Michael Kiwanuka – FUDGE: Ein privates Ohr, ein Chor und ein ganzer Raum voller Helfer

Musiker geben Weisheit weiter wie Familien ihre Rezepte, meist mündlich von Mensch zu Mensch. Genau so beginnt Michael Kiwanuka sein neues Album FUDGE. Ein Archivmitschnitt des 2021 verstorbenen Jazzpianisten Chick Corea eröffnet die Platte. Darin sucht Corea mitten im Gedanken seine Idee, setzt Sätze neu an und beendet fast jeden mit „see“.
Corea spricht zu einem Pianisten, doch seine Botschaft gilt allen. Man müsse sich allein in einen Raum setzen und herausfinden, was man mag. Wer sicher weiß, was ihm gefällt, geht seinen Weg. „Was immer du schön findest, das ist schön“, sagt Corea. Danach brauche man Mitspieler, Arrangeure und Sänger, um die Klänge im eigenen Kopf zu bauen. Kiwanuka nimmt das wörtlich und macht Corea zum Gastgeber seiner neuen Sammlung langsamer Soulmusik. Produziert hat er sie mit Dom Monks und Joe Connell.
Chor, Streicher und ein Song über Rückzug
Auf „Summer Clothes“, dem ersten Song nach Corea, stehen Kiwanuka 16 Sängerinnen und Sänger zur Seite. Die Chorarrangements stammen von Simone Daley Richards, die Streicher von Rosie Danvers. Das passt zu einem Song über den Wunsch, im eigenen Kopf allein zu bleiben. Im Refrain bittet er seine Partnerin, ihn nicht umzustimmen und seinen Stolz nicht zu brechen. In den Strophen erzählt er dagegen, dass er sich in der Beziehung nie richtig gefühlt hat.
Die beste Zeile fällt in der zweiten Strophe: Er zieht seine Sommerkleidung an, wenn es ihm gut geht. Das Bild ist schlicht und häuslich, wie ein Zettel am Kühlschrank. Am Ende bleibt jedoch ein anderer Satz hängen: Eine unbekannte Stimme gesteht darin, nicht zu wissen, was sie tut, und es sei ziemlich beängstigend. Selbst wer seinen Ohren traut, muss sich irgendwann auf einen Sound festlegen.
Michael Kiwanuka FUDGE – Gegenstände statt Stimmungen
Fünf Musiker aus der Band schrieben „Just Another Moment“ und „Love in My Heart“ mit. Es sind Alex Bonfanti, Graham Godfrey, Joe Connell, Michael Jablonka und Steve Pringle. Dort geraten Kiwanukas Worte ins Stolpern, und die Sätze bleiben unfertig. Der Refrain des ersten Songs beginnt mit dem Rat, keine Angst zu haben, und bricht den Satz dann scheinbar ab. Der zweite besteht im Refrain nur aus dem Songtitel.
Den Rest schreibt er allein und greift dabei direkt zu Gegenständen statt zu Stimmungen. In „Across the Sky“ stellt er Geld gegen Vertrauen. Das Geld kommt und geht, das Vertrauen soll bleiben. Dazu spielt er zwölfsaitige Gitarre, begleitet von Katt Newlon am Cello, Harry Fausing Smith an der Bratsche und Henry Rankin an der Geige. Sein Licht werde eines Tages erlöschen, singt er im Refrain, doch jetzt wirke es golden am Himmel.
Von der Autobahn ins Hotelzimmer
In „Move in My Direction“ steht er am Anfang einer Autobahn. Er will zu jemandem, verliert aber den Halt, weil er viel zu schnell ist. Autobahnen kommen in Soulsongs dieser Art sonst nicht vor, deshalb wirkt der Refrain „So please move in my direction“ umso stärker. Die Antwort folgt in „You Sent Me Flying“: „You fall apart, don’t strain to please.“ Kiwanuka spielt dabei Bass, Synthbass und Nylongitarre, Connell Schlagzeug und Rhodes.
In „California“ bittet er sogar einen ganzen Bundesstaat, seine Wunden zu heilen. In „Sing“ bittet er um Wunder, die seinen Schmerz wegwaschen, und läuft danach allein zwischen blauen Wasserfällen. „Swings and Roundabouts“ entsteht dagegen nur mit Connell an Schlagzeug und Klavier, während Kiwanuka (Youtube) singt, sein Herz fühle sich wie ein Hotelzimmer an. So zeigt FUDGE, wie viele helfende Hände es braucht, damit ein einziges, privates Ohr im Raum Gehör findet.


