Call-a-Kurschatten

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An einem spätsommerlichen Septembertag im Jahre 1986 verlor ich meinen Glauben. Den Glauben an die Menschheit, den Glauben daran, dass Alles im Leben irgendwann einen Sinn ergeben würde. Ich verlor den Glauben an die Autorität erwachsener Menschen und ich verlor den Glauben an verwertbare Erziehung. Und an all dem ist Jans Vater schuld!

Bereits in der zweiten Schulstunde verabredete ich mich mit ein paar Freunden zum Computerspielen bei Jan. Jans Mutter ist gerade eine mehrwöchige Badekur in Bad Bramstedt angetreten und sein Vater, ein Beamter bei der hiesigen Stadtverwaltung, kam auch immer erst sehr spät nachhause. Ich kam auf die Idee, die Schule am heutigen Tag Schule sein zu lassen und den Unterricht nach der aktuell laufenden Stunde zu beenden. Für den anstehenden Vokabeltest war keiner von uns besonders gut vorbereitet, somit stieß mein Vorschlag auf helle Begeisterung. Wir beschlossen, uns für den Daddel-Marathon ein paar Leckereien zu besorgen und es uns so gemütlich wie möglich zu machen. Während Hansen für Chips, Schokolade, Weingummi und Cola sorgte, riefen wir anderen aus der Telefonzelle vor dem Supermarkt zuhause an und erklärten, direkt nach dem offiziellen Schulschluß zu Jan gehen zu würden, man brächte also nicht mit dem Mittagessen auf einen zu warten. Alles lief wie am Schnürchen. Wir machten uns über die anderen Mitschüler lustig, die gerade beim Test schwitzen würden und schlenderten langsam in Richtung des elterlichen Bungalows.

Zwischendurch machten wir wir noch bei Kotze halt. Kotze – eigentlich Karl Otzner – war ein recht aufgedunsener, älterer Kioskbesitzer, dessen graues, nach hinten pomadiertes Haupthaar im Sonnenlicht mehr glänzte als Naddels Schneidezähne. Viele hielten ihn für den dicken Bruder von Horst Tappert. Außerdem hatte Kotze so buschige Augenbrauen, dass wir in ihnen problemlos hätten verstecken spielen können; aber aus dem Alter waren wir ja raus. Bis auf Hansen, der sich auch an diesem Tage den Spruch mit den nach oben zu toupierenden Brauen („Ey Kotze, wenn du dir die Augenbrauen bis zu Haaransatz hochkämmst, sieht man deine Faltenstirn nicht mehr!“) nicht verkneifen konnte. Aus Solidarität – und weil Hansen immer der Süßigkeiten-Sponsor war – lachten wir darüber; wirklich lustig fand das aber keiner. Wie dem auch sei – Kotze war der einzige Mensch in Kiel, der uns Rotzgören Zigaretten verkaufte. Er wusste zwar, dass keiner von uns 16 Jahre alt sein würde, war jedoch der Meinung „solange man lebt, soll man rauchen!“, was er nicht selten kundtat. Raffinierter und äußerst subtiler Kundenbindungstrick, wie ich heute weiß. Ein wahrer Marketingstratege. Der Kotze.

Endlich kamen wir bei Jan zuhause an, wo sich abrupt unsere gute Laune trübte: wir erblickten den Mercedes des Vaters auf dem Parkplatz. „Was macht der denn hier? Der muss doch im Amt sein?“, frug Jan rhetorisch in die Runde. Keiner von uns hatte eine Idee, wie wir den vorzeitigen Schulschluss und die zwei Plastiktüten voller salz- und zuckerhaltigem Proviant erklären sollten und so bschlossen wir, vor dem Haus im Gebüsch versteckt zu warten. Jan’s Vater hatte bestimmt nur etwas vergessen und würde jeden Moment das Haus wieder verlassen. Meine Neugierde überwog jedoch der Angst, erwischt zu werden und so forderte ich Jan auf, uns an das Haus heranzuschleichen und durch die Fenster nach dem Rechten zu sehen; was wir taten. Lieber aber nicht hätten tun sollen. Jan lief eine Träne die Wangen hinunter, als er seinen Vater in Frauenkleidern und an einer Hundeleine auf allen Vieren von einer in dunkles Latex eingehüllten Herrin durch’s Schlafzimmer taktieren sah.
Der Computer blieb an diesem Tage ausgeschaltet.

