Lehrjahre sind keine Herrenjahre 312: „Mahlzeit!“

Ich lernte zusammen mit sieben anderen Auszubildenden in einem Lehrjar und egal, wer von uns zu spät kam: irgendein Lehrmeister stand immer hinter dem Verkaufstresen und begrüßte den Verspäteten mit einem lautstarken „Mahlzeit!“. Meistens war es Ihlmann, ein kleinerer, rothaariger Drops, den ich damals schon nicht ernstnehmen konnte. Ihlmann stand immer irgendwie schief im Raum. Zudem hatte er Brillengläser so dick wie Aschenbecher, welche die Brille durch ein entsprechendes Gewicht immer zum Rutschen brachte. Kennt Ihr den Gesichtsausdruck, der beim handlosen Hochschieben einer Brille entsteht? Durch ein Nasenrümpfen schiebt sich zwar die Brille automatisch ein Stück weit nach oben, leider sieht man in diesem Moment aber so aus, als würde eine unsichtbare Käseglocke die Fresse mittig in einen Sog strudeln. Und so sah Ihlmann halt irgendwie immer aus. „Mahlzeit!“.

Auch wenn wir alle kaufmännische Auszubildende waren: zwei Jahre musste Jeder erstmal im Lager schuften. Am schlimmsten war übrigens das „Freiluft-Lager“, der Hof. Hier wurden Gerüst- oder Schalungskomponenten kommissioniert oder zurückgenommen, gebrauchte Schalungsstafeln und die zu vermietenden Wohncontainer mussten gesäubert werden. Blaumann, Gabelstapler – im Sommer wie im Winter – das ganze Programm. Hier war der ganze Tag ein „Mahlzeit!“, nicht wenige der Auszubildenden haben in ihrer Zeit auf dem Hof mit dem Kiffen angefangen. Das interessierte hier auch Niemanden, das Hofpersonal war spätestens Mittags besoffen und den Gabelstaplerschein hätte man auch nicht verlieren können – es wurde nämlich nie einer gemacht. Umso erfreulicher war also mein kleiner Bänderriss im linken Fuß, welcher operiert wurde. Für mindestens 2 Monate nach meiner Rückkehr durfte ich körperlich nicht arbeiten und wurde zwischenzeitig ins warme Büro versetzt, zu Frau Herkmann. Frau Herkmann war sehr herzlich, immer top gepflegt und kam täglich dekolletiert daher. Es war ein offenes Geheimnis, dass die ledige Ex-Krankenschwester auf jüngere Herren stand und mit unserem Ausbildungsleiter herumgebämst haben soll. Der war zwar knapp 15 Jahre jünger als Herkmann, aber immer noch 15 Jahre älter als ich.

Und so saß ich da nun jeden Tag der Herkmann gegenüber und sortierte Rechnungen. Muss man sich mal vorstellen, von 7:15 bis 16:30, vormittags eine Viertelstunde Frühstück und eine Dreiviertelstunde Mittag – ansonsten: sortieren! Das ist eine Arbeit, die eigentlich von Menschen erledigt werden sollte, die ihre selbst erwürgten Eltern mit ertrunkenen Katzenjungen füttern, während sie FCKW ausatmen und die Steuer bescheißen. Aber immer noch besser als die „Mahlzeit!“’s meiner übrigen Kollegen, denen ich mit einem Kaffeebecher aus dem Bürofenster beim Stapeln von Betonfüßen in 30cm dicken Schneelagen zuprostete. Ich muss zugeben, seinerzeit nicht der Beliebteste gewesen zu sein. Bis zur nächsten Weihnachtsfeier:

Die meisten meiner Azubi-Kollegen saßen beim Hofpersonal und tranken Bacardi-Cola, während ich vier Tische weiter beim DJ-Pult mit Muddern Herkmann mit Bier und Rotwein anstieß. Man kennt das vielleicht: in der schwülstigsten Schnapslaune werden einfachste Schmeicheleien zu superlativsten Lobhudelismen. Und so kam es, dass ich aus Dankbarkeit über meinen aktuell trockenen und warmen Arbeitsplatz mitteilte, wie wohl ich mich fühlte. Wie toll ich meinen so verantwortungsvollen Job finden würde und überhaupt, sie, die Frau Herkmann, sei ja wirklich mal eine tolle Frau! Kaum kamen diese Buchstaben über meine Lippen, fiel Staplerfahrer Kaiser tänzelnd ins DJ-Set. Der Sound verstummte, alle Auszubildenden eilten zur Hilfe und standen plötzlich neben meinem Tisch, als Herkmann den Satz sagte, der in den nächsten 20 Jahren Firmengeschichte tagtäglich wiederholt werden sollte: „Ach Herr Winkelsen, ich hab‘ die Wechseljahre hinter mir und bekomme inzwischen weder die Regel noch Orgasmen. Aber sie sind süß!“.

