Wattstax

Endlich bin ich dazu gekommen, mir die „Wattstax“-DVD anzuschauen, die ich nun gefühlte drei Jahre gesucht habe. Die Spiritualität, die auf dem Wattstax-Festival im August 1972 im Coliseum-Stadion in L.A. vorherrschte, wurde so gut es nur ging von Mel Stuart über diesen Film transportiert und hat mich an diesem Sonntag in meinem Wohnzimmer eingenommen und beseelt.


(© www.pbs.org)

Wattstax war quasi das schwarze Woodstock-Festival, wobei es sich hier nicht nur um Liebe und MaryJane drehte. Es wurde veranstaltet, um den rassistischen Unruhen von 1965 in Watts zu gedenken. Haupsächlich traten dort schwarze Künstler auf, die zu der Zeit bei Stax Records gesigned waren; aus Watts und dem Label Stax ergab sich dann folglich der Name. Über 100.000 größtenteils afroamerikanische Zuschauer kamen aus allen US-Staaten und haben sich das Konzert, welches von Bürgerrechtler Reverend Jesse Jackson mit einer ergreifenden Eröffnungsrede eingeläutet wurde, angesehen. Es folgten Auftritte von Rufus Thomas (in einem roséfarbenen Anzug mit kurzer Hose, dazu weiße Latexstiefel) , Jimmy Jones, Eddie Floyd, den von mir sehr geliebten Emotions, The Bar-Kays (die Stelle, an der ich aus dem Corbusier aufsprang und mittanzen musste (wofür ich mich jetzt ein wenig überhaupt nicht schäme!)), Albert King, The Soul Children, den zu dieser Zeit höchst populären Staples Singers und vielen weiteren, die ich namentlich gar nicht kenne; als Wattstax stattfand, konnte ich ja schließlich noch nicht einmal laufen.

Zum krönenden Abschluss kam dann der Mann auf die Bühne. Jesse Jackson kündigte ihn mit den Worten „The Brother that all of us have been waiting for… a bad, bad brother… I say Hayes… Yeah, yeah, yeah, yeah!“ an. The Black Moses – Isaac Hayes natürlich. Er kam in einem typisch für die 70er Jahre gemusterten Umhang und einem Hut unter den Klängen seines legendären „Shaft“-Soundtracks auf die Bühne und begrüßte das Publikum ausgiebig in alle Himmelsrichtungen. Jackson lüftet zunächst den Hayes’schen Hut, Hayes selbst reisst sich den Umhang vom Leib und steht im goldenen Kettenhemd (!) mit hochgerissenen Armen und geballten Fäusten fast eine volle Minute auf der Bühne und lässt sich zelebrieren. Inzwischen mag ich Hayes – den bekennenden Scientologen – ja nicht mehr. Aber dieser Auftritt überzog mich sofort mit einer Gänsehaut, wie so unendlich viele Passagen aus dem mit Originalaufnahmen zeitgemäßer Statements schwarzer Brother & Sisters unterlegten Film.

Als bekennender HipHop-Anhänger war es für mich natürlich vor Jahren bereits eine Pflicht, die musikalischen Wurzeln dieser Kultur genauestens zu ergründen. HipHop bedient sich ja nach wie vor vieler Elemente (Samples) aus den wahren Klassikern des Gospels, Soul, Funk und Jazz. Schnell wurde ich großer Fan von Curtis Mayfiled, Jill Scott Heron, Marvin Gaye, Bill Withers, Bobby Womack und vielen anderen Künstlern aus dieser Zeit. So gesehen war dieser Film für mich tatsächlich ein wahrer Juwel, ich habe jede Sekunde genossen und kann auch meinen Lesern nur wärmstens empfehlen, sich auf Spurensuche zu begeben.

„Lift yo‘ fists for the black people who made themselves heard!“

Kommentare

26 Antworten zu “Wattstax”

  1. ronstar sagt:

    oh yes…wirklich first comment??? wooooooow!!!!!!!!

    sehr interessant herr winkeleisen!

    werde sofort mal schauen wo ich die dvd herbekomme…oder kannst du da einen
    tipp geben?

    grüße!

  2. Maegz sagt:

    Der Meister ist bei Scientology? Mist. Aber andererseits: Solange seine Musik nicht darunter leidet. Immerhin schaue ich auch noch (nur!) Teil 1 von Mission Impossible trotz Cruise aber wegen dem tollen Brian de Palma.

