Durst ist schlimmer als Heimweh

Dass ich heutzutage so eine große Sympathie für eine ausgedehnte Nachtruhe hege, liegt vermutlich in den 90ern begründet, die Schlafloseste all meiner bisher durchlebten Dekaden. Die Anzahl der Stunden, die ich in den Neunzigern schlief, düfte irgendwo im unteren, dreistelligen Bereich angesiedelt sein. Besonders nach Wochenenden war ich massivst unausgeruht, ich weiß nicht, ob sich bis heute etwas daran geändert hat, aber bei Teenagern beginnt das Wochenende ja bereits am Donnerstag Abend, glücklicherweise war Montags immer Berufsschule.

Aber auch unter der Woche war es dramatisch, besonders so 1992/1993 herum. Ich hatte damals eine Freundin, deren Eltern nicht zuliessen, dass ich bei ihnen zuhause übernachtete, was nichts mit mir persönlich zu tun hatte, höchtens ein bißchen. Ähnliches bei mir zuhause. Meine Mutter signalisierte Bereitschaft, sich bezüglich einer nächtlichen Obhut meiner weiblichen Gäste einverstanden zu erklären. Jedoch erwartete sie im Gegenzug, dass die Nachtgäste sich aktiv mit in den Haushalt einzubeziehen hätten. Abwasch gegen Beischlaf, quasi. Staubwischen, was ja wesentlich extensiver zu verrichten war, hätte dann vermutlich nur ein Verbleiberecht bis Mitternacht zugelassen. Eine WC-Komplettreinigung dann höchstwarscheinlich AccessAllArea, will ich meinen – hab‘ das aber niemals wirklich konkretisiert.

So kam es, dass man sich zum Fummeln immer bei Dritten treffen musste, wobei das Finishing dann irgendwo auf neutralem Boden stattfinden musste. In meinem Falle war es ein Kellerraum im zweiten Untergeschoss eines Hauses, irgendwo in der benachbarten Hood. Die Matratze roch zwar wie der Hamburger Fischmarkt im Hochsommer, aber Hauptsache, man hatte seine Ruhe. Mehr als vier Stunden Schlaf war in so einer Nacht aber auch nicht drin, um 2.00h war man zuhause, um kurz nach 6.00 klingelte der Wecker. MC Winkel.

Am nächsten Tag dann Materialschulung in der Ausbildungsstätte. Meine machte ja u.a. in Werkzeuge, was bedeutete, dass die Leute ernsthaft von mir erwarteten, die verschiedensten Isolierungsarten von Elektrikerzangen plus dazugehöriger VDE-Norm auswendig zu lernen und mir sogar noch mindestens drei Jahre zu merken. Natürlich schlief ich bei 9 von 10 dieser Schulungsstunden ein, was meinem Ausbildungsleiter saurer aufstieß als ein SEK die Pforten der Hitchcock-Manufaktur. Mein Mit-Azubi Jens rüttelte mich wach, „Lil‘ MC, pass auf! Milzberg hat Dich ‚was gefragt!“, „Genau,“ sagte Milzberg, „wie sehen sie die Sache, Herr Winkelsen?!“, die siezten einen immer so blöd, obwohl man gerade mal volljährig war. „Ich, … also, … äh, Durst ist schlimmer als Heimweh, Herr Milzberg!“. Die Runde lachte, alle wussten: ich hatte recht. Sogar Milzberg, von dem ich aufgrund seines mit teurer Lederummantelung versehenen Flachmanns wusste, er würde diesen Humor verstehen. Er fand mich ja auch nie unsympathisch, nur faul und disziplinlos. Ja nun. Versuch’s mal mit Gemütlichkeit, Milzberg. Die praktische Prüfung schloss ich späzer sogar mit einer 3 ab, den Umständen entsprechend ziemlich gut. Das Leben ist eine Krankheit, von der wir uns alle 16 Stunden durch den Schlaf erholen, gute Nacht.

Kommentare

5 Antworten zu “Durst ist schlimmer als Heimweh”

  1. Perot sagt:

    Pofen im Unterricht im Zusammenhang mit Durst? Kenn ich! Damals hatte ich eine Geschichtslehrerin, bei der ich nach der Freistunde, die ihrem Unterricht vorausging, immer den Kopf auf meinen Koffer legte, um ungeniert zu schlafen. Ursache dafür war, dass gerade Winter war, und dass ich und einige Mitschüler infolgedessen die Freistunde regelmäßig zum Genuss von Glühwein mit Schuss nutzten. Warum ich als Endnote für das Halbjahr eine 2 bekam, weiß ich nicht. Vielleicht war sie einfach dankbar, dass ich nicht schnarchte, und wollte sich erkenntlich zeigen. Man weiß es nicht.

  2. Erdge Schoss sagt:

    Hätte der Postkartenmaler aus Braunau am Inn, werter Herr Winkelsen,

    mal auch acht Stunden Nachtruhe eingehalten und nicht ständig Wirsing mit Kartoffeln in sich reingeschaufelt, wäre der Welt wahrscheinlich einiges erspart geblieben.

    Herzlich
    Ihr Schoss

  3. und nu sehnse ma, was aus ihnen geworden ist! ;)

  4. Phil sagt:

    „…saurer aufstieß als ein SEK die Pforten der Hitchcock-Manufaktur.“ :D

    Sehr schön. Gute Line, das. Gefällt sehr, sehr gut.

  5. Addliss sagt:

    Alter, ich muss hier was überlesen haben, aber das Ding ist gut gewesen! :) Besonders „AccessAllArea“ gefiel mir!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.