Rock’n’Roll-Verwaltungsfachangestelltismus

Heute Nachmittag hatte ich einen relativ offiziellen, privaten Termin. Worum es genau geht, kann ich aus datenschutzrechtlichen Gründen leider nicht mitteilen, nur soviel: Amt. Ich gehe da also mit meinem Anliegen in dieses Amt und treffe am Empfangstresen… niemanden. Die Empfangsdame kommt nur wenig später mit vollem Mund aus dem hauseigenen Sozialraum auf mich zu. Ein Fitzelchen ihrer Bulette quillt ihr noch aus dem Mundwinkel, ferner scheint sich etwas Löwensenf ins Kinngrübchen verflüchtigt zu haben. Atem war trotzdem okay.

Sie führte mich zu meinem zuständigen Beamten, welcher gerade telefonisch eingebunden zu sein schien. Der adrett gekleidete und für sein Alter recht junggebliebene Mann drehte sich im Bürostuhl Richtung Türrahmen, in welchem ich schulterzuckend auf schnelle Hilfsdienste hoffte. Mit zusammengeniffenen Augen, den am Hals eingeklemmten Telefonhörer und mit vier erhobenen Fingern an der linken und einem Fingerzeig auf mich mit der rechten Hand schien er mir etwas mitteilen zu wollen. Entweder soll ich mir jetzt drei Überbrückungs-Biere holen oder 5 Minuten warten, genauer kann ich diese Gestik nicht dechiffrieren. Kommt vermutlich aus dem Hüttenwesen. Oder aus Fiefbergen. Vielleicht spielt er auch Luft-Kontrabass, aber woher sollte ich das denn wissen?

Darum geht es hier ja auch gar nicht. Bezeichnend war, dass er privat telefonierte. Er brauchte eine Bankbürgschaft in irgendeiner Mietangelegenheit und schien bei seiner Hausbank gerade alle Möglichkeiten zu eruieren. Dabei beeindruckte ihn die Tatsache wenig, einen schulterzuckenden Klienten im Türrahmen stehen zu haben. Ich beschloss, die Wartezeit für einen Toilettengang zu nutzen – Bier haben die hier im Amt ja ohnehin nicht und wenn, bestimmt nur Warsteiner. Nach fünf Minuten war es dann soweit, der feine Herr bat zur Audienz. Kaum hatte ich mein Anliegen vorgetragen, klingelte sein Handy. Wie praktisch, ein Jamba-Abonnent! Und ich dachte immer, man hätte die furzenden Weihnachtstassen nur im Dezember im Programm. Naja, ist wohl Premium-Kunde dort. Am Telefon die Bank. Man hätte jetzt eine Lösung für die Bürgschaft, jedoch keine, die mein zuständiger Ansprechpartner sich gewünscht hätte; so deutete ich jedenfalls sein lautstarkes „Das ist große Scheiße! Meine Ex schuldet mir noch 5 Riesen und auch sonst habe ich überall offene Forderungen – und jetzt soll ich dafür Zinsen zahlen?“. Ich muss nicht Schäuble sein, um mir jetzt ein treffsicheres Bild über meinen Sachbearbeiter machen zu können. Aber schön zu sehen, dass jetzt auch in verstaubten Amtsstuben scheinbar etwas Laissez-faire Einzug zu halten scheint. Natürlich habe ich den guten Mann weiter telefonieren lassen, auch wenn das Gespräch länger als 10 Minuten dauerte. Und das war eine gute Entscheidung, denn sonst hätte ich seine Abschiedsformel nicht mehr mitbekommen: „Und jetzt bekomme ich die Scheiß-Bürgschaft nicht, weil meine Ex ihren Anwalt bumst und meint, mich nicht auszahlen zu müssen? Dann gehe ich halt zur Sparkasse.“, legt auf und dreht sich zu mir um. „So, nun zu ihnen. Sie haben die Vollmachtserklärung mit?“.

Mächtig. Von dem kann ich noch was lernen.

Kommentare

32 Antworten zu “Rock’n’Roll-Verwaltungsfachangestelltismus”

  1. hoeller sagt:

    …und zwar nicht zu heiraten!
    Cheers

    hoeller

  2. Gibt es was von Bas bei Jamba?

  3. Westpfalz-Johnny sagt:

    geht nichts über ne gepflegte Konversation…

  4. suzan sagt:

    solche geschichten sind typisch…du gehst wohl nicht so häufig ins amt? ich muss da täglich hin :-(

  5. Matra Ze sagt:

    LOL, herrlich.

