The Fourth Turning: Das Buch, das erklärt, warum die Welt in der nächsten Krise steckt

The Fourth Turning

1997 veröffentlichten die Historiker William Strauss und Neil Howe ein Buch, das bis heute nachwirkt: „The Fourth Turning“ (Buch). Ihre These klingt zunächst gewagt, doch sie basiert auf einem simplen Beobachtungsmuster. Alle 80 Jahre, also etwa eine Lebensspanne, durchläuft die amerikanische Geschichte einen Zyklus aus vier Phasen, der stets in einer Krise endet. Die Amerikanische Revolution, der Bürgerkrieg und der Zweite Weltkrieg markieren jeweils den Abschluss eines solchen Zyklus. Und weil seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erneut rund 80 Jahre vergangen sind, deutet vieles darauf hin, dass wir uns gerade wieder in einer solchen Krisenphase befinden.

The Fourth Turning – Vier Phasen, ein ewiger Kreislauf

Strauss und Howe unterteilen jeden Zyklus in vier sogenannte Turnings. Der High beginnt direkt nach einer überstandenen Krise, wenn Wohlstand wächst und eine neue kollektive Identität entsteht. Danach folgt das Awakening, in dem Stabilität zwar bestehen bleibt, Menschen aber beginnen, das ererbte System zu hinterfragen. Anschließend kommt das Unraveling, währenddessen Vertrauen in Institutionen zerbricht und gesellschaftliche Konflikte offen ausbrechen. Am Ende steht die Crisis, in der alte Normen kollabieren und ein grundlegender Neuanfang erzwungen wird. Dieser Ablauf wiederholt sich laut den Autoren immer wieder, weil jede Generation von der Welt geprägt wird, in der sie aufwächst.

Von Kennedy bis zur Finanzkrise: Unsere Reise durch den Zyklus

Übertragen auf die Gegenwart beginnt unser aktueller Zyklus mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, gefolgt vom wirtschaftlichen Boom der Nachkriegsjahre. Die Ermordung John F. Kennedys 1963 markiert dabei den Übergang in das Awakening, während Bürgerrechtsbewegung, Vietnamproteste und Gegenkultur das bestehende System zunehmend infrage stellten. Mit Ronald Reagans Amtsantritt beginnt anschließend das Unraveling, in dem tiefes Misstrauen gegenüber Regierung und Institutionen wächst. Die Anschläge vom 11. September, der gescheiterte Irakkrieg und schließlich die Finanzkrise von 2008 gelten in diesem Modell als jene Ereignisse, die uns endgültig in die aktuelle Crisis-Phase katapultiert haben, in der wir laut Strauss und Howe bis heute verharren.

Wenn Vertrauen zu Zorn wird

Das Besondere an dieser Theorie liegt weniger in den einzelnen Ereignissen als vielmehr in der psychologischen Logik dahinter. Menschen, die in stabilen Zeiten aufwachsen, entwickeln andere Instinkte als jene, die von klein auf mit Konflikten konfrontiert werden. Diese unterschiedlichen Prägungen erklären, weshalb sich gesellschaftliche Stimmungen über Jahrzehnte hinweg verschieben. Während frühere Generationen dem System noch grundlegend vertrauten, wuchs mit jeder neuen Krisenerfahrung auch die Bereitschaft, bestehende Machtstrukturen offen infrage zu stellen. Genau diese wachsende Skepsis bildet den Nährboden, auf dem sich radikale politische Bewegungen später besonders leicht entfalten können.

The Fourth Turning – Vier Generationen, vier Rollen

Strauss und Howe beschreiben zudem vier archetypische Generationenrollen, die den Zyklus tragen. Sogenannte Prophets wachsen während des Highs auf und entwickeln später visionäre, mitunter kompromisslose Weltbilder. Nomads erleben ihre Kindheit im Awakening und werden dadurch zu pragmatischen, handlungsorientierten Erwachsenen. Heroes wiederum wachsen im Unraveling auf und stehen später im Zentrum der eigentlichen Krisenbewältigung, während Artists erst während der Krise geboren werden und ihre prägende Rolle erst im nächsten Zyklus entfalten. Diese Rollenverteilung erklärt laut den Autoren, weshalb bestimmte historische Figuren zur jeweils passenden Zeit an entscheidender Stelle auftauchen, obwohl niemand diese Konstellation bewusst plant.