Kommentare

40 Antworten zu “Call-a-Kurschatten”

  1. Gilly sagt:

    Au weia… was für ein Kindheitstrauma

  2. Die Herrin war wohl nicht die Mutter oder?

  3. Wenn wir erkennen, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt.
    Grüße aus dem Exil.
    Kuss

  4. Solidglobe sagt:

    Hehe wie Herr Körschgen imm sagte: So lang man lebt soll man rauchen!
    Super gut! :) Der Arme Jan… was ist aus ihm geworden?

  5. Big L sagt:

    Schade, dass es damals noch keine Handykamera/Digicam gab :D Heute aus sowas direkt ein youtube-Filmchen mit Besucherzahlen auf Rekordniveau.

  6. Winkel. Warum seid ihr nicht alle rein gegangen
    und habt mitgemacht? Alles bellt, Peitschenhiebe
    knallen und Jan findet`s dann doch witzig.

  7. SirParker sagt:

    @Da war dem Jan doch sicher zum KOTZEn zumute, oder? Jaja, die Stadtbeamten…

  8. Acki sagt:

    hachja wenn’s nicht so traurig sein würde für den einen, könnte man sich totlachen! ;-)

    Aber täte mich auch mal interessieren, was aus Jan geworden ist bzw. aus seinem Vater!?

  9. Nachbar Niels sagt:

    grins…
    armer Jan, aber Ihr müsst Euch doch königlich amüsiert haben?
    War das anschliessend nicht „Schulgespräch“?

    Trainieren wir etwa im gleichen Gym?
    Hab da gestern Dein Winkelmobil gesehen.
    aber in der Sauna nicht den kleinen winkelsen nebst Besitzer getroffen

  10. Holy Sh*t! Da hatte der Jan wohl die nächsten Tage scheiß Laune, was?

  11. LorettaLametta sagt:

    Böse, böse Welt.
    (Und ’86 hat man tatsächlich schon am Computer rumgemacht, so als Zwerg, mein ich?)

    Na ja, im Norden waren die Sitten schon immer ein paar Nummern rauer.
    Since always! Aber mindestens, seit den Wikingern.
    Winkel und die starken Männer – lass mich an Land!

  12. steuertusse sagt:

    irgendwie habe ich ja schon mit sowas gerechnet, man sollte eben nie früher nach hause kommen. ;o)

    ich wette Jan hat dies danach nie wieder getan^^

  13. Herr Schmidt sagt:

    In welche Psychatrie wurde Jan danach eingewiesen?

  14. MC Winkel sagt:

    @ Gilly: … und sowas während der Pubertät!
    @ CTC: Lassen Sie mich kurz überlegen… Äh: Nein. :)
    @ roman: Gott segne Dich für diesen Kommentar! :) (Ich dachte übrigens, Du wärst in NY?)
    @ solidglobe: … hab ihn länger nicht gesehen. Man munkelt, er sei inzwischen Werftarbeiter.
    @ Big L: Absolut! :)
    @ Jerry B. Anderson: Stimmt eigentlich. Aber dem Jan hätte der Latexanzug eh nicht gepasst.
    @ SirPeezey: Das sind sie, nä. Die Zettelpupen und Kontrollettis dieser Welt, in Ihrer Freizeit lassen sie die Sau raus. oder halt… den Hund.
    @ Acki: Wie gesagt, inzwischen ist der wohl Werftarbeiter…
    @ Niels: Das glaub ich nicht; s’gibt ja noch ein paar mehr dieser Miobile hie in Kiel, nä! Welches ist es denn? Ich bin in der FitCom…
    @ Gabraham: Tage? ich glaub‘, es waren Jahre.
    @ LorettaLametta: Ich sach Dir das! Hier weht noch ein anderer Wind. Und einen Rotstich im Bart habe ich auch! :)
    @ steuertusse: Er hat anschließend sogar freiwillig den Stützkurs belegt! :)
    @ Herr Schmidt: Heiligenhafen. :)

