Wie ich als Minderjähriger Kioskdirektor wurde und warum Bo Derek niemals meine Jane werden konnte

Als pubertierender Rotzbengel im zarten Alter von 15 Jahren jobbte ich an Sonntagen manchmal bei Kotze („Karl Otzner“, Ihr kennt ihn) im Kiosk. Eigentlich hätte Kotze nicht unbedingt Hilfe gebraucht und der Sonntagnachmittag war auch ein denkbar schlechter Tag für einen Minderjährigen, an einem Kiosk in eher schlechter Gegend Suchtkranke mit Schnaps- und Tabakwaren auszustatten, aber was sollte ich tun? Lief ja nichts im Fernsehen.

Während ich die Leute bediente machte es sich Kotze im hinteren Bereich des Ladens mit einer gepflegten Ernte23 und einem eiskalten Holsten Edel gemütlich. „Lil‘ MC, du kommst klar?! Wenn du belästigt wirst, rufste, nä!? Und wenn Billfinger kommt, auch.“. Billfinger war ein Saufkumpane von Kotze. Die beiden trafen sich täglich, waren wie Brüder. Ihr gemeinsamer Schlagschatten sah aus wie die Skyline der Herforder Altstadt. Die beiden spielten regelmäßig Karten und tranken Bier, ab 16h mit Korn. „Lil‘ MC – bringst‘ uns nochmal 2 Herrengedecke?“, hieß es dann immer. „Ich bin hier aber nicht euer Kellner. Es sei denn, ich darf den Boy mitnehmen!“. Der Boy war der „Playboy„, den Kotze mir als Sondergratifikation und bei einem Pegel der Hochwassermarke I manchmal mitgab. Nach einer gewissen Zeit konnte ich Kotze gut einschätzen und wusste, wann ich danach zu fragen hatte. „Klar, kannst mitnehmen. Aber Dein‘ Eltern sachst nix!“. Natürlich nicht.

Am frühen Nachmittag kam Billfinger. Ich lehnte mit verschränkten Armen leicht aus dem Kiosk heraus und vernahm seine eigentümliche Lache. Er sprach immer in der dritten Person mit mir, „Ach, der kleine Winkelsen wieder hier. Na, wenn der hier mal alles im Auge behält! Ob er mir wohl sagen kann, wo Kotze sich befindet!?“. Er schaute mich an. Ich ihn. Ich wusste nie, ob das nun Selbstgespräch oder Frage war. Ich ging zwar von Letzterem aus, war aber damals schon zu arrogant faul für eine Antwort. „Ob der kleine Winkelsen mir wohl sagen kann, wo Kotze sich befindet!?“, frug Billfinger erneut. „Frag ihn doch.“. „Nun werd‘ mal nicht frech. Wo ist Kotze!“. Fingerzeig nach hinten. Billfinger betrat den Laden und es folgte ein zehnminütiges Begrüßungsritual. Parallel dazu kamen die Herrengedeck-Anfragen. Ich lieferte. Und steckte mir die aktuelle Ausgabe gleich ein. Schade, schon wieder Bo Derek.

Kurz vor sechs Uhr Abends verließen die beiden relativ angeheitert den Kiosk. „Winkelsen, du passt kurz auf, nä! Sind gleich zurück.“. Kotze hielt es nicht so ganz genau mit dem Jugendschutzgesetz. Bei ihm gab es nicht nur Tabak und Alkohol für junge Leute – nein, hier wurden die Rauschmittel sogar von den Unmündigen verkauft. Aber für 10 Mark Stundenlohn und den Boy war mir das egal. Auch, wenn wieder mal nur die Derek das Cover zierte. Kurz nach sechs kamen am Sonntag immer ein paar Freunde vorbei, wofür ich extra aufräumte. Um kurz den Müll rauszubringen, verriegelte ich zwar das Kioskfenster, liess die Eingangstür jedoch auf, was ich unbeschlüsselt lieber nicht hätte tun sollen; die Tür fiel hinter mir ins Schloss.

