Adrian Younge über seine Lieblingsplatten, das Mellotron und musikalische Identität

Adrian Younge Lieblingsplatten

Der US-amerikanische Musiker, Produzent und Komponist Adrian Younge ist ein analoges Allround-Genie, heute stellt er seine Lieblingsplatten vor. Er leitet das Studio Linear Labs, betreibt einen Plattenladen samt Friseursalon und ist Mitbegründer von Jazz Is Dead. Kürzlich traf er sich mit Novena Carmel in der Discogs Listening Room-Session. Dabei sprach er über wegweisende Alben, seine kreative Philosophie und die tiefere Bedeutung von Vinyl.

Die kühne Vision des Adrian Younge / Lieblingsplatten

Im Gespräch blickte der Produzent auf seine Karriere zurück, die eng mit dem Magazin Wax Poetics und dem Soundtrack zu Black Dynamite verknüpft ist. Seine Motivation zieht er vor allem aus einer kompromisslosen Hingabe zur Kunst. Er schaffe Musik für ein imaginäres, stilvolles Publikum in seinem Kopf, erklärte Adrian Younge. Um unabhängig zu bleiben, arbeitet er extrem effizient und realisiert unzählige Projekte gleichzeitig. In seinem Studio in Los Angeles nimmt er komplett analog auf, entwickelt Fotos selbst und schneidet Vinyl direkt vor Ort.

Der Plattenladen als lebendiges Musikarchiv

Seinen eigenen Laden, das Artform Studio, kuratierte er jahrelang als Duplikat seiner persönlichen Plattensammlung. Inzwischen hat seine Partnerin Sherry diese Aufgabe übernommen. Für den Sammler sind Schallplatten weit mehr als nur ein Tonträger, in einer digitalen Welt fungieren sie als echte Zeitkapseln. Die Faszination greift auch auf die jüngere Generation über. Seine eigenen Töchter nutzen Vinyl covergerahmt als Wandschmuck, um eine physische Verbindung zu den Kunstschaffenden aufzubauen.

Musikalische Meilensteine von Hip-Hop bis Prog-Rock

Während der Session legte der Künstler drei Alben auf, die seine musikalische Identität maßgeblich prägten:

  • Latyrx – The Album (1997): Als Kind des Hip-Hop schätzt er dieses Werk für seine wegweisende Produktion von DJ Shadow. Die lyrische Dichte und die innovative Aufnahmetechnik, bei der die Rapper im Studio direkt einander gegenüberstanden, faszinieren ihn bis heute.
  • Monk Higgins – Extra Soul Perception: Dieses Album begleitet ihn auf fast jeder DJ-Tour. Es enthält das Stück Little Green Apples, das ursprünglich ein Country-Song war. Später wurde es durch das Hip-Hop-Duo Gang Starr in Code of the Streets gesampelt.
  • King Crimson – Red (1974): Die britischen Progressive-Rock-Pioniere repräsentieren Younges absoluten musikalischen Kern, den er in den Jahren 1968 bis 1973 verortet. Besonders der Song Starless hat es ihm angetan.

Zudem hob er das legendäre Bossa-Nova-Meisterwerk Elis & Tom von Elis Regina und Antônio Carlos Jobim aus dem Jahr 1974 hervor, das für seine eigene musikalische Sozialisation eine wichtige Rolle spielt. Zuletzt zeigte der Multiinstrumentalist die Veröffentlichung Samantha & Adrian, ein kollaboratives Projekt mit der brasilianischen Künstlerin Samantha Schmütz.

Das Mellotron und die Debatte um künstliche Intelligenz

Das Stück Starless war für Adrian Younge einst der Hauptgrund, sich ein Mellotron anzuschaffen. Dieses Tonträger-basierte Instrument gilt als der erste Sampler der Musikgeschichte. Damals klagte die Musikergewerkschaft gegen die Technologie, da sie den Verlust von Arbeitsplätzen in Orchestern befürchtete. Für den Produzenten zeigt dies, dass die aktuellen Diskussionen um künstliche Intelligenz einem wiederkehrenden historischen Zyklus folgen. Er selbst sieht der Entwicklung gelassen entgegen. KI konkurriere nur dort, wo austauschbare Produkte für den Massenmarkt entstehen, was für seine Arbeit keine Rolle spiele.

Adrian Younge x Lieblingsplatten – Kuriose Funde und die Liebe zu Coverversionen

Zum Abschluss präsentierte der Musiker ein seltenes Sammlerstück, das er über die Plattform Discogs erwarb: Grandes Éxitos de Barry White vom Sound Alike Orchestra. Dabei handelt es sich um eine obskure mexikanische Pressung. Eine anonyme Band interpretiert darauf die Hits der Soul-Legende erstaunlich funky in englischer Sprache. Adrian Younge gestand in der Runde seine ausgeprägte Leidenschaft für Cover-Alben. Einst strapazierte er die Geduld des Schauspielers Michael Jai White im Auto mit 24 unterschiedlichen Versionen desselben Songs. Für den analogen Enthusiasten liegt der Reiz dieser Epochen genau darin, dass die Musik von echten Menschen an echten Instrumenten eingespielt wurde.

Adrian Younge über seine Lieblingsplatten, das Mellotron und musikalische Identität

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