und vermeldete, dass wir uns zeitnah bei dem Oberkellner zu melden hätten. „Zwei von euch helfen Kellnern und einer wird noch in der Küche gebraucht. Das machst du, Winkelsen; wie siehst Du überhaupt am Kopf aus? Mach mal das Runde da glatt.“. Er drückte sich immer so aus. Schneeschieben hieß bei ihm „das Weiße da wegdrücken“ und Lagerreinigung nannte er „das Graue da einkehren“. Sonst war er aber ganz okay. Bis auf die apikale Ostitis.

In der Küche amüsierte ich mich dann gemeinsam mit dem Koch-Azubi, der ähnliche Bedenken bezüglich dieser Nachtschicht hatte. „Dann lass uns hier wenigstens den Helm abschrauben, Elvis. Die Überstunden kriegen wir eh nicht bezahlt – Prost!“. Prost. Kurz vor Ende der Veranstaltung kam der Junior-Chef dann mit einer Spezialaufgabe zu mir. „Winkelsen, mach mal ein Tablett mit dem Champagner und drei Gläsern fertig! Frau Hamann, mein Vater und ich stehen rechts von der Bühne. Und mach das Runde da glatt!“. Nö. Die Haare würden so bleiben – und deinen Champagner, den kannst Du bekommen.

Ich besorgte mir also ein Tablett, den exklusiv importierten Champagner, die Gläser und machte mich auf den Weg. „Sooo, hier haben wir den edlen Tropfen. Frau Hamann, ein Gläschen für sie? Sie sehen übrigens sehr gut aus, heut‘ Abend!“. „Oh, Danke, sehr charmant. Ihre Frisur steht ihnen aber auch ausgezeichnet!“. „Sehen Sie! Mein Chef hier meint nämlich …“ – ich konnte diesen Satz nicht beenden. Im Eifer des Gefechts drehte ich mich nämlich mit dem Tablett und eiliger als werdende Väter nach Fruchtwasserblasenbruch um, während sich die übrigen Gläser über Revers und Krawatte gen Schoß ergossen. „Winkelsen, Du Pfeife!“, er sagte immer Pfeife, „das hast du doch mit Absicht gemacht?!“. „Das, ähhh, weiß ich nicht mehr genau. Sie Pfeife.“.

Die stark angetrunkenen Außendienstmitarbeiter lachten lautstark, Frau Hamann mit ihnen und ich hatte nach diesem Abend eine sehr schmachvolle Zeit im Betrieb. Und auch, wenn ich das Runde später glatt machte; im folgenden Winter war ich der einzige, der das Weiße wegdrücken musste.

Kommentare

21 Antworten zu “Evelyn Hamann, Ted Herold und ein apikales Schneeschieben”

  1. Finja sagt:

    ach, das wäre sicher eine große zeit gewesen – du als jugendlicher geliebter von evelyn hamann…

  2. Nojo, hätte doch auch noch schlimmer kommen können. Zum Beispiel das Weiße in Sibirien wegschieben oder so. Aber das Sie mal die Frau Hamann kennen lernen durften. Ich beneide Sie.
    Gute Nacht!
    Ihre Frau Ährenwort

  3. der.grob sagt:

    menschen mit apikaler ostitis verstehen nur selten spaß. (wie kurt beck.)

  4. pro-viel sagt:

    Champagner mit der Hamann? Wow….das toppt ja nur noch Whisky mit Juhnke….Neid!

  5. vogelmann sagt:

    Die Hamann soll ja ne blöde Q so privat gewesen sein … man weiss es nicht …

  6. Aquii in LA sagt:

    Gut das es im „Winter ungefaehr 2,5 Tage Weisses regnet in Kiel, Her Winkelsen. Das war bestimmt nicht schwer…

  7. Johanna sagt:

    Und sehen Sie, was auch ohne Evelyns Zuspruch aus Ihnen geworden ist!

  8. Erdge Schoss sagt:

    Mussten Sie, werter Herr Winkelsen,

    als Weißwegdrücker mit Schneeschaufel arbeiten oder hatten Sie ein Räumfahrzeug?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  9. Gürtel sagt:

    setzte ich mich mit zwei weiteren Ausbildungskollegen an die Theke und bestellte 3 Bier und 6 Sambuca. Was die Kollegen tranken, weiß ich nicht mehr…

    sehr gut ;-)

  10. zoee sagt:

    schade. evelyn hamann hätte dich ganz gross gemacht!

