Bodennebel auf dem Krabbenkutter

Es war auf einer Klassenfahrt nach Dänemark. Eine Fahrrad-Tour – unsere Klasse wurde mit dem Bus dorthin verfrachtet, die letzten 15km zu unseren Ferienhäusern radelten wir, wo unter den Jungs Folgendes festgelegt wurde: Einsatz 10 DM, jeder Teilnehmer hatte mindestens einmal zu striken. Der Erste bekommt 50%, der Zweite 30% und der Dritte immer noch 20% des Potts. Wir waren zu sechst, eigentlich nur die coolen Typen, zu denen ich nicht unbedingt gehörte. Da waren Mark, Michael und Ingo, die immerhin 80er fuhren und die 100m unter 12,5 Sekunden liefen. Dann war da Florian, ein Fußballwunder, der in der 8ten Klasse schon einen Bartwuchs wie Ulf Kirsten hatte und René, den man in Insiderkreisen Prinz Litfaß nannte. Naja, und ich, der Klassenclown.

Als ich während der Pubertät in die Höhe wuchs, kam der Restkörper nicht sofort mit. Die restlichen Katastrophen schnell zusammengefasst: stark weitsichtig, unsportlich, leichenblass und mit ungleichmäßigem Kinnbart stand ich also da, nicht einmal Gangschaltung an meinem Rad funktionierte. Ich war zwar immer lustig und daher auch bei den Draufgängern respektiert, aber weibermäßig lief da nicht viel. Auch wenn die Allgemeinheit Anderes behauptet: Humor allein reicht nicht, um laid gegettet zu werden – sonst würde Karl Dall ja wohl auch nicht so viel saufen. Wie dem auch sei – ich nahm teil. „Und was bekommt der, der Frauke frischmacht?“. Die Jungs lachten, „Das schafft keiner, Mann. Die ist mit einem 30jährigen Zeitsoldaten zusammen: Mutter Polin, Vater Ghanese!“, dazu krempelte Michael seinen Pulli über den Ellenbogen und hielt bei geballter Faust den Unterarm nach oben, was auch immer das heissen mochte. „Und wenn doch!“. „Den Pott. Wer das schafft kriegt den ganzen Pott!“.

Es dauerte keine 5 Stunden, als Michael – frisch zurück von einer Feldwanderung mit Merle – ein Gruppenmeeting ins Leben rief. „So Freunde, die Hälfte aus dem Bumspott gehört mir!“, lächelte er uns an. „Kann ja Jeder sagen, glaub ich nicht!“ antwortete Florian vogelzeigend. Michael guckte über seine Schluter, pfiff, was Merle hörte und grinsend zu nicken anfing. „Scheiße!“, ertönte es im Kanon (René war nicht unnbedingt der Schnellste). „Aber das gilt nicht, du hast sie auch in Kiel schon über’s Knie gelegt!“. „Na und?!“. Er hatte recht, darüber hatten wir nicht gesprochen. Am nächsten Morgen stand dannn auch Platz 2 fest: „Krabbenkutter!“, rief Mark und meinte damit, sich von Nicole einen verpulen gelassen zu haben. Verflucht, ich musste handeln. Florian wurde von Geraldine hingehalten wie Busfahrkarten bei Kontrollen, es war aber nur noch eine Frage der Zeit – womit ich René immerhin schonmal überlegen war. Es halt Alles nichts: ich schnappte mir Steffi, schleppte sie auf die Toilette und erzählte ihr ewig von selbstprogrammierten C64-Demos. Nach 20 Minuten verliess ich die Location, friemelte demonstrativ an meinem Reißverschluss herum und rief „Bronze!“. Prinz Litfaß fing zu weinen an, ich tröstete ihn aber mit zwei meiner letzten sechs Holsten. Es wurde wirklich noch ein toller Abend, ich überlegte, mir von dem Gewinn nun endlich den QuickShot II zu kaufen und tanzte wie benommen zu Mini Vanilli, als der eigentlich schon als verschollen gegoltene Ingo im Türrahmen stand. Mit Frauke. Ich werde seine Worte nie vergessen: „Tschja Jungs. In Ghana gibt’s keinen Küstennebel!“.
Zurück zuhause reparierte ich erstmal mein Fahrrad.

Kommentare

13 Antworten zu “Bodennebel auf dem Krabbenkutter”

  1. Aggel sagt:

    Ohh Mann, diese DK-Klassenfahrten waren schon was ganz besonderes – habe da auch meine ganz speziellen Erinnerungen!
    Die Watte-Kinder von heute können so was höchstens noch bei Nehberg buchen ;-)

  2. Toby sagt:

    Klassenfahrten generell. Heiligs Blechle. Da werden Erinnerungen sowas von wach.

  3. Thomas sagt:

    Ich hatte den QuickShot II und 21 Gang Gangschaltung, trotz nördlichem Flachland und sowieso lief alles besser.

  4. Gesche sagt:

    Danke, endlich mal wieder ein schönes, rundes Stück MC-Literatur!

  5. feronia sagt:

    Ach ja, Klassenfahrten…

  6. Donna sagt:

    Krabbenkutter sagte man also. HmHm! ;o)

  7. Babel sagt:

    Klassenfahrten, Jugendherbergen. Alk aufs Zimmer schmuggeln. Mit den Mädels heimlich für Nachts verabreden

  8. Die Muräne sagt:

    Das zarte Pflänzchen erwachender Sexualität einfach dem pubertären Imponiergehabe zu opfern ist ja schon sehr niedrig. Meine Güte, was wart Ihr bloss für Tiere!

  9. Andreas sagt:

    yeah! mehr davon!

  10. Andre sagt:

    In Ghana gibts auch keinen Berentzen… dieses Gesöff hatte in der Jugend echt Vorteile :-)

  11. JMK sagt:

    der Post-Titel ist der Beste, könnte doch auch ein Song-Titel sein/werden?!

  12. MC Winkel sagt:

    @Aggel: Schlimmer waren nur die Konfirmanden-Freizeiten! :)
    @Toby: Ist bei Dir ja auch noch nicht so lange her! :)
    @Thomas: Du Held! :)
    @Gesche: Bidde! :) Aber das Feedback hält sich heute in Grenzen. Sollte wohl lieber mehr Netzfundstücke raushauen! :)
    @feronia: Auch in Inzell gewesen? :)
    @Donna: Nicht „man“, Mark sachte das! :)
    @Babel: Wie ich sehe, weißt Du Bescheid! :)
    @Die Muräne: Der Druck der Gesellschaft hat uns keine Wahl gelassen, Herr Muräne. Sie kennen das doch! :)
    @Andreas: Na gut. Mal sehen. :)
    @Andre: Aber sonderlich guten Atem machte es nicht. :)
    @JMK: Aber nur für so eine dusselige S-H-Hymne! :)

  13. Luca sagt:

    Berentzen hat auch heute noch Vorteile *g*

    Liest sich irgendwie wie ein Bericht eines X-beliebigen Jugendlichen, der erwachsen geworden ist. Machen das nicht alle? Also Fahrradfahren?

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