Tagebucheintrag zum Krieg in Europa, Tag 47

Wenn man begreift, dass man nicht seine Gedanken ist

Die simpelste Form der Erklärung für das, was häufig als „bewusstes Erwachen“, also als Conscious Awakening oder Spiritual Awakening bezeichnet wird. Man hat endlich verstanden, dass man nicht die Stimme in seinem Kopf ist, die dieses vorgibt und die nie aufhört zu sprechen. Man erkennt, dass man sich sein Leben lang unbewusst mit dem unaufhörlichen Strom seiner eigenen Gedanken identifiziert hat, was natürlich vollkommener Quatsch ist. Aber so leicht das auch klingen mag; da muss man erst einmal drauf kommen.

Alan Watts sagte, dass diese Erfahrung meistens zwischen dem 40. und 45. Lebensjahr auftritt, das war allerdings zu seinen Lebzeiten, also in den 1960er Jahren. Seitdem ist viel geschehen, der Bereich der Consciousness wurde weiter erforscht und erfreute sich einer immer größer werdenden Beliebtheit. Es ist aber auch sehr viel geschehen, was das Gegenteil, also eine absolute Unachtsamkeit, vorangetrieben hat. Das schlimmste von Allem ist da in unserer aktuellen Zeit ganz sicher Social Media, was den Ablenkungen von jeder Achtsamkeit noch einmal die Krone aufgesetzt hat. Früher war das einmal die Religion, dieses Thema wurde 1843 von Karl Marx als Opium des Volkes announced, er beschrieb sie als „Ein Seufzer der bedrängten Kreatur, Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist“.

Gimme more Geist geistloser Zustände

Also gib‘ her, all die billigen Ablenkungen. Gib‘ mir irgendwas, was mich davon abhält, in mich hineinzuschauen, mit mir allein zu sitzen. Die völlige Verantwortung und für mich und mein Handeln zu übernehmen oder wenigstens zu verstehen, warum ich ständig so handele wie ich es tue. Warum ich immer wieder in dieselben Muster zurückfalle, wie ich lerne, diese Muster geschickt auszublenden. Wie ich mich dumm in einer noch dümmeren Gesellschaft halte, damit ich hier wenigstens in Ruhe mein Ding machen kann.

Mein gesamtes Umfeld halte ich mir auch schön dumm, damit ich nicht Gefahr laufe, auf andere Gedanken zu kommen, die ich nicht verstehe, weil ich sie gar nicht verstehen will. Weil mein logisches Denkvermögen da immer an Grenzen kommt, die mich fast verrückt machen und das will ich ja nicht. Ich will die Welt so verstehen, wie ich sie mein ganzes Leben lang verstanden habe, auch wenn ich genau weiß, dass sie so nicht ist. Aber logisch komme ich da einfach nicht weiter und fühle mich hilflos, als wäre ich ohnmächtig. Und genau an dieser Stelle bleibe ich lieber bei der Realität, die ich kenne, die ich mir selbst zurechtgelegt habe. Meinem Umfeld gefällt das.

Ein Leben wie im „Meine Schulklasse“ Buch

Ich kenne Menschen, die mit 50 immer so noch leben, wie sie es im „Das ist meine Schulklasse“ Ersatz-Poesiealbum aus den 80er Jahren beschrieben haben. Das erste Mal Identität, wer bin ich, was mag ich. Da wurden aber auch wirklich die wichtigsten Fragen des Lebens gestellt, da kann man also gerne mal den Grundstein für das eigene Ich legen, welches dann unverändert bis zum Tode genau so weitergepflegt wird.

Was sind Deine Lieblingsfächer und welche findest Du doof. Was ist Dein Lieblings-Essen, -Sport (und Sportmannschaft), -Buch und -Lied. Ich habe bestimmt 20 oder 30 mal in so ein Buch meiner Mitschüler geschrieben, mit zehn Jahren mochte ich Pizza, Spaghetti und Hamburger mit Pommes. Ich mochte Fußball und war HSV-Fan. Statt Bücher habe ich Comics gelesen (Yps, MAD und Clever & Smart) und ich hörte die Neue Deutsche Welle (Trio, Spider Murphy Gang, Falco und Nena).

Bunte Turnschuhe und Mützchen mit coolen Logos

Nehmen wir an ich hätte mich damals bereits mit meinen Gedanken identifiziert und hätte einfach nur aufgeschüttet, statt mich zu entwickeln. Dann würde ich jetzt mit 50 immer noch Hamburger mit Pommes fressen und dazu eine krebsbringende Zuckerplörre saufen. Und ich sammelte auch heute noch Yps-Comics und bunte Turnschuhe und Mützchen mit coolen Logos. Und ich hörte immer noch Nena und Markus und Extrabreit, weil Musik sich nie wieder so geil angefühlt hat wie damals.

