Ein Mantel unter der Haut

Genauso bizarr wie das Kennenlernen verliefen auch sämtlich Verabredungen mit Janett, einer seinerzeit sehr hübschen Polin, die man niemals ohne ihre ebenfalls polnische und jetzt nicht ganz so gut aussehende Freundin antraf. Ich kam mit ihr nämlich nur ins Gespräch, weil die Zweifrauen-Ansprech-Theorie (= zunächst mit der weniger Hübschen sprechen, damit die eigentliche Zielperson eifersüchtig wird. Rest = Selbstläufer) bei Freund Hansen in diesem Fall nicht aufging, in Polen läuft das wohl anders. So kam es, dass Hansen bei Vanda blieb und ich mir als Nachläufer (wartete immer mindestens eine Stunde, weil es bis auf Uli Hoeneß oder die FDP nichts Schlimmeres gibt als dieses Warmlauf-Gesmalltalke) Janett pflücken konnte. Ich hatte für meine damalige Optik an diesem Abend sogar einen recht okayen Run: ich spendierte Sekt, man tanzte, man knutschte und irgenwann tauschte man Festnetznummern. Ja, liebe Kinder, so lief das damals und wenn ich ehrlich bin, fand ich das eigentlich auch noch besser als das heutige Billo-Herumgehure, anoral am ersten Abend, was man so hört, schämt Euch!

Dann wurde viel telefoniert, fast an jedem Abend der Woche, bis endlich das Wochenende unmittelbar bevor stand wie Morgenholz. Natürlich musste an diesem Wochenende etwas laufen, grundlos hat man ja nun nicht in so viel Festnetz-Sabbelism investiert, mein Plan also: statt mit den Jungs am Samstag vor der gemeinsamen Busfahrt Richtung Club etwas zu trinken, lade ich Janett zu mir ein. Besonders tricky (schlechtes Wort, an dieser Stelle passt es aber): ich hatte in meinem damaligen Kinderzimmer (12qm) mein Wasserbett (4 qm, Anschaffung mit dem ersten Ausbildungsgehalt) so platziert, dass es gewissermaßen gar keine andere Sitzmöglichkeit gab. Ich kaufte also eine Flasche Asti Spumante (für Genießer) und sechs Bier – sollte das Bett und mein Zöglings-Charme alleine nicht reichen, hätte ich so noch ein paar Trümpfe im Kragen. Janett kam pünktlich im 19.00h, im Mantel. Ich führte sie in mein Zimmer, sie setzte sich auf’s Bett, wir unterhielten uns, langsam lockerten sich auch die Zungen – aber der Mantel blieb an. Die ganze Zeit. Ich drehte die Heizung hoch, zog mich selbst bis auf’s T-Shirt aus – sie aber blieb angezogen wie Gärtenschläuche in fremden Tanks.

Im Club passierte dann auch nicht mehr als am Wochenende zuvor – Getränke, tanzen, knutschen, die Telefonnummer hatte ich ja nun, somit war klar: wieder eine Woche Sabbelism. Innerhalb dieser Woche musste ich irgendwie die Weichen stellen, nochmal so’n Mantel-Wochenende wäre nicht drin. Ich hatte sogar Glück, ihre Eltern wären die nächsten 2 Wochen im Urlaub, ich könnte also bei ihr schlafen, wenn ich mich dann benähme. „Aber Janett, natüüüürlich! Ich komme dann im Trenchcoat!“, sie verstand nicht. Die nächsten 5 Stunden überspringen wir, im Club nichts Neues, endlich bei Janett im Zimmer. Sie legte „Don’t Cry“ von Guns’n’Roses auf Dauerschleife, na super. Axl Roses Stimme war immer schon Falllatten-Garant, zum Glück wusste ich das mit 17 noch nicht. Endlich Fummeln. Also, … ich. Von ihr kam weniger zurück als pfeilgerade Bumerangs. Ich lag da mit offenem Klappmesser Ambitionen, pulte, zutzelte, strich, stroch und strach; sie aber blieb kalt. Vielleicht trug sie unter der Epidermis einen Zweitmantel, woher sollte ich das wissen, war ja noch nie in Cygusy. Ich schlief dann lieber ein, „Don’t you craaa-ha-ha-ha-hayay, don’t you crahyay tonight“, wenn der wüsste.
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[Fortsetzung folgt!]

Kommentare

15 Antworten zu “Ein Mantel unter der Haut”

  1. Sören sagt:

    Och, Nummern austauschen kenne ich aber auch noch. Also Handynummern. Ähem.

    Und hier mein diesmaliger Favorite:
    Von ihr kam weniger zurück als pfeilgerade Bumerangs.

    Kurz und trocken. Sehr geil.

  2. Sebbe sagt:

    Sauber Emser,

    aber mal unter uns. Du hattest ein 12qm Zimmer und heute brauchst du sogar ein Ankleidezimmer! Digga, du musst ein besseres Raumkonzept gehabt haben als Tine Wittler.
    Es schreit nach einer „Back in the Days MCv Cribs“. Ich will dieses Zimmer sehen!

    Gute Nacht

  3. Funzt hatte auch genau 12qm zur Verfügung und hatte das Bett zentral plaziert.

  4. Slavefriese sagt:

    „sie aber blieb angezogen wie Gartenschläuche in fremden Tanks“ … superb! wenn du so weitermachst funkelt schon im nächsten Jahr der Henri-Nannen-Preis bei dir im Regal.

  5. buem sagt:

    Uns jetzt hier an einem Montagmorgen mit der halbfertigen Geschichte stehen zu lassen, ist aber unschön !

  6. o. sagt:

    Hahaha, die Guns´n´ Roses-Dauerschleife im Jugendzimmer der Gastgeberin kenne ich auch noch ;-)

  7. Gilli Vanilli sagt:

    jetzt nicht so spektakulär
    kommt da noch was nach??

  8. Wo bleiben die nackten Fakten? :D

  9. singhiozzo sagt:

    Ist aber nicht die Janett, die später bei H&M gearbeitet hat und die dann dich und Hansen auf die Hochzeit geschleust hat?

  10. Ruft auch bei mir Erinnerungen hervor…
    Früher, also GANZ früher, ging es noch sachter (und prüder) zu.
    Ich spreche von der großen Epoche der Galanterie:

    http://derblogger.arte.tv/2011/05/09/eine-absage-an-die-anmache-ein-pladoyer-fur-mehr-galanterie/

  11. hudson sagt:

    Vom ersten Geld ein Wasserbett. Klasse!! Bei mir waren es ein Paar Adidas Superstar. Ach und die Tour, erst an die B-Ware ran um dann die andere klar zu machen funktionierte anscheinend überall ;-)
    Peace und schöne Woche :-)

  12. norrin sagt:

    Von der ersten verdienten Kohle hab ich mir die lang ersehnte Lederjacke geholt, für ein Wasserbett hätte es nie gereicht.
    .
    Axl Rose hört sich an wie ein Wiesel, sagte David Coverdale. Recht hat er, trotzdem gut, nur nicht in so einer Situation.

  13. die_schottin sagt:

    „strich, stroch und strach“ Sehr genial mal wieder. Danke.

  14. cubansani sagt:

    viel telefoniert, fast an jedem Abend der Woche, bis endlich das Wochenende unmittelbar bevor stand wie Morgenholz

    NICE

  15. skluess sagt:

    ich mercker ja als stiller leser sonst nie (ehrenwort!), aber wann geht’s denn hier weiter, herr mc? nich dass der spannungsbogen noch reisst, nech!

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