Als die Jungs kamen, setzen wir uns gemeinsam vor den Laden und schickten sämtliche Kundschaft unbedient nachhause. Kotze und Billfinger waren selten länger als 1 1/2 Stunden weg – an diesem Abend dann aber natürlich ganze drei Stunden. Bei ihrer Rückkehr versicherte ich, mich gerade erst vor 15 Minuten ausgesperrt zu haben und diesbezüglich schon vorhatte, die Polizei zu rufen. „Um Gottes Willen, Du hast doch die Bullen nicht gerufen?“. „Neeeiiin, Kotze, noch nicht. Und jetzt bist Du ja auch wieder da.“. „Ein Glück! Guter Jung‘!“, sagte er und drückte mir die aktuelle Penthouse-Ausgabe in die Hand. Mit Bo Derek auf dem Cover.

Kommentare

26 Antworten zu “Wie ich als Minderjähriger Kioskdirektor wurde und warum Bo Derek niemals meine Jane werden konnte”

  1. Christoph sagt:

    Rührend.

  2. bosch sagt:

    Na, da hast Du den Höhepunkt Deiner beruflichen Laufbahn ja schon in relativ jungen Jahren erreicht. Hoffe, danach ging es nicht allzu steil bergab,

  3. Jerry sagt:

    Ein Traumjob. Die friends waren doch bestimmt alle neidisch?
    aber irgendwann schmückte doch Linda Evans die Cover, oder?

  4. greezer sagt:

    „Die Aufreissplätze dieses Sommers“ <– tolle TitelStory, wie passend für lil‘ MC ;)

  5. Acki sagt:

    jaja…damals wäre mir die Fox auch liebe gewesen! ;-)

  6. Cara sagt:

    Hier fiel mal ein Stichwort, auf das ich schon länger gewartet habe: Eltern.

    Wie, verehrter Herr Winkel, haben Ihre armen Altvorderen das eigentlich ertragen, mit einer Granate wie Ihnen ? Ständig in Angst und Schrecken zu leben, was der Zwerg als nächstes wieder anstellt, muß ja grausam sein.
    Vermutlich sind Sie auch Einzelkind, weil sich Ihre ungewöhnliche Lebenslust sicher schon sehr bald zeigte.
    Habe ich Berichte aus der Vorschulzeit überlesen?

    Mütterliche Grüsse
    Ihre Cara

  7. Erdge Schoss sagt:

    Hätten Sie, werter Herr Winkelsen,

    damals stattdessen zum Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt
    gegriffen, wäre Ihnen Bo Derek garantiert erspart geblieben …

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  8. Gürtel sagt:

    haste evtl auch die ausgabe? muss auch so die zeit gewesen sein und die kirchberger war ja mal richtig knakisch ;-)

  9. Finja sagt:

    wasn das für ne verarsche – angezogene tussi aufm playboy-cover… ich votiere für mehr nackte frauen!

  10. Guten Morgen Herr Winkelsen,

    10 DM die Stunde? Das war dann aber schon ein Spitzenverdienst. Und den Playboy gab´s auch noch gratis dazu? Was waren Sie ein Glückspilz.

    Nur was ich nicht verstanden habe „… waren wie Brüder. Ihr gemeinsamer Schlagschatten sah aus wie die Skyline der Herforder Altstadt.“

    Mir wäre jetzt nicht geläufig, dass Herford eine nennenswerte oder sichtbare Skyline hat. Ist ja gleich um die Ecke bei uns.

    Ihre Frau Ährenwort

  11. Hausmeister sagt:

    Wie kann man nur was gegen zuviel von Bo Derek haben? Also, falls Du da noch nutzlose Restbestände hast, rücke ich gerne mal meine Postanschrift raus…;-)

  12. Sabine sagt:

    Mir stellt sich immer noch die Frage WIESO denn die Bo nicht Ihre Jane werden konnte werter Herr Winkelmann. Alterstechnisch hätte es doch wohl gepasst… ;-)

  13. Herr Schmidt sagt:

    Mit so einem Job hast Du mit Sicherheit bei den Homies gepunktet. Und mit so einem fürstlichen Stundenlohn konntest Du dann ja auch den Kieler Ladies die Welt zu Füßen legen…