  15. Sabine sagt:

    Mal davon abgesehen, dass ich mich damit schwer tue, diese Geschichte für bare Münze zu nehmen, kann ich dazu nur sagen: Wie dämlich ist Jan’s Vater eigentlich? Gerade als Beamter in der Stadtverwaltung sollte er über Faulheit (in dem Fall die seines Sohnes zur Schule zu gehen) Bescheid wissen und solche Aktionen dann doch besser dort starten, wo er im Zweifelsfall nicht überrascht werden kann…!

  16. Acki sagt:

    achso wo wir gerade beim jungen mc sind, ist der herr a.klein aus diesen tagen noch bekannt?

  17. …..och nö….ich hatte an eine einfach Affäre gedacht, das wäre schon schlimm genug gewesen….

  18. singhiozzo sagt:

    Übelst peinliche Sache, das!!

  19. Erdge Schoss sagt:

    Sehr tragisch, werter Herr Winkelsen,

    aber hat denn der Senior wenigstens eine gute Figur
    abgegen als Fiffi und Crossdresser?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  20. der kaiser sagt:

    WTF? Was ist denn da oben im hohen Norden alles los?

  21. holstenbewohner sagt:

    Who the fuck is Kotze? Da ist mir wohl was entgangen? Welcher Kiosk?

  22. gestalt sagt:

    no way.

  23. Tobi S. sagt:

    Hervorragend! :)

  24. Nightfalcon sagt:

    Jaja, Winkelsen, immer sind es die anderen Väter gewesen, nä? *ggg*

  25. FrauvonWelt sagt:

    Und was, werter Herr Winkelsen,
    geschah mit der Schokolade?

    Herzlich aber besorgt
    Ihre FrauvonWelt

  26. Robby sagt:

    *lach* – kann mich Elsa nur anschließen, aber nein, es muss ja derart dramatös sein… :D

  27. zoee sagt:

    deshalb wurde seinerzeit die schulpflicht eingeführt. damit nämlich u.a. der „hundeleinentag“ ohne kinderstörung zelebriert werden kann.

    was glaubst du denn, wieso es so wenig ferien gibt, hm?????

  28. Sara sagt:

    Auweia. Der Vadder hat aber echt nicht mitgedacht. Im Erdgeschoss, wo die Lütten durchs Fenster schauen können, solche Sachen machen… Hm.

    Ihr hättet klingeln sollen. ;-)

  29. Nic sagt:

    by the way ist dein rss feed kaputt, zumindest bei mir

  30. Herr Olsen sagt:

    Ich scheiss ja ungerne klug: Ist der Kurschatten nicht das, was sich derjenige der zur Kur geht zulegt und nicht der/die daheim gebliebene?
    So?

  31. Geruechtekueche sagt:

    Herr Olsen hat Recht.
    Was aber auch völlig unwichtig ist: ob die Story nun zu 30, 50 oder 99% erfunden ist oder nicht.
    Was ist denn heutzutage überhaupt noch wirklich wahr? Das Leben vielleicht? Ausgerechnet!
    Wo sich doch 30,50 oder sogar 99% davon in der Cyberwelt abspielt.

    Deshalb, lieber McWinkel, fabulieren Sie mal ruhig weiter, überschreiben Sie Ihre Geschichten mit „Wie ich einmal Rosamunde Pilcher zu einem Abendessen in Paris ausführte“ , auch wenn es dann um die Dichte der Körperbehaarung von klingonischen Primaten geht.
    Unterhalten Sie uns auch zukünftig in der gewohnt phantasievollen Manier, schreiben Sie ruhig ab und zu ein Wort falsch – whom juckt’s ?