Trump, Musk und die Versuchung einfacher Antworten

Besonders aufschlussreich wird die Theorie, wenn man sie auf gegenwärtige Akteure anwendet. Der geistig stark eingeschränkte US-Präsident Donald Trump, geboren während des Highs der Nachkriegszeit, passt demnach in die Rolle des Prophets. Jener Generation, die große, oft realitätsferne Visionen entwirft und diese mit missionarischem Eifer vertritt. Sein Versprechen, Amerika wieder groß zu machen, bedient exakt jenes Bedürfnis nach vermeintlich einfachen Lösungen, das in Krisenzeiten besonders viele Menschen anspricht. Elon Musk wiederum, als Kind des Awakenings, verkörpert eher den pragmatischen Nomad-Typus, der bestehende Visionen kompromisslos in die Tat umsetzt, ohne dabei deren gesellschaftliche Folgen ausreichend zu reflektieren. Beide Figuren stehen exemplarisch für eine Politik, die strukturelle Probleme durch Show-Effekte und autoritäre Reflexe kaschiert, anstatt echte Reformen anzugehen. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr dieser Phase, weil populistische Vereinfachung selten tatsächliche Lösungen liefert, sondern meist nur bestehende Spaltungen vertieft.

Die Lücken der Theorie

Trotz ihrer Erklärungskraft weist die Theorie auch deutliche Schwächen auf. Der Erste Weltkrieg etwa, eine der größten Katastrophen der Geschichte, lässt sich nur schwer in das enge Zeitfenster des Unraveling pressen, obwohl er in seiner Wucht klar einer Crisis-Phase entspricht. Ebenso erreicht die Bürgerrechtsbewegung ihren Höhepunkt ausgerechnet während des Highs, obwohl dort laut Modell eigentlich gesellschaftliche Stabilität dominieren sollte. Diese Ungenauigkeiten zeigen, dass Geschichte sich niemals vollständig in ein starres Schema pressen lässt. Dennoch wäre es ebenso falsch, daraus zu schließen, gesellschaftliche Entwicklungen seien reiner Zufall. Vielmehr liefert das Modell weniger eine exakte Vorhersage kommender Ereignisse als eine plausible Erklärung dafür, warum sich bestimmte gesellschaftliche Dynamiken überhaupt wiederholen.

Wer führt uns durch die Krise?

Am Ende bleibt die entscheidende Frage offen, wie unsere aktuelle Crisis-Phase enden wird. Weder Strauss noch Howe konnten das vorhersagen, und auch heute lässt sich das nicht seriös beantworten. Historisch betrachtet endeten frühere Krisen zwar oft in kriegerischen Auseinandersetzungen, doch das muss keineswegs zwangsläufig auch diesmal so sein. Entscheidend wird vielmehr sein, ob progressive gesellschaftliche Kräfte es schaffen, strukturelle Reformen durchzusetzen, bevor autoritäre und populistische Bewegungen die Deutungshoheit über den notwendigen Umbruch gewinnen. Die sogenannten Heroes dieser Generation, jene, die heute in einer Welt voller Unsicherheit aufwachsen, werden später maßgeblich mitentscheiden, in welche Richtung sich die Gesellschaft nach dieser Krise entwickelt. Bis dahin bleibt „The Fourth Turning“ vor allem eines: eine Mahnung, historische Muster ernst zu nehmen, ohne sich blind auf sie zu verlassen.

The Fourth Turning: Das Buch, das erklärt, warum die Welt in der nächsten Krise steckt

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