    Mal was anderes: Deine Geschirrspüler-Empfehlung an der Seite ist für mich nicht optimal. Teste doch mal eine in kleiner Bauweise, eine Art Single-Spülmaschine. Ein Vergleichstest über ca 5 Geschirrspülmaschinen wäre noch besser.
    Ich vertraue nur Deinen Tipps. Den gestreiften Pullover habe ich schon gekauft, der ist super!

  6. Ole sagt:

    Seltsam. Und ich dachte, ich allein ziehe solche Geschichten an. Unglaublich. Famos! So bescheuert diese Situationen im ersten Augenblick sein mögen – am Ende sind sie beinahe Gold wert und genau die Ablenkung vom schnöden Alltagsallerlei, die das Leben spannend und erzählenswert macht. Jawoll!

  7. Ole sagt:

    Watt steht da denn neuerdings für’n komischer Link bei mir unten drunter?! Seltsam. Da haben wir’s doch schon wieder. Aber immerhin behoben. Oder? Egal. :)

  8. Kathrin sagt:

    Vielleicht hat er Sie mit George Michael verwechselt und wähnte sich in der trügerischen Sicherheit, Sie sprechen nur Griechisch und Englisch ;-)

  9. Der Mitch sagt:

    Den ersten Absatz habe ich letztens bei der Polizei erlebt. Ich vermute ja, dass es eine einheitliche Taktik bei Ämtern ist…was die aber nun damit bezwecken…?

  10. Scholli sagt:

    Deutsche Amtstuben und Warsteiner, das würde wirklich zusammen passen. Beides hinterlässt einen schalen Geschmack auf der Zunge und Kopfschmerzen. An die Amtsstuben kann man sich ja gewöhnen, aber Warsteiner schmeckt nach dem zehnten auch nicht besser.

  11. matze sagt:

    Buletten, Löwensenf und Warsteiner sind wahrscheinlich die einzig verlässlichen Dinge in unseren Ämter. Der Rest ist aber schon souverän für so Staubtrockene Umgebungsluft.

  12. SirPeezey sagt:

    Hell yeah! So geht´s in deutschen Amtsstuben tagtäglich ab… ;)

  13. Erdge Schoss sagt:

    Laissez-faire in Amtsstuben, werter Herr Winkelsen …

    meine Stimme haben Sie, wenn Sie in Kiel zur
    Bürgermeisterwahl antreten.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  14. matz-o-man sagt:

    grosser Eintrag, gefällt mir gut. Solche Alltags-Nebenbei-Dinger. Sehr schön.

    Kennst du die Neon? Da gibt es immer so ganz kurze Geschichten von Lesern. So in 4 Sätzen. Über so Alltagssituationen die absurd oder komisch sind. Da blätter ich immer als erstes hin.

  15. Silka sagt:

    alles nicht so schön. aber für die empfangsdame habe ich etwas verständnis . erfahrungsgemäß haben die nicht wirklich eine pause. so müssen sie immer schnell mal ins büro abbeißen, und schnell wieder raus gucken ob kundschaft am tresen ist. der belag sollte allerdings kundenfreundlich sein.;)

  16. Also ich persönliche glaube auf dem Amt und im öffentlich Dienst werden alle die Menschen gesammelt, für die andere Unternehmen die Schwerbehindertenabgabe zahlen. Anders kann ich mir das teilweise nicht erklären.

  17. Nightfalcon sagt:

    Scheiße LOL
    Ich dachte echt, Du erzählst über meine Amtsgänge.

    Wenn Du nochmal hin musst, bereite Dich schonmal vor, dass Dir wieder sowas passiert!