    Und vielen Dank übrigens, daß man das hier alles kostenlos bekommt , regelmäßig dazu noch und ganz ohne Werbung!

    (Wo kann ich jetzt die versprochenen 200 € für den Kommentar abholen?)

  32. MC Winkel sagt:

    @ Sabine: … er rechnete wohl nicht damit, dass Jan ausgerechnet am ersten Tage der Abwesenheit der Mutter bereits die Schule zu schwänzen gedachte… anders konnte ich mir das auch nicht erklären.
    @ Acki: A wie Andre? Wenn ja, dann war das aber weeeesentlich später!
    @ Elsa: … definiere „einfach“ :)
    @ singhiozzo: War es!
    @ Erdge Schoss: Naja, das mit dem Hohlkreuz hätte er besser vorher nochmal üben sollen…
    @ Kaiser: Die Leute drehen hier durch, weil es immer nur regnet! :)
    @ holstenbewohner: Am Bahnübergang, Kopenhagener Allee.
    @ gestalt: wohl.
    @ Tobi S.: Wie Schumis Kinn, nä!
    @ Nightfalcon: Hö? :)
    @ FrauvonWelt: Die Milka Alpenvollmich habe ich mit nachhause genommen!
    @ Robby: if I could turn back time!
    @ zoee: SO WENIG? Also ich wäre froh, jetzt nochmal 12 Wochen im Jahr frei zu haben. Allein 6 Wochen Sommerferien (=30 Urlaubstage…)
    @ gosu: Danke!
    @ sara: Naja, war halt ein Bungalow.
    @ Nic: Also bei mir läuft er…
    @ Herr Olsen: Aber Herr Olsen, etwas mehr Fantasie! Wenn die Frau zur Kur, er geht fremd und so; dann ist das doch wenigstens ein Kurschatten 2ten Grades! Auf diese Erklärung in der Headline hab‘ ich dann aber (auch aus Platzgründen) verzichtet.
    @ Geruechteküche: Danke! Aber RS-Fehler? Niemals! :) Und was Werbung betrifft: hin und wieder findet schon etwas in der Sidebar statt; aber lassen Sie sich (wenn es dann wieder einmal soweit ist) davon nicht stören!

  33. Nightfalcon sagt:

    Och nix, nur so, Dicker! :-D

    Ich finde, der Titel ist auch absolut ok so, immerhin hat dieses Erlebnis auf die Kur von Jans Mutter sicherlich einen Schatten gelegt *g*

  34. Acki sagt:

    @mc winkel
    das ist korrekt, der andré ist mein Arbeitskollege, also ich muss echt sagen, da passt mal wieder der Spruch: die welt ist ein dorf! ;-)

  35. holstenbewohner sagt:

    JOOOOOOOOO! Am roten Weg, da bei die Brücke! Logen!

  36. Nancy sagt:

    och goddi…der arme…ich hoffe ihr seit mit ihm jedenfalls einen saufen gegangen,nach so einem Tiefschlag!

  37. Mr. Paxton sagt:

    Ich stelle mir diese Szene grad vor. Und lach mich seit fuenf Minuten tot..
    10 / 10 Punkte

  38. […] Alter von 15 Jahren jobbte ich an Sonntagen manchmal bei Kotze (“Karl Otzner”, Ihr kennt ihn) im Kiosk. Eigentlich hätte Kotze nicht unbedingt Hilfe gebraucht und der Sonntagnachmittag […]

  39. Kurschatten sagt:

    *hehehe ich steh ja auch BDSM, aber weder auf Frauenkleider noch auf Hundeleinen… also wenigstens nicht bei mir;-) schöne Geschichte…

    da hätte der Kurschatten-Detektiv in Bad Bramstedt vermutlich vergeblich recherchiert… zuhause ging es zur Sache…

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