Die Polonäse ist der Bebop des Buchhalters – Karneval in Köln 1999

Als denkender Mensch besucht man genau zwei Mal den Karneval in Köln: das erste und das letzte Mal. Die Kölner nehme ich davon jetzt einmal aus, da ist das halt normal, genau wie die meisten in Kiel lebenden Menschen ja auch die Kieler Woche oder und die Abwesenheit eines Flughafens unpeinlich finden, das ist irgendwie so ein „liegt in der Luft“-Ding, fragt mich nicht. Wer den Kölner Karneval jedoch als Außerstädtischer einmal mitgemacht hat, sich noch an Alles erinnert und dann noch einmal wiederkommt – der geht auch ein zweites Mal freiwillig zur Darmspiegelung oder kauft sich auch eine zweite Platte von Lena ML. Wobei ich inzwischen Jemanden noch schlimmer finde: Fiona Erdmann. Ich biete 50 Euro für denjenigen, der sein Klavier in Hamburg aus dem neunten Stockwerk stupst, während Fiowski sich dort Trottoir-seitig gerade auf dem Weg zur Hutprobe befindet.

Der Kölner Karneval nervt halt auf der empfindlichsten aller Ebenen: der Ästhetischen. Die Musik, die Verkleidungen, der hemmunglose Suff, die schlimmen Gesellschaftstänze (die Polonäse ist der Bebop des Buchhalters) – wer bitteschön geht denn mit grünen Haaren, schwarzer Sonnenbrille und rotem Pulli (mit aufgedruckter Handynummer) als Panzerknacker verkleidet ins Kölner Haxenhaus und macht direkt nach dem Übergeben mit einer Schneewittchen/Krankenschwester-Mischung mit Zähnen so gelb wie die Rückseite von Weiß des Rubiks Cube rum? MC Winkel, im Februar 1999.

Vermutlich habe ich mich so hart vollaufen lassen, weil ich weder meine, noch die Maskerade meiner drei mitgereisten Freunde (= natürlich ebenfalls Panzerknacker) ertragen konnte. An diesem Abend stellte ich erneut fest, dass der Satz „besoffen macht das doch Laune!“ nicht auf mich zutreffen würde, so besoffen konnte ich gar nicht sein, ich hab’s ja versucht. Aber Scooter, Ötzi, Kay One, De Höhner und wie sie alle heißen – ich denke, „doof macht das doch Laune!“ ist da zutreffender. Zurück ins Haxenhaus, in welchem ich bereits verspätet ankam. In den Straßen Kölns verlor ich die Gruppe, anschließend verweigerten mir zwei Taxen die Mitnahme und am Türsteher kam ich auch nur vorbei, weil Freund Andy ihn kannte und ein gutes Wort einlegte, wie Xylophonrhythmusquadratur beim Scrabble. Nachdem ich feststellte, dass es sich bei Schneewittchens Gelb um Zahn- statt um Legostein handelte, verliess ich endgültig die Destination, um mit der Bahn zurück in Andys Studentenbude zu fahren; leider verwechselte ich die Straßenseite und fuhr Richtung Holland.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich den Fehler bemerkte, auch nicht mehr, wie ich aus Holland letztlich zurück nach Hürth-Efferen kam, aber es muss so gegen 9.00h morgens gewesen sein. Ich betrat den Raum (12qm), in welchem wir mit fünf Mann (alles Basketballer mit großen Füßen, die entsprechend größer riechen) übernachteten und bemerkte recht schnell, dass meine Luftmatratze Brandloch-bedingt weniger Puste hatte als kettenrauchende Sumoringer mit Lungenentzündung beim Triathlon. Ich schlief somit direkt auf dem Plattenbauboden; überflüssig zu erwähnen, dass Andy keinen Teppich besaß. Wenigstens machte mich der ganze Trubel ziemlich müde und als ich mich dann gegen halb 10 gerade auf der Einschlafschwelle befand … klingelte der Wecker. Wir mussten aufbrechen, weil unser Fahrer am Nachmittag zu Kaffe, Kuchen und Gesellschaftsspielen in Ommas Dachgeschosswohnung in Hamburg eingeladen war. Die hat übrigens ein Klavier.

Kommentare

11 Antworten zu “Die Polonäse ist der Bebop des Buchhalters – Karneval in Köln 1999”

  1. H1 sagt:

    jepp, die ferdmann kann nix. aber das in laut!

  2. Steffen sagt:

    Karneval ist, wenn die grauen Büromäuse Strapse tragen und küssen, was nicht niet- und nagelfest ist, Beamtenbebop inklusive. Karneval perfekt auf den Punkt gebracht, MC.