  14. MC Winkel sagt:

    @ Christoph: Taschentuch? :)
    @ bosch: Doch, leider schon.
    @ Jerry: Stimmt! War zuletzt nur noch 1x im Monat da. Immer nach Neu-VÖ der aktuellen Ausgabe(n)!
    @ greezer: Stimmt. Damals gab’s ja noch kein Internet. Und im Fernsehen lief auch nichts.
    @ Acki: Das war leider erst Jahre später. Meine Mutter hat mit damals übrigens verboten, den Kalender im Kinderzimmer aufzuhängen.
    @ Cara: Och, die waren eigentlich ganz froh. War immer etwas los, zuhause. :) Und: NEIN, ich hab doch noch eine Schwester (4 Jahre jünger).
    @ Erdge Schoss: … dort lag nur die BamS aus, Herr Schoss. Und raten Sie mal, wer da auf Seite 3… sie wissen schon.
    @ Gürtel: Nö. Vielleicht noch irgendwo im Keller. Du warst also mal in Sonjy K. verliebt, hm?! Mal nen Song machen, den wir unseren Ex-Schwärmen widmen? :)
    @ Finja: Oder? Sie wissen Bescheid, Frau Finja Tequila! :)
    @ Frau Ährenwort: Ja, der war ich wohl. Was Herford betrifft: Call it künstlerische Freiheit.
    @ Hausmeister: Inzwischen leider nicht mehr… aber glauben Sie: DIE hätten Sie nicht mehr haben wollen!
    @ Sabine: Naja, wegen des BO-VERKILLS! :)) Und: FRECHHEIT! Aber Sie haben ja recht…
    @ Smithy: Absolut! ich musste jedoch noch 5 Jahre üben, aber ohne Kotze wäre ich heute nicht der, der ich bin. Blame it on Kotze!

  15. Cara sagt:

    Das glaub ich nicht, Herr Winkel.
    Sowas wie Sie soll es in weiblich und nochmal geben?? Niemals.
    Ich fordere Sie zum Beweis dieser Behauptung auf.
    Legen Sie zwei Abstammungsurkunden vor , oder gestalten sie ein Video, in dem die Dame zu Wort kommt. Hauptsache überzeugend.

    Ihnen wird schon was einfallen.

  16. FrauvonWelt sagt:

    Liebe Cara,
    Geschwister entwickeln sich doch meistens ganz gegensätzlich. Des MC Schwester wird also ganz besonders liebreizend, charmant und zuvorkommend sein, zudem frühzeitig Kiel verlassen haben und erfolgreich Familie und Karriere in Einklang gebracht haben. Sie wird einen außergewöhnlich guten Musikgeschmack haben, regelmäßig Literatur und Theater konsumieren und sich auch sonst gesund ernähren. So wird sie sein. Lieber Herr Winkelsen, Sie können mir nicht widersprechen.

    Herzlichst
    Ihre FrauvonWelt

  17. Bo Derek… das ist auch schon lange her… aber richtig lang.

  18. Herr Schmidt sagt:

    Ich freue mich schon auf Deinen neuen Header:

    MC Winkel – made by Kotze
    :-D

  19. Dr.Sno* sagt:

    Naja Bo Derek… aber die konnten ja nicht extra nur wegen dir dort Will Smith auf’s Cover drucken ;)

  20. pulsiv sagt:

    „kotze“… sogar als name für assi-punker wäre das zuviel des guten gewesen…

  21. Winni sagt:

    Top Story! Ach und zu den Geschwistern: meine kleine Schwester ist vom Charaktar her genauso wie ich! Nicht unbedingt zum Vorteil unserer Eltern. Was ich damit eigentlich sagen will: Geschwister müssen nicht verschieden sein was den Charaktar und das Wesen betrifft.

  22. denzel sagt:

    … ab nach herford.

  23. du hast recht. bo war inflationär. zu dieser zeit gab es halt nicht so viele billige „sluts“ wie heute. heute kriegst kati witt. ich weiss ja auch nicht …

  24. westernworld sagt:

    … sag mal winkel wie ist das eigentlich mit der geplanten verfilmung deiner jugendsünden … solangsam ist das doch überfällig.

  25. Opi sagt:

    Bo Derek, Bo Derek??…………….da war doch mal was! Ach ja, sie wollte mich nich. Tja schade, aber so auffem Titel.
    Ich glaub ich bin zu alt…

  26. Also mich störte Bo Derek seinerzeit nicht. Aber meine Eltern kamen, als „10 – die Traufrau“ lief, alle 5 Minuten in mein Zimmer und haben den Fernseher wieder ausgemacht. Dabei hatte ich unter der Bettdecke wichtige erste Experimente zu machen.

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