  3. MC Winkel sagt:

    @ ronstar: Jetzt ahbe ich 3 Jahre gesucht, da sage ich doch nicht gleich, wo ich die Scheiber her habe! :) You got M@il!
    @ Maegz: Macht der überhaupt noch Musik? Also, neue Musik? Er hat ja sogar nach der Tom Cruise-Scientology-Episode des „South Park“ seinen Chefkoch-Synchronsprechpart gekündigt. Heulsuse. Holzweg.

  4. crosa sagt:

    Vielen Dank für diese spannende Reise in die Vergangenheit. Die DVD muss ich haben ;)

  5. gürtel sagt:

    …tausche beginner und snoop/dre dvd gegen die von dir beschriebene scheibe für nächsten sonntag ;)

  6. MC Winkel sagt:

    @ crosa: Gerne.
    @ Gürtel: Klar! Und die Jay-Z musst Du auch unbedingt sehen (Fade To Black – From Marcy to Madison Square) – oder kennst Du die schon? Die F4 kannst Du dann auch gleich wieder haben. Morgen Abend mal am neuen Beat feilen?

  7. gürtel sagt:

    was gibt es da dran noch zu feilen dicker ;) you got mail

  8. Schalentier sagt:

    Höchst interessant, auch wenn mich persönlich diese Musik ja nicht so ganz anspricht. Mich würde mal interessieren wie oft der Moderator das Wort „Yeah!“, zur Begrüßung Isaac Hayes, gerufen hat und wo man so ein schickes Kettenhemd herbekommt? Aber ich befürchte das steht auch nicht jedem. :-(

  9. morticia sagt:

    aber irgendwie freut es doch, nicht ’72 dabei gewesen zu sein, was? nicht auszudenken, wie alt sie jetzt schon wären…alter kopfn***r! ; )

  10. Olli sagt:

    Der Film lief vor ein paar Jahren mal auf VIVA2. Und ich gebe ehrlich zu, dass ich damals auch tanzend vorm Fernseher stand.

    Gut tanzen kann man uebrigens auch zur dreiteiligen „The Soul of Stax“ Serie!

  11. Frollein Müller-EL. sagt:

    Teardrops… in my eyes…
    Da flackert es mir sofort aus der urspünglich tief-schwarzen Seele! Muss sofort meine Womack& Womack MC (ja, MC!) rauskramen und auf Suche nach einem Ghetto-Blaster gehen. Wie gern erinnere ich mich an diese Zeiten, da fuhr man auch schomma 200 km, um sich z.B. einen Mr. Vandross in FFM anzugucken, um sich spätestens gegen Ende des Konzertes in einer begeisterten, überwiegend ’schwarzen‘ Woge, auf den Stühlen wiederzufinden! Und am WE in die entsprechenden Clubs, wo es so gut wie kein Stehtänzertum gab und der Laden kochte.
    Ich bin dann mal … Zelebrieren, in black Memoriam … Und die DVD wird notiert!

  12. Bateman sagt:

    Wie ich schon mal erwähnte, kann ich zwar mit HipHop nicht viel anfangen, aber mit dem Spirit der 60er: „Love, Peace and Happyness“. Trotz der politischen Unruhen in dieser Zeit habe ich das Gefühl, dass damals vieles entspannter wirkte. Als 69er jedoch nur mein Eindruck, aber vielleicht können die Älteren etwas dazu sagen ;-)

  13. creezy sagt:

    Und? Schenkst Du mir die DVD jetzt zu Weihnachten? Ich bin erstaunt, wie Du es geschafft hast bei nur einer Sequenz aus Deiner Bananenkistenliege zu springen und zu zappel – muß man das nicht bei der Mukke immer ganz doll und wild von Anfang bis Ende?

  14. gab es tatsächlich eine south park cruise-scientology-folge? wenn ja, muss ich mir die dringend an land ziehen.