  3. n1Ls sagt:

    „leider verwechselte ich die Straßenseite und fuhr Richtung Holland.“
    Ich lachte laut:D Ganz große Story! Und das mit dem Klavier sollte doch machbar sein, fand sie furchtbar schrecklich bei RundB – wobei die mittlerweile auch schon schlimmere Gäste hatten..

  4. Denis sagt:

    “ ..dass meine Luftmatratze Brandloch-bedingt weniger Puste hatte als kettenrauchende Sumoringer mit Lungenentzündung beim Triathlon…“ – Gibt es ein schönere , ausgemaltere und philosophisch Relevantere Beschreibung als dieses Stück Literatur ;) – Nein :)

  5. Jerry B. Anderson (tm) sagt:

    Ich liebe die YoungMser StoryCollection ™.
    Carneval ist echt ne lame number und mir wurde schon beim readen übel. So’ne shizzy number. Aber was ist mit Fyonenbergen?. Knowtest du die nicht? Hast du sie mal gesmellt, oder was runnte da gone?
    Ich mußte mal im HowardKeeler Castle zur S-H Carnevalversammlung mit Uly’s Band singen. The G. mit ner Plastiknose. Das war schon schlimm. Wenn ich bethinke wie es denn in cologne abgeht könnte ich kotzen. Und die Höhner kenn ich nur durch SuperRtl. Die versuchen da manchmal um 4 Uhr morgens die besten Carneval tracks per phone auf CD zu verkaufen. (Vorher kannte ich übrigens „Die Amigos“ auch nicht obwohl die jetzt schon ihre Greatest Hits rausbringen) OMG!!!!!

  6. singhiozzo sagt:

    Hör mir bloß auf. Mir reicht von Provinz-Schützenfest hier – ich leide mit dir!

  7. slavefriese sagt:

    ich kenn ja sonst jeden Scheiss, aber ich musste jetzt echt erstmal googlen wer dieser Fiona Erdmann ist..!?

  8. Perot sagt:

    Heute mal wieder zwei Kapitel aus der YoungMser™ Story Collection (thnx to @Jyrcn für den Trademark-Hinweis ;-)) nachgeholt und druckbelustigt gefühlt.

    Was die aktuelle Sache mit Köln und Karneval betrifft: Ich steck auch nicht drin, auch wenn ich nur 35km vom Karneval-Headquarters entfernt wohne. Deine (unfreiwillige) Flucht nach Holland kann ich nachvollziehen – ist das beste, was man dann machen kann. ;-)

    Was die Kieler Woche betrifft: Ich mag sie, und ich kenne das Phönomen eher umgekehrt: Viele Kieler, die ich kenne, sagen, sie gingen da gar nicht mehr hin, weil es für sie nichts Besonderes mehr sei. Wie auch immer – für alles meeres- und segelsportaffinen Binnenländer immer wieder ein toller Event. Und die Nordlichter sind alle so smooth und entspannt – im Gegensatz zu dem ballungsraumgestressten NRW-Durchschnittsureinwohner (Ausnahmen bestätigen die Regel).

    P.S.: Willst Du die YoungMser™ Story Collection nicht mal als Hörbuch rausbringen? So, wie Helge Schneider das immer mit seinen Büchern macht? Einfach runterlesen, Versprecher drinlassen, so gut wie keine Cuts, über sich selbst lachen? Würde bei mir in einer Endlosschleife laufen. ;-)

  9. Erdge Schoss sagt:

    Xylophonrhythmusquadratur, werter Herr Winkelsen, das merk ich mir.

    Herzlich
    Ihr Schoss

  10. Perot sagt:

    http://www.google.de/search?q=Xylophonrhythmusquadratur

    first hit = whudat – das nennt man „Suchmaschinenoptimierung“. ;-)

  11. MC Winkel sagt:

    @H1: Man sollte die Sender verbannen, die dieser Beeyotch ünberhaupt noch eine Plattform bieten!
    @Steffen: 2 Mio. Menschen, die sich doof saufen. Aber haste ja auf jedem deutschen Volksfest! :)
    @Denis: Ich denke auch, ist unmöglich! :)
    @Jerry B. Anderson ™: Ja, ich saß mal mit der in einer Cenference. Mit der und Uli Wickert. Der arme Uli Wichert. Und der arme ich.
    @singhiozzo: … ist ja (zum Glück) nichts Akutes! :)
    @slavefriese: Sorry, das wollte ich nicht!
    @Perot: Hörbuch? Aber nicht kostenfrei! :) (Ja, ich weiß, aber WANN MACHEN, Herr Perot!!)
    @Erdge Schoss: Das, werter Herr Schoss, sollten Sie auch!
    @Perot: Erster und einziger. Und jetzt schon Wort des Jahres 2012.

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