  11. Sabine sagt:

    Wie gut, dass es nicht der Winter 93′ war, da wäre Ihnen beim Weißen wegdrücken wohl die wertvolle Frisur vom Kopf geweht, lieber Herr Winkeltolle!

  12. MC Winkel sagt:

    @Finja: Ich habe ja nicht geschrieben, wo ich in der Nacht war, nä. :)
    @Frau Ährenwort: Nur den Herrn Loriot, den muss ich noch treffen!
    @der.grob: Sie haben – wie immer – recht!
    @pro-viel: Kammamasehn, nech!
    @vogelmann: Kann ich nicht bestätigen.
    @Aquii in LA: Nööö, ging wirklich so. Habe trotzdem blau gemacht.
    @Johanna: Suuuuper, nä! :)
    @Erdge Schoss: Mit Schneeschaufel, Herr Schoss. Und: stehend! :(
    @Gürtel: [jockelstonalität]gut[/jockelstonalität]! :)
    @zoee: Wenn was gewesen wäre?
    @Sabine: Wie kommt es, dass Sie den Winter ’93 in Kiel kennen, Frau Olsen?

  13. Kenny sagt:

    Saufen, das isses! Bei uns läuft das nämlich genauso ab, Kabarett für die Kunden, Azubis bedienen und waschen ab. Aber an son Glässchen Sekt in der Küche hab ich nich gedacht.

  14. Da müssen Sie sich aber spurten. Der Herr ist auch nicht mehr der Jüngste.

  15. Herr Schmidt sagt:

    Tolle(!) Geschichte. …und dann auch noch mit Evelyn Ha(ar)mann.

  16. Sabine sagt:

    Was in Kiel stürmte, kam in Bremen als zarter Lufthauch an…

  17. Stoeps sagt:

    Köstlich, MC! Und wie man sieht war es gar nicht wichtig dass Frau Hamann dich in das helle Licht da vorne, oben hinmachte! Du hast Dich da schön selber hingedrückt!

  18. BSpy sagt:

    Apikale Ostitis

    obsolet die zipperlein
    klopfst du an die kopftür an
    sekundäre seelenpein
    will von mir vergessen sein
    sobald ich wieder denken kann

  19. Mell sagt:

    Frau Hamann hat mal in der WG, in der ich einst wohnte, eine Episode, ihrer „Geschichten aus dem Leben“ gedreht (1996 war’s glaub‘ ich). Mein Zimmer war die Telefon- und Kaffezentrale und die anderen beiden Mitbewohnerinnnen wurden ausquartiert (in deren Zimmer wurde nämlich gedreht). Für Frau Hamann hatte eine Amada von Wohnwagen vor der Tür (Einer zum schminken, einer zum Essen, einer zum pennen) geparkt.
    Nun denn, ich kam eines Tages aus der Uni ( boah ist DAS lange her) und die gute Frau lag mit Lockenwicklern auf meinem Bett, da sie für die nächste Szene (Zitat Fr. Hamann:) „gut aussehen müsse“. Der Witz holt noch heute ein Lachen in mir hervor! Ich gab ihr 10 Minuten um aus meinem Bett zu verschwinden und kam dann nochmal frisch rein!!! nach 6,5 Tagen ( für 45 Minuten Sendezeit) war ich die Filmcrew dann auch mal wieder los
    Die Dreharbeiten und auch die Folge war dann aber tatsächlich ganz lustig anzuschauen und mein (mittlerweiler verstorbener) Wellensittich hatte neben Gustav-Peter Wöhler und Sigfried W. Kernen auch eine große Rolle abbekommen.
    Ha, da hatte ich ’ne bessere Geschichte zu bieten, oder?

  20. FrauvonWelt sagt:

    Wo bitte, werter Herr Winkelsen, ist Ihr Badewannenvideo?
    Liza wartet drauf!

  21. Westpfalz-Johnny sagt:

    Liebe FrauvonWelt, jetzt lachen Sie doch zuerst mal!
    Lustige Story, MC.

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