Nightshiffing

Grundschulzeit, Fußballverein, Konfirmandenzeit, ein paar Jahre auf dem Gymnasium – mein damaliger Buddy Rafael begleitete mich eine ziemlich lange Zeit in meinem Leben. Das beinhaltete natürlich auch sämtliche Ausflüge, in der vierten Klasse nach Amrum, Ferienlager, Konfirmandenfahrt – nur eine Sache machte mich gleich stutziger als Haartrimmer: während wir übrigen Schüler/Konfirmanden freie Platzwahl bei den Etagenbetten hatten, wurde für Rafael stets ein Untenliegen angeordnet. Der Grund dafür zeigte sich am zweiten oder dritten Abend, er war gelb und roch nach Spargel.

Rafaels Bettnässerism ereignete sich nicht jede Nacht, vielleicht so 2-3x die Woche. Er litt darunter, konnte sich auch nicht erklären, warum er seinen nächtlichen Harndrang nicht in den Griff bekam. Ich glaube, er war einfach zu entspannt. Er war ein sorgenfreier Mensch, der sich niemals beklagte, selten traurig war und erst recht nie weinte. Mit 16 wurde er beim Fußballspeilen einmal unsanft von den Beinen geholt. Der Gegner trat ihm auf den Fuß und walzte ihn nieder, das Ergebnis war ein komplizierter Bruch des Sprunggelenkes, sämtliche Bänder waren durch, der Fuß zeigte seinerzeit orthogonal vom Knöchel Richtung Lattenrost, er konnte im Liegen mit ausgestrecktem Bein seine Sohle sehen, es roch nach Blut und Eiter, vom bloßen hinsehen wurde mir schwindelig. Rafel guckte nur kurz, schaute dann zu uns auf, guckte nochmal kurz und erklärte „das muss sicher geröntgt werden!“. In der Klinik blieb er nach der OP nur 4 Tage, trotz Einzelzimmer und Gummimatte.

Es muss mit ausgleichender Gerechntigkeit zu tun gehabt haben. Rafael sah nämlich leider sehr gut aus, sein Vater war ein deutscher Profi-Leichtathlet, seine Mutter italienisches Model. Kein Gramm Fett trotz ausschließlicher Ernährung durch Farbstoffe und Glutamat, perfekter Haaransatz, lupenreine Zahn- und Kieferstellung. Er geriet nie ins Schwitzen, nichtmal nach einem Quadrupluthon (160km-Sprint) und wenn, dann roch er nach Febreze. Er hatte einen tollen Teint, eine respektlosere Ausdauer als hannoveranische Bundespräsidenten und als er bei der Musterung blankzog, sah man aus Strangulierungsängsten vom Hustbefehl ab. Später bekam er sogar noch ein Nebenrollen-Angebot für ein Tarzan-Remake von Warner Bros – als Liane. Ich war mir sicher, dass bei so einer perfekten Gestalt selbst das Ejakulat nach oreoischer Vanillecremefüllung schmecken würde, fragte aber nie.

Irgendwann ging es bei ihm dann auch mit den Mädels los, dennoch waren Fremdübernachtungen für ihn nach wie vor eine Farce. Wenn er mal irgendwo über Nacht blieb, quälte er sich, wachzubleiben, zusätzlich lief er alle 15 Minuten auf die Toilette. Er wollte meinen Rat, ob ich denn nicht irgendeine Idee hätte, wie er sich das unkontrollierbare Nightshiffing abgewöhnen können würde. Ich schlug vor, einfach ein paar Nächte mit den Händen im warmen Leitungswasser einzuschlafen, wodurch sich die Bettströmung leider nur intensivierte. Da es von Calvin Klein keine Windeln gab, überlegte ich in Richtung Watte-Pfropfen oder wenigstens an platzfeste Kondomerie-Artikel mit Spezial-Füllvermögen oder unsichtbaren Außentanks, aber soviel ich auch googelte: nichts. „Es tut mir leid, MarcoRafael, aber bis auf den Valium-Katheter Selbstversuch habe ich keine weitere Ideen, sorry!“. „Macht nichts.“.
Ob und wie Rafael seine Einässproblematik in den Griff bekommen hat, weiß ich nicht, mit 21 ging er mit seiner Mutter zurück nach Italien. Ich hoffe, es läuft. Also, so im Allgemeinen.

Kommentare

9 Antworten zu “Nightshiffing”

  1. Slavefriese sagt:

    Haha, es war gelb und roch nach Spargel ;-) Wieder mal top story!!

  2. Sebastian sagt:

    Er geriet nie ins Schwitzen, nichtmal nach einem Quadrupluthon (160km-Sprint) und wenn, dann roch er nach Febreze…

    Bester Satz aus deinem Beitrag, gefällt mir die Geschichte ;)

  3. Gilli Vanilli sagt:

    also ma ganz ehrlich das einer mit 16 noch einschifft hab ich noch nie gehört

  4. MHW sagt:

    @GilliVanilli: Ich glaube Du mußt heute ganz stark sein. Da draußen gibt das Dinge die Du vermutlich nicht wissen möchtest

  5. n1Ls sagt:

    „Ich hoffe, es läuft. Also, so im Allgemeinen“

    Ich musste laut lachen, wie bei den meisten deiner Storys – köstlich.

  6. jens m sagt:

    wie immer Tippi Toppi !

    Design, Fashion, Mixtapes finden wir ja gut, aber es müssen wieder mehr Geschichten vom jungen MC her.

  7. Erdge Schoss sagt:

    Konnten, werter Herr Winkelsen,

    oder wollten Sie Rafael nicht Ihre Bettflasche borgen?

    Herzlich
    Ihr Schoss

  8. DetlefLaMiron sagt:

    Legendäre Geschichte! :)

  9. moah watt fieeeees….. soviel zum thema „entspannter chronischer harndrang“

    und marc.. äähh rafael noch nicht gefacebookt?^^

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