  18. MC Winkel sagt:

    @ hoeller: Da sagen Sie was!
    @ romensen: Ja, mit Abo die 73.
    @ Westpfalz-Johnny: Kann man mal sehen, was Warsteiner aus den Menschen macht!
    @ suzan: Au Backe. Herzliches Beileid!
    @ Matra Ze: Danke. Und: Nee, das Thema „Geschirrspüler“ ist erstmal abgehakt!
    @ Ole: Und ich wusste gleich: SUPER – das bloggste heute Abend! :)
    @ Kathrin: DAS wird es sein! :)
    @ Mitch: Oder einfach nur Mittagspause! :)
    @ Scholli: Sie sagen es. Wie kommt es eigentlich , dass Warsteiner so Kopfschmerzen macht?! Ich vermute ja immer noch Scientology dahinter!
    @ matze: Hab ich nämlich auch gleich gedacht…
    @ Peezey: Und DU weisst, wovon DU redest! :)
    @ Erdge Schoss: Das ist fein! Aber dürfen Sie als Ginsheimer überhaupt hier in Kiel wählen?
    @ matz-o-mann: Jo, kenn diese Sparte. Les das allerdings nicht regelmäßig.
    @ Silka: Naja, vielleicht war es ja eine Putenbulette?!
    @ MiM: Nanana! Passen Sie bloß auf, Finanzbeamte sind meine Hauptzielgruppe hier auf whudat.de!
    @ Nightfalcon: Wie jetzt? Immer Buletten, Löwensenf und cholerische Sachbearbeiter?

  19. creezy sagt:

    Hast Du mal überlegt den Namen von dem Mann an ein paar Kredithaie zu verkaufen?

  20. Scholli sagt:

    @ MC Winkel: Wenn es die Scientologen sind, dann sind sie im Biergeschäft sehr aktiv. Ich würde sie dann auch bei Paderborner, Oettinger und Küppers Kölsch vermuten. Schmeckt alles auch aus der Flasche nach Büchse und macht übles Schädeldröhnen. Sehr ausgeklügelte Unterwanderungstaktik, wenn.

  21. Inge Borg sagt:

    @scholli & MC:
    Also die Koppschmääärzen kommen sicher weder von der Gerstenbrühe, noch von den Kollegen. Vielleicht seid Ihr ja in dieser Schleife gefangen :-)

  22. graefin_zahl sagt:

    ich sag jetzt lieber nicht was ich beruflich mach und wo ich arbeite *schäm*

  23. Robby sagt:

    Naja, immerhin kann er berufliches und privates scheinbar trennen. Zumindest dem Kunden gegenüber :D
    Was wurde eigentlich aus der Überfall-Geschichte von/mit „dir“?! :D Dafür wirst du heute ja kaum unterwegs gewesen sein. Vollmachtserklärung, uhm

  24. thegrouch sagt:

    Ich hab schon zu Taschengeld-Zeiten gelernt, dass man auf gar keinen Fall irgend jemandem auf diesem Planeten Geld leihen darf. Und erst recht nicht jemandem, mit dem man liiert ist.

    @ Ole: ich tippe darauf, dass du die Eingabefelder „Mail“ und „Website“ verwechselt hast. :)

  25. hat dieser typ sich nicht einmal bei dir für sein verhalten entschuldigt!? ich glaube, ich wäre in die luft gegangen.

  26. Erdge Schoss sagt:

    Wenn ich wählen will, Herr Winkelsen,

    dann wähle ich, wir leben schließlich in einem freiem Land.
    Wollen Sie denn etwa auch Bürgermeister werden?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  27. La Frau Fatale sagt:

    nicht nur auf ämtern kann man zickig laissez-faire… ; )
    naja, SIE scheint ja mal alles richtig gemacht zu haben, hat nen schicken anwalt und seine 5000 noch dazu…gut gemacht! weitermachen!

  28. Ole sagt:

    Herr Grouch, die Vermutung liegt nahe. Aber eigentlich habe ich hier seit Monaten nix umgestellt. Sei’s drum. Irgendwas ist ja öfter mal. Und MC: Abwarten und Holsten trinken. Es werden schon noch wieder neue haarsträubende Geschichten kommen. :)

  29. Jata sagt:

    Schneller wäre es gegangen, wenn Sie dem armen Herrn die Lösung seines Dilemmas unterbreitet hätten: Die Richterin bumsen. Richterin trumpft Anwalt.

  30. Patsy Jones sagt:

    Warum passiert mir nie sowas schönes worüber ich bloggen könnte?!! :( Ich glaub ich geh jetzt meine Mama bald mal wieder oben auf der Polizeidienststelle besuchen, da passieren auch manchmal schöne Dinge.

  31. Nightfalcon sagt:

    Nee, immer irgendein Choleriker, immer die Warterei, immer dumme Sprüche.
    So wie beim bloggen halt ;-)

  32. Auf den letzten Satz des Beraters war ich nicht gefasst :D Herrlich, so früh am morgen ;)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.