Eckhart Tolle: Aufwachen aus dem Denken – der Atem als Weg zur Präsenz

Die meisten von uns führen ein Dauergespräch mit sich selbst, ohne es überhaupt zu bemerken. Eckhart Tolle sieht in diesem inneren Lärm die Quelle unseres alltäglichen Leidens, denn wir halten jeden Gedanken für wahr. Dabei verwechseln wir die Stimme im Kopf mit dem, was wir wirklich sind. Sein Ausweg wirkt erstaunlich schlicht, weil wir den Geist weder bekämpfen noch zum Schweigen bringen müssen. Es genügt, aus ihm herauszutreten und der Atem zeigt uns dafür den Weg. Das klingt nach Philosophie, ist aber eine ganz praktische Einladung. Am Ende wartet dahinter eine tiefere Identität, die längst da ist und nur gespürt werden will. Eckhart Tolle über das Aufwachen aus dem Denken und benennt dabei den Atem als Weg zur dauerhaften Präsenz.
Wenn Gereiztheit zum Wegweiser wird // Eckhart Tolle Aufwachen
Eckhart Tolle beginnt bei etwas Alltäglichem, nämlich bei der kleinen Gereiztheit, die uns täglich begegnet. Sie taucht auf, sobald die Dinge nicht so laufen, wie sie sollten; und sie ist bereits eine leise Form von Leiden. Aus ihr kann leicht Wut werden, und aus Wut wird ein Ausbruch. Der Geist behauptet dabei, der Moment dürfe nicht sein, wie er ist. Dieser innere Widerstand ist die Quelle von mehr Unruhe, als wir uns meist eingestehen. Doch der gegenwärtige Augenblick ist immer genau so, wie er ist und mit diesem So-Sein zu streiten schmerzt nur uns selbst. Handeln können wir natürlich weiterhin, etwa indem wir mit anderen sprechen und Situationen verändern. Etwas ganz anderes ist das ständige innere Kommentieren, genau dort liegt der Unterschied zwischen Leben und innerem Dauerstreit.
Die Geschichte, die wir für uns halten
Das Kernproblem liegt in unserer Identifikation. Wir glauben jedem Gedanken, der uns durch den Kopf zieht und erleben unser Leben genau so, wie die Gedanken es erzählen. Sagt der Verstand, unser Dasein sei schrecklich, dann erscheint es uns schrecklich. Hält er die Menschen um uns herum für unerträglich, begegnen wir ihnen mit Abwehr. Aus dieser Dauererzählung entsteht eine unangenehme Geschichte, die wir schließlich für unser Ich halten. Dramatisch ist, dass wir diese Geschichte selten hinterfragen. Dabei ist ein Gedanke zunächst nur ein Gedanke und kein Urteil über uns. Tolle nennt diese Ebene das Oberflächen-Ich, das allein vom Gedankenstrom lebt. Wer sich darin verfängt, lebt monatelang oder sogar jahrelang in einem Film, den er selbst für die Wirklichkeit hält.
Erwachen beginnt mit Gewahrsein
Der Beginn des Erwachens zeigt sich bei vielen Menschen als plötzliches Gewahrsein. Auf einmal bemerken wir die Qualität unserer Gedanken und fragen uns, ob sie überwiegend negativ sind. Wir sehen, dass wir uns jahrelang mit der eigenen Gedankenwelt unglücklich gemacht haben. Entscheidend ist, was dabei eigentlich bemerkt wird. Genau dieses Bemerken ist laut Tolle das höhere Bewusstsein, das über das Ego hinausreicht. Tolle betont, dass genau hier der Anfang liegt, denn ohne diesen Moment bliebe jede Lehre bloße Theorie und wer seine Worte interessant findet, trägt diese Tiefe bereits in sich. Er spricht von Präsenz, vom Buddha-Wesen oder in christlicher Sprache von der Christus-Identität. Diese tiefere Identität steckt in jedem Menschen, bleibt aber unter dem Ego und negativen Emotionen oft tief verschüttet.
