Jarrod Lawson – „Just Let It“ // Perfekter Raum für modernen Soul

Jarrod Lawson hat mit seinem neuen Album „Just Let It“ ein musikalisches Gebäude errichtet, das vor allem durch seine Inneneinrichtung besticht. Der Künstler, der erst mit 37 Jahren sein Debüt gab, nachdem er zuvor jahrelang als Steinmetz seinen Lebensunterhalt verdiente, übernimmt auf diesem Werk fast jede Rolle selbst. Er spielt die Keyboards auf jedem einzelnen Track, übernimmt die Lead- und Background-Vocals und fungiert als sein eigener Produzent. Das Ergebnis ist eine Produktion, die sich durch eine bemerkenswerte Dichte auszeichnet. Die Akkorde erhalten den Raum, den sie benötigen, um voll auszuklingen, bevor der nächste Wechsel erfolgt. Besonders sein Falsett beeindruckt durch eine Klarheit, die über den instrumentalen Arrangements schwebt. Wenn Lawson seine eigenen Harmonien mehrfach schichtet, entsteht ein stimmliches Geflecht, das so präzise aufeinander abgestimmt ist, dass man kaum glauben mag, dass hier nur eine einzige Person am Werk war.
Die musikalische Umsetzung steht hier klar im Vordergrund und zeugt von Lawsons tiefem Verständnis für komplexe Arrangements. Er entscheidet sich oft für eine lyrische Offenheit, die den instrumentalen Passagen viel Raum zur Entfaltung lässt. Diese bewusste Reduktion in den Texten sorgt dafür, dass seine Stimme als emotionales Bindeglied fungiert und den Hörer direkt abholt. Seine handwerkliche Herkunft spiegelt sich in der enormen Disziplin wider, mit der er die Tasteninstrumente beherrscht. Dabei fließen Einflüsse von Größen wie Chick Corea oder Ravel ganz natürlich in seinen modernen Sound ein und verleihen den Stücken eine zeitlose Eleganz.
Jarrod Lawson x Just Let It – Soziale Realität und der Kampf um die eigene Heimat
Ein herausragender Moment des Albums ist ohne Frage der Song „Smoke Me Out“. Hier zeigt Jarrod Lawson, dass er durchaus in der Lage ist, konkret und packend zu erzählen. Über einer markanten Basslinie singt er von seiner Jugend auf der South Side einer Stadt, in der Zehnjährige bereits mit Waffen hantieren und die Politik nur leere Versprechungen zur Säuberung der Straßen macht. Besonders stark wird das Stück, wenn er reale Personen wie Mrs. Jones erwähnt, deren Sohn durch Gewalt ums Leben kam. Er stellt die berechtigte Frage, wie eine Gemeinschaft heilen soll, wenn Menschen wie er sich einfach zur Flucht entscheiden. Während viele ihn drängen, die Gegend zu verlassen, weigert er sich, sich vertreiben zu lassen. Diese konkreten Schilderungen verleihen dem Album eine Erdung, die in anderen, eher vage gehaltenen Liebesliedern manchmal vermisst wird. Hier bekommt das Album ein Gesicht und eine Geschichte, die über das rein Musikalische hinausgeht.
Humorvolle Duelle und die lyrische Kraft der Gäste
Ebenfalls bemerkenswert ist die Zusammenarbeit mit Allen Stone in dem Titel „There Can Only Be One“. Über einer energischen Horn-Section liefern sich die beiden ein fast schon komödiantisches Duell. Sie thematisieren ihre Ähnlichkeit als soul-singende weiße Jungs aus dem pazifischen Nordwesten und frotzeln darüber, ob die Welt eigentlich genug Platz für beide bietet. Lawson wirft Stone scherzhaft vor, seine Musiker abzuwerben, während Stone mit Komplimenten antwortet, die gleichzeitig die Konkurrenzsituation aufgreifen. Diese humorvolle Note lockert die Stimmung des Albums auf und zeigt eine sympathische, selbstreflexive Seite des Künstlers.
Interessanterweise sind es oft die Gast-Rapper, die auf diesem Album die schärfsten Texte abliefern. JSWISS bringt in „Let Your Heart“ eine beeindruckende Metaphorik ein, wenn er über das mentale Tennisspiel bei Entscheidungsfindungen rappt. Er stellt klar, dass der Verstand zwar die Richtung vorgibt, aber erst das Herz die Sprache formt. Noch stärker präsentiert sich donSMITH in „Head-On“. Seine Zeilen über die Unmöglichkeit, sich den Erfolg mit künstlicher Intelligenz zu erschleichen, treffen den Zeitgeist. Die Beschreibung seiner Mutter als „Mona Lisa in Carhartt“ ist eines der stärksten Bilder auf der gesamten Platte. Diese Beiträge ergänzen Lawsons eher sanfte Herangehensweise perfekt und geben den Songs eine zusätzliche Ebene an Relevanz.
Persönliche Einblicke und emotionale Reife
Thematisch spielt auch seine Ehefrau Evalee Gertz eine große Rolle. In Stücken wie „Authentically Me“ gibt sich Lawson verletzlich und beschreibt sich als kleinen Jungen, der erst lernen musste, sich selbst zu vergeben. Auch wenn die Schilderungen dieser Beziehung oft im Allgemeinen bleiben, macht die Wärme in seiner Stimme die Dankbarkeit greifbar.
Die Produktion lässt ihm den nötigen Platz, um diese Emotionen zu transportieren. In „Do Whatchu Gotta“ zeigt er zudem eine schmerzhafte Reife, wenn er das Ende einer Beziehung akzeptiert und einräumt, dass die Partnerin mehr verdient hat, als er geben konnte. Am Ende ist es vor allem die Kombination aus Lawsons außergewöhnlichem Können an den Tasten und der Qualität der eingeladenen Gäste, die dieses Album zu einem Erlebnis macht. Lawson (Youtube) hat den Raum geschaffen, und auch wenn die Gäste die Möbel mitbrachten, ist es sein Fundament, das alles trägt.


