Warum wir im Alter verbittern // Arthur Schopenhauer

Warum werden manche Menschen im Alter bitter? Warum wirken viele Senioren mürrisch, fast so, als hätten sie mit dem Leben abgeschlossen? Ist das Dasein tatsächlich schlechter geworden oder hat sich lediglich unsere Perspektive verschoben? Wenn wir ältere Menschen sehen, die distanziert oder niedergeschlagen wirken, schieben wir die Schuld oft auf ihre Einstellung. Wir raten ihnen, positiv zu bleiben. Doch vielleicht ist diese Bitterkeit kein persönliches Versagen, sondern das zwangsläufige Resultat schwindender Illusionen. In diesem Artikel gehen wir der Frage nach, warum wir im Alter verbittern.
Für den pessimistischen Philosophen Arthur Schopenhauer ist es kaum überraschend, dass die Begeisterung für das Leben mit den Jahren nachlässt. Wenn wir ehrlich sind, ist das menschliche Dasein im Großen und Ganzen eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen. Die Bitternis des Alters ist demnach oft nur das Erwachen aus einem kollektiven Traum, der uns in der Jugend blindlings vorangetrieben hat.
Warum wir im Alter verbittern – Der große Schwindel der Jugend
In unseren frühen Jahren spielt uns das Leben einen kuriosen Streich. Die Zukunft wirkt strahlend und voller endloser Möglichkeiten. Zeit und Raum dehnen sich vor uns aus, und wir erwarten voller Vorfreude, was kommen mag. Schopenhauer verglich diesen Zustand mit Kindern im Theater, die vor dem aufgehenden Vorhang sitzen, voller Tatendrang und gespannt auf das Stück, das bald beginnt.
In der Jugend sehen wir uns als Piloten, Hausbesitzer oder Teil einer perfekten Familie. Wir glauben an das Ideal einer besseren Welt und sind überzeugt, dass unsere Generation die Fehler der Vorfahren korrigieren wird. Vielleicht haben wir zu viele Disney-Filme gesehen oder wurden schlicht vor den dunklen Aspekten der Realität abgeschirmt. Schopenhauer betrachtete diese Ignoranz gegenüber der Zukunft als Segen.
Hätten wir damals gewusst, was uns erwartet, hätten wir uns als unschuldige Gefangene erkannt. Wir sind nicht zum Tode verurteilt, sondern zum Leben selbst. Das Elend ist keine Ausnahme, sondern eine inhärente Bedingung des Menschseins. Da wir dies jedoch nicht wissen, stürzen wir uns mit gewaltigen Erwartungen in das Abenteuer. Erst mit der Zeit sammeln wir Erfahrungen, die uns zeigen, dass das Leben oft nur eine unglückliche Episode zwischen Geburt und Tod darstellt.
Die Illusion des dauerhaften Glücks
Ein häufiges Phänomen im Alter ist das Nachlassen der Intensität von Erlebnissen. Die erste große Liebe, das erste Auto oder die erste eigene Wohnung lösen Gefühle aus, die sich in dieser Stärke nie wiederholen. Mit jeder Wiederholung wird der Reiz schwächer, während das Verlangen nach Befriedigung paradoxerweise bestehen bleibt. Wir jagen dem Rausch des Neuen hinterher, obwohl wir wissen, dass er verfliegt.
Laut Schopenhauer treibt uns eine irrationale Kraft an: der Wille zum Leben. Dieser Wille zwingt uns dazu, ständig etwas zu begehren. Sobald wir das Gewünschte erreichen, stellt sich Langeweile ein, die Neuheit nutzt sich ab, und wir suchen nach dem nächsten Ziel. Wir wachsen mit der Illusion auf, dass es einen Zustand dauerhaften Glücks gibt, doch wir erreichen ihn nie.
Am Ende des Lebens fühlen wir uns oft wie Schiffbrüchige, die ohne Masten und Takelage im Hafen einlaufen. Wer zwei oder drei Generationen miterlebt hat, gleicht einem Zuschauer in der Bude eines Zauberers. Man hat die Tricks mehrfach gesehen; sie verlieren ihre Wirkung, sobald sie keine Neuheit mehr darstellen. Die alten Versprechungen des Glücks funktionieren nicht mehr und was bleibt, ist eine tief sitzende Frustration über das repetitive Spiel des Daseins.
Warum wir im Alter verbittern – Wenn Schmerz tiefer schneidet als Freude
Eine bittere Lektion des Alterns ist die Erkenntnis, dass Unglück eine weitaus größere Tiefe besitzt als Freude. Optimisten mögen behaupten, dass das Vergnügen die Qualen überwiegt. Schopenhauer hielt dagegen und zog den Vergleich zwischen zwei Tieren, von denen das eine das andere frisst. Wer hat die intensivere Erfahrung: das Tier, das genießt, oder dasjenige, das bei lebendigem Leib verzehrt wird?
Schmerz ist eine positive Erfahrung im Sinne seiner Präsenz; er lässt seine Existenz unmittelbar fühlen. Vergnügen, Zufriedenheit und Glück hingegen sind lediglich die Abwesenheit von Schmerz. Es ist die kurze Erleichterung, die wir spüren, wenn ein drängendes Bedürfnis gestillt wird. Der Schmerz ist tiefer, stärker und weitaus ausdauernder als jeder flüchtige Moment der Freude.
Philosophen wie Emil Cioran, die stark von Schopenhauer beeinflusst wurden, erkannten ebenfalls, dass Leiden schwerer wiegt. Die Liebe beispielsweise fungiert oft nur als Schmerzmittel, das uns temporär von der Qual der Isolation befreit. Im Alter haben wir unzählige Brände gelöscht und uns dabei immer wieder verbrannt. Dass daraus Bitterkeit resultiert, ist kein Wunder, sondern die logische Konsequenz eines schmerzhaft unterwältigenden Lebensweges.
Das Ende des Stücks und die Empathie
Gegen Ende des „Theaterstücks“ realisieren viele, dass die Vorstellung den Eintrittspreis nicht wert war. Der Schwindel wurde entlarvt, die Eintrittskarten waren eine Fehlinvestition. Wir haben auf dieser emotionalen Achterbahnfahrt genug Gepäck angesammelt, um unter der Last der Enttäuschung einzuknicken. Selbst neue freudige Ereignisse reichen oft nicht aus, um die Altlasten der vergangenen Jahrzehnte zu kompensieren.
Schopenhauer schrieb, dass in späteren Jahren die Enttäuschung über das Leben die Oberhand gewinnt. Wir sehnen uns nach der Zeit zurück, als der Vorhang noch geschlossen war und die Hoffnung noch existierte. Doch diese tragische menschliche Bedingung ermöglicht auch eine wichtige Entwicklung. Schopenhauer nannte sie das Notwendigste im Leben: Toleranz, Geduld und Nächstenliebe.
Unsere Erfahrungen können uns bitter machen, aber sie können auch unser Mitgefühl für unsere Leidensgenossen vertiefen. Wenn wir erkennen, dass jeder Mensch mit denselben hohlen Illusionen und denselben tiefen Schmerzen kämpft, wandelt sich die Bitternis im besten Fall in eine stille Solidarität. Am Ende sitzen wir alle im selben sinkenden Boot, und diese geteilte Endlichkeit ist das Einzige, was uns wahrhaft verbindet.
Warum wir im Alter verbittern // Arthur Schopenhauer:
___
[via Einzelgaenger]
Kommentare