Ein verborgener Schatz in jedem Menschen
Viele Menschen ahnen nicht, welchen Schatz sie in sich tragen. Dieses Potenzial steckt in jedem, unabhängig von Herkunft, Bildung, Beruf oder Lebenslauf. Es fehlt nur der Raum, in dem es sichtbar werden darf. Tolle findet deshalb, dass genau das an Schulen gelehrt werden sollte, weil es wichtiger sei als vieles andere. Stellen wir uns vor, Kinder lernten früh, dass sie mehr sind als ihre Gedanken. Das würde unsere Gesellschaft vermutlich ruhiger, empathischer und weniger reaktiv machen, gerade in einer Zeit permanenter Reizüberflutung durch Feeds, Push-Meldungen und endlose Debatten. Das tiefere Selbst lässt sich dabei nicht begrifflich erfassen. Es verlangt Erfahrung statt Erklärung, und genau deshalb lädt Tolle seine Zuhörer ein, es im Moment zu spüren.
Eckhart Tolle x Aufwachen – Präsenz im Sport und in der Krise
Manche Menschen erleben diese Präsenz ganz von allein. Wer eine Felswand hinaufklettert oder auf einer Welle surft, kann nicht grübeln, denn jeder Gedanke wäre dort gefährlich. Der Körper und die Aufmerksamkeit verschmelzen für einen Moment im Hier und Jetzt. Dabei spielt es kaum eine Rolle, welcher Sport es ist, solange das Ego nicht im Mittelpunkt steht. Ähnliches geschieht oft in schwierigen Lebenslagen, wenn das Leid das Ego brechen lässt und etwas Tieferes sichtbar wird. Solche Momente bleiben jedoch meist zufällig und sie kommen selten dann, wenn wir sie gerade brauchen. Das Leben zwingt uns also gelegentlich zur Präsenz, doch wir können sie auch aus freien Stücken üben. Tolle fragt deshalb, ob wir auch ohne äußeren Anlass einfach wach sein können, ohne ständig zu denken.
Der Atem als Anker im Körper
Als ersten Schritt empfiehlt Tolle den Atem, das einfachste Werkzeug, das wir jederzeit bei uns tragen. Sobald wir bewusst wahrnehmen, dass wir atmen, wird die Atmung fast automatisch tiefer. Wir spüren den Atem erst an den Nasenflügeln und folgen ihm mit der Aufmerksamkeit hinunter in den Körper, bis er den Bauchraum erreicht. Dort, im japanischen Hara, wird eine Lebensenergie fühlbar. Nebenbei geschieht etwas Bemerkenswertes: Wir denken kaum noch, denn wir können nicht zugleich den Atem bewusst wahrnehmen und grübeln. Entweder wir denken, oder wir sind mit dem Atem verbunden, und Letzteres fühlt sich oft deutlich angenehmer an. Die Aufmerksamkeit verlagert sich dadurch vom Kopf in den Körper, und der Geist beruhigt sich fast von selbst. Dafür braucht es keine Vorkenntnisse.
Der innere Körper als Zuhause der Präsenz
Wer dem Atem weiter folgt, spürt irgendwann den Energiekörper, den Tolle den inneren Körper nennt. Er strahlt vom Bauch in Beine, Arme und Hände aus, zunächst sehr fein, dann immer deutlicher. Jede Zelle war immer lebendig, doch jetzt wird sie bewusst erlebt. Tolle erzählt, dass er diese Praxis besonders intensiv nach seiner Krebsdiagnose übte und stundenlang in den inneren Körper hineinspürte. Für ihn ist diese belebende Intelligenz letztlich das, was wir wirklich sind. Wer sie spürt, hat nicht den Geist verloren, sondern ist hellwach, auch ohne viel zu denken. Deshalb rät er, statt eines Workshops zwei Wochen lang den Atem zu beobachten. So wird der Atem zum Anker für die Präsenz, und der Körper zu ihrem Zuhause. Am Ende bleibt eine einfache Einladung: nicht mehr kämpfen, sondern ankommen.