  15. MC Winkel sagt:

    @ Gürtel: Stimmt. Muss nur noch besungen+berappt werden, das Teil!
    @ Schalentier: 4x und bei Orsay. :)
    @ Morticia: Trotzdem. Aber dann wäre ich bestimmt jetzt kein Blogger.
    @ Olli: WAS? WO! Ich mach mich auf die Suche. Bis in drei Jahren dann…
    @ Frollein Müller-El: Tschja, dafür gibt’s jetzt Donnerstags „After-Work-Parties“. ich könnte Knochen kotzen…
    @ Batey: Damals gabÄs halt noch keine Handys. Die sind nämlich schuld, dass jetzt alles so hektisch ist. Und WLAN auch.
    @ creezy: Naja, die Sequenz war ja insgesamt etwas länger… Und gezappelt habe ich die ganze Zeit. Wenn auch nur innerlich.
    @ bsc: Hier gibt’s schonmal einen 50Sekünder… einfach mal „southpark“ und „cruise“ bei youtube suchen…

  16. Ole sagt:

    Die kochende Hitze des göttlichen Grooves damals brodelt ja bis heute. So sehr Juli den folgenden Satz auch verbratzt haben: Ne geile Zeit. Und Scientology hat ja nicht nur cruisende Vollpfosten geangelt, sondern eben auch wirklich großen Musikern das Hirn verdreht. Neben Isaac Hayes ja leider auch Beck, der seit seinem Beitritt leider auch nurmehr laue Klangplörre liefert.

  17. hannes sagt:

    Ha, wie geil. Ich bin mir ziemlich sicher, dass letztes Wochenende im Icon diese Dvd auf diversen Monitoren lief. Zwar ohne Musik, dafür waren nämlich Barney Millah und David Rodigan zuständig. Es sah trotzdem ziemlich cool aus.

  18. creezy sagt:

    Wie Beck ist Scientologe? Echt?

  19. subcess sagt:

    ich such da auch schon ewig nach und jetzt muss ich dich mit mails nerven…

  20. Olli sagt:

    @MC: Mitte 2001 hab ich Teil 3 noch bei Amazon bekommen. Seit dem suche ich erfolglos die anderen beiden Teile. Sollten Sie irgendwann mehr Erfolg haben, waere ich ueber eine kurze Information darueber sehr erfreut.

  21. Stax/Volt hat mit die beste Musik veröffentlicht, die es je auf diesem Planeten (und anderen – z.T herabgestuften – Mondlandschaften) je gegeben hat. Ich habe die kompletten Stax/Volt Boxen (1, 2 und 3, so um die 30 CDs), leider aber nicht die ebenso phantastischen Motown Singles (Vol. 01 bis derzeit Vol. 05), die mir einfach zu teuer sind. Letztere lassen sich wohl nur nach einem Bankraub finanzieren. In der Zwischenzeit vergnüge ich mich mit den Atlantic Recordings von Ray Charles, die dermaßen in die Beine gehen, daß man dazu auf keinen Fall irgendein Apfel-Gesöff zu sich nehmen sollte … denn dann kommt das GRÜNE! bevor man beim dritten Titel angekommen ist.

  22. Zeitlos sagt:

    Schlagt mich ruhig, wenn das nicht stimmt, aber: Lief das nicht schon mal im Fernsehen?

  23. danke für den link :)

  24. B. sagt:

    Oh! Den genialen Wattstax-Auftritt vom Meister Hayes kenne ich bisher nur von der CD da zum Beispiel, und die sorgt schon für Gänsehaut. Besonders das „If I had a hammer“ – Finale ist grandios. Sieht so aus, als ob die DVD jetzt auch auf meinen Wunschzettel landet. Die Siebziger kann man sich aus vielen Gründen zurückwünschen, für mich ist die Musik der beste Beweis, daß damals Optimismus, Experimentierfreude und gesellschaftliches Engagement Hand in Hand gingen. Da können Kanye & Co. einpacken.

  25. nikko sagt:

    hier besagter auftritt ..

  26. […] Ich sag nur oranges Kleid Alter, oranges Kleid. Da kriegt man doch gleich.. Lust… zu … tanzen Rufus Thomas war übrigens auch bei Stax Records unter Vertrag. Und das Video stammt von Rufus’ Auftritt beim Wattstax Festival, das von Stax Records veranstaltet wurde, und auch als “the Afro-American answer to Woodstock” angesehen wird (Quelle: Wikipedia). Über das Festival ist – neben vielen Audio-Mitschnitten – auch eine Dokumentation auf DVD erschienen. Bei MC Winkel kann man mehr darüber lesen. […]

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