Kann man ja alles machen und wer bin ich, erwachsenen Menschen ihren Kinderspaß madig machen zu wollen. Naja, ein bißchen enlightened eben und mir wird schnell langweilig mit lahmen Scheiß und schlechtem Essen. Ego & Identität sind nur eine von vier Dimensionen des menschlichen Geistes, meines Erachtens die Peinlichste. Wenn der Mensch es doch nur schaffen würde, sich nicht mit so vielen Dingen des alltäglichen Lebens zu identifizieren, sich dadurch zu klassifizieren und sich somit selbst in kleinste Schublädchen zu stecken, dann würde es momentan wohl auch nicht so schlimm um unsere Spezies und den Planeten bestellt sein.

Erst die Pandemie

Zwei Jahre Pandemie, von denen ich mir viel erhofft hatte. Ich war mir sicher, dass im Falle einer weltweiten Virus-Pandemie die Menschheit zur Vernunft kommen würde. Jetzt vielleicht nicht alle und auch nicht sofort, aber zwei Jahre sollten doch wohl reichen, dass Jeder für sich so ein paar alberne Angewohnheiten hinterfragt und sich auf Wesentlicheres konzentriert. Nach Möglichkeit auch nicht nur für zwei Wochen und dann zurück zur Meine Schulklasse-Identität, sondern vielleicht einfach mal grundlegend. Dem eigenen Gewahrsein mal eine neue Lackierung verpassen, das Bewusstsein, die Wahrnehmung mal den Umständen anpassen. Schluss mit sinnlosem Zeitvertreib, Schluss mit Guilty Pleasure und es steht ja wohl auch außer Frage, dass das verdammte Dschungelcamp in dieser Zeit einmal nicht gedreht und ausgestrahlt wird. Die Autoren sind doch pfiffige Zeitgenossen, die werden doch nicht in Krisenzeiten eine weitere Ration Volksopium produzieren, letztlich wollen die doch auch nur glücklich leben.

Am Ende: doch. Und es gab sogar noch weitere Reality TV Formate. Dazu große Sportveranstaltungen. Dann kam ein Impfstoff, aber nur 60% der Deutschen haben sich gefreut. 20 Millionen Deutsche wollten den nicht, sie hatten Angst, man würde ihnen GPS- und Seelenauslesechips injizieren, die über 5G ausgewertet werden könnten. Beweise gab es dafür nie, nur Mutmaßungen von einem Vegankoch und zwei Schlagersängern, denen 30% der Deutschen mehr vertrauten als der Wissenschaft.
tl;dr: Diese zwei Jahre waren komplett für die Katz.

Dann der Krieg in Europa

So als hätte sich das Universum die verpasste Chance angesehen und den russischen Diktator jetzt endlich mal final losgeschickt. Dass dem der Kittel brennt ist seit Jahrzehnten bekannt, aber wir mussten ja unserer Meine Schulklasse-Identität gerecht werden. So wie wir den Obdachlosen auf der Straße ignorieren, so wird auch der Diktator ignoriert. Völlig egal, wo der herkommt. Hauptsache er ist so weit weg, dass er mir meine Quadruple-Cheese Salamihack-Pizza plus Spezi und die Stadion-Dauerkarte nicht wegnehmen kann, weil Alles bis auf mein Befinden scheißegal ist. Mein Gutmensch-Dasein expandiere ich einfach weiterhin mit fünf Sekunden gefälschter Anteilnahme beim Nachrichtengucken und indem ich bei politischen Popkultur-Podcasts zustimmend mitnicke und die Messages jeden Tag verbreite. Sollte reichen.

Liebes Tagebuch, wir schreiben heute Tag 47 des Krieges in Europa. 4,5 Millionen Menschen sind aus der Ukraine geflüchtet, 25.000 Ukrainer wurden bis heute getötet, darunter 8.125 Zivilisten (Quelle). Nach Dekaden wird wieder überlegt, ob wir in Europa nicht auch ein paar Atombomben bräuchten, der neue Kanzler plant 100 Milliarden für Aufrüstung. Der Russe ist sauer und hat seine Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt, die Frage ist eigentlich nur, wann und wohin die erste seiner 6.200 Bomben fliegen wird. 80% der Russen glauben ihrem Diktator und vertrauen auf sein Verschwörungsgeplapper, genau wie 30% der Deutschen vor nicht allzu langer Zeit dem Verschwörungsgeplapper des Vegankochs und der beiden Schlagersänger vertraut haben. Die Menschen gucken Germanys Next Topmodel und weitere Reality-Formate und im November/Dezember findet die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar statt, für welche bereits im Vorfeld 15.000 ausgebeutete Gastarbeiter verstorben sind. Meine Frage dazu? Ich habe keine.

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