Kiefer – Memory Bomb: Der Pianist, der seine Band von hinten führt

Kiefer nennt sein neues Album Memory Bomb, und schon der Titel verrät das Prinzip: Erinnerung als Material, nicht als Nostalgie. Der in San Diego geborene Pianist wuchs zwischen Bach-Menuetten seiner Mutter und den Hardbop-Platten seines Vaters auf, denn beide Eltern waren zugleich Ingenieure und Pianisten. Sonny Clark und Gene Harris liefen bei ihm ständig im Hintergrund, während er mit dreizehn schon Kind of Blue in Dauerschleife hörte und eine Miles-Davis-Biografie las.
An der UCLA studierte er deshalb bei Gitarrist Kenny Burrell, der ihn als Programmdirektor durchs gesamte Studium begleitete. Nach dem Abschluss tauchte Kiefer in die Beatmaker-Szene von Los Angeles ein und lernte dort eine entscheidende Lektion: Ein Produzent muss Platz lassen, sonst erstickt er die Stimme darüber. Diese Logik überträgt er nun auf sein erstes Leader-Album, das er mit seinen Freunden CARRTOONS und Shibo aus dem Kollektiv FATHERS produziert hat.
Nate Smith, Funk und die Kraft des Kollektivs
Auf „Overture“ überlässt Kiefer Schlagzeuger Nate Smith die Führung, denn das Stück soll die Band feiern, nicht sein Ego. Es ist eine lässige Boom-Bap-Nummer mit leichtem Swing und trockener Snare, während Kiefers E-Piano synkopiert dazwischenhackt. Damit steht er in der Tradition der Sonny-Clark-Sessions zwischen 1957 und 1962, als Clark mit Art Farmer, Jackie McLean, Paul Chambers und Philly Joe Jones spielte, ohne selbst die Melodie zu übernehmen.
„Don’t Fail Me Now“ geht noch weiter: eine maximalistische Funknummer mit Bläsersatz, zwei Gitarren und einem schwitzenden Groove, in dem Kiefers Tasten nur eine weitere Rhythmusstimme unter vielen sind. Man ahnt deshalb, dass dieser Mann auch problemlos eine eigene Funkband leiten könnte.
Zwischen Traum, Ausstieg und Erschöpfung
Gareth Donkin bringt auf „Can’t Let a Good Thing Go“ väterlichen Rat über einen gepoppten Bass, denn kein Shortcut lohnt sich, und Aufgeben ist keine Option. Amber Navran und Phil Beaudreau formulieren auf „Won’t Be Long“ dagegen die Erschöpfung eines endlosen Grinds. Erick the Architect und Tony Stone pendeln auf „NewLevels NewDevils“ zwischen Selbstoptimierung und der Angst, nie aus der Schlange auszubrechen, weshalb Stones Zeile über Kinder am Sommercamp-Kiosk besonders hart trifft.
Planet Giza öffnet „BusyForYa“ mit dem Blick auf Menschen, die auf dem Weg nach oben zurückblieben, sowie auf das 9-to-5, das nie erfüllend genug war. Rae Khalil widerspricht diesem Aufstiegsnarrativ auf „Nowhere Fast“ komplett, denn sie kennt die Realität schon seit ihrem neunten Lebensjahr.
Ein Album über das Weiterträumen
Cisco Swank driftet auf „Daydreaming“ durch vage Erinnerungen an Gesichter, die man fast kennt, während Amber Navran auf „Get to the Moon“ ihre Anziehung zu einem Menschen nur noch als Weltraumfahrt beschreiben kann. Auf „As She Was“ zieht sich Kiefer dagegen instrumental zurück, und mit Omari Jazz sowie Shibo entsteht eine Neo-Soul-Skizze ohne Vocals.
Den Bogen schließt der Titeltrack „Memory Bomb“ mit Walter Smith III am Saxofon, denn hier comped Kiefer (Youtube) wie einst Sonny Clark und stützt die Melodie, statt sie zu besitzen. Am Ende bleibt so ein Album, das zeigt: Echte Führerschaft ist selten laut.


