Robert Glasper veröffentlicht „Let Go“: Wenn Jazz zur Meditation wird

Robert Glasper gehört seit Jahren zu den einflussreichsten Stimmen des modernen Jazz. Mit Let Go schlägt er nun einen deutlich ruhigeren Ton an – ein Werk, das sich bewusst von den genreübergreifenden Impulsen der Black Radio-Serie entfernt. Statt urbaner Energie und Hip-Hop-Beats erwartet die Hörer eine fließende, fast schwerelose Klanglandschaft. Robert Glasper selbst beschreibt das „Let Go“-Album als eine Reise zur inneren Mitte – und genau das hört man mit jedem Ton.
Der Sound des Loslassens
Let Go ist kein Album, das sich aufdrängt. Es verlangt Zeit, Aufmerksamkeit und ein offenes Ohr. Vom ersten Track an fließt die Musik organisch dahin, ohne klassische Songstrukturen oder eingängige Hooks. Die Stücke verbinden sich über Stimmungen, nicht über Refrains. Es ist ein Werk, das wirken will – leise, aber tief. Dafür setzt Glasper auf ein eingespieltes Team: Kendrick Scott am Schlagzeug liefert rhythmische Texturen, die sich wie Wasser durch das Album ziehen. Burniss Travis am Bass sorgt für ein warmes, melodisches Fundament, während Chris Sholar mit subtiler Gitarre Akzente setzt.
Intime Klangmomente
Auch wenn das Album überwiegend instrumental gehalten ist, gibt es einige gezielte vokale Beiträge. Herausragend ist dabei „Breathing Underwater“ mit der unvergleichlichen Meshell Ndegeocello. Ihre Stimme fügt sich nicht einfach ein – sie verschmilzt mit dem Arrangement zu einem einzigen Gefühl. Hier zeigt sich, wie durchdacht Glasper die wenigen gesanglichen Elemente platziert hat. Es geht nicht um Features als Verkaufsargumente, sondern um Stimmen, die zur Atmosphäre passen.
Weitere Highlights sind „Luna’s Lullaby“, in dem Burniss Travis nicht nur Bass spielt, sondern auch eine erzählerische Kraft entfaltet, sowie „Inner Voice“, ein ruhiges Stück, das genau das macht, was der Titel verspricht: nach innen führen.
Persönlicher als je zuvor
Robert Glasper (Website) hat mehrfach betont, wie persönlich dieses Album für ihn sei. Let Go reflektiert seine eigene Entwicklung – musikalisch wie menschlich. Jeder Song steht für ein Kapitel seines Lebens, für ein Gefühl, für einen Gedanken. Diese Ehrlichkeit macht das Album so besonders. Es ist kein Projekt, das auf Charts schielt oder sich am Zeitgeist orientiert. Es ist eine intime Bestandsaufnahme eines Künstlers, der losgelassen hat – von Erwartungen, von Kategorien, von Druck.
Fazit: Mehr Gefühl, weniger Form
Let Go ist kein lautes Album. Aber es ist ein wichtiges. Es zeigt, dass Jazz auch dann relevant bleibt, wenn er nicht nach Aufmerksamkeit schreit. Dass Reduktion kein Mangel ist, sondern ein Statement. Wer sich auf die ruhige Kraft dieses Albums einlässt, wird belohnt – mit einem Soundtrack für Reflexion, Entschleunigung und tieferes Zuhören.