Drei Wochen später stieg ich dann wieder in den Blaumann. War jetzt auch gar nicht sooo schlecht da auf dem Hof. Mit Kaiser. Und den Schalungstafeln.

Kommentare

29 Antworten zu “Lehrjahre sind keine Herrenjahre 312: „Mahlzeit!“”

  1. feronia sagt:

    Weihnachtsfeiern scheinen gefährlich zu sein…

  2. jens sagt:

    Wow, was für ein Satz.
    ^^

  3. honki sagt:

    Ich brech hier gerade zusammen. Das Ding sitzt wie ne Eins :D In letzter Zeit macht es wieder richtig, also ich meine so richtig, Spaß hier deine Stories zu lesen. Hast ’nen Lauf. Sehr geil, weitermachen ;)

  4. Loverk89 sagt:

    Mahlzeit!
    Weihnachtsfeiern sind doch immer für einen Lacher gut :) genauso wie deine Geschichten.

  5. Perot sagt:

    Da hat sich das Hochfahren des Notebook nach Mitternacht ja doch noch gelohnt: MCs Storys und Filme sind doch irgendwie immer unterhaltsam. Da habe ich z.B. gelernt, dass man Duschgel am Morgen Japanisches Heilöl beimengen sollte und zack – komm ich Nachteule morgens besser „auf Flash“ (diese Redewendung habe ich auch noch nirgendwo anders gehört, aber irgendwie habe ich sie verinnerlicht) – allerdings rauche ich nicht, auch keine Menthol-Zichten, obwohl diese die Wirkung des Heilöls sicherlich positiv verstärken. Und für die nächste Weihnachtsfeier hab ich auch was gelernt: sich niemals zu dicht am DJ-Set aufzuhalten.

  6. gosu sagt:

    sehr geil.

  7. n1Ls sagt:

    Das ist doch niemals so passiert! :D

  8. JP sagt:

    Wenigstens hat sich noch Pointen!

  9. Toby sagt:

    Mir fällt da so nebnbei grade ein. Kommt noch ein Bericht über das „Balls-lännger-fresh Showergel“? Haste doch mal bestellt oder? ;)

    Sehr nette Story für den Morgen.

  10. Elec sagt:

    Hihi. Hab mal studiumsbedingt innem CallCenter gearbeitet und an meiner ersten Weihnachtsfeier mit dem – Obacht! – Gesamtunternehmen ist mir was ähnlich lustiges passiert:
    Während wir lustig GinTonic (was sonst) in uns reinkippten, merkten wir, dass zwei von uns sich abgeseilt hatten.
    René aka „DerGlöcknerVanDamme“ und „FlowerPower“-Sandra. Zwei Gestalten die man sich auch mit Ethanol nicht mehr schönsaufen konnte zischten merklich „unbemerkt“ von Dammen.
    Wir ließen Ihnen ne Viertelstunde und machten uns dann mit dem Team, aber auch mit der höheren, ebenfalls besoffenen, Vorgesetzten auf den Weg ins Center und fanden die zwei FleischKlöpse wie auf des Schlachters Bank wild bämmsend an ihren Plätzen.
    Wir kommentierten das gröhlend, zischten aber ab und hatten (Gesprächs-)Stoff für die nächsten 2 Quartale.
    Was allerdings danach von Seiten der Geschäftsführung abging lies mich auf ewig ein Lebensmotto formulieren:
    „Vermeide oder verlasse Weihnachtsfeiern so früh wie möglich. Sonst endest du wie Kaiser Franz ohne Alibi“.

  11. die anke sagt:

    lieber herr winkel, der montag faengt gut an, sehr gelacht ! fasse mich jetzt kurz, damit sie mir nicht wieder empfehlen einen eigenen blog zu machen, habe verstanden, hoffe ich ; )

  12. Donna sagt:

    Aber die Frage ist doch: was ist aus Ihrem Fuß geworden, Herr Winkelsen?

  13. Scholli sagt:

    Herr Winkel, Frau Herkmann ist mir sympathisch.

  14. denzel sagt:

    um 7:15h war dienstbeginn?
    emser, erzähl keinen mist. wie oft hast du in den drei jahren „mahlzeit“ zu hören bekommen? ^^

  15. Dan sagt:

    Und wieder eine McWinkel Gute-Nacht Geschichte…

    Ich befürchte ich muss mir irgendwann eine Pampers für Erwachsene holen !

  16. norrin sagt:

    Emser am Montagmorgen ist eine feste Bank, sonst natürlich auch, aber da noch mehr. Schließ mich Honki an, supere und runde Geschichte, laut gelacht.

  17. Lia sagt:

    Hehe, überragende Story mal wieder, Grinsen im Wartezimmer inklusive – danke :)

  18. MC Winkel sagt:

    @feronia: Sind sie! :)
    @jens: Welcher jetzt?! ^^
    @honki: Ey Honksen, Alder! Vielen Dank für die Props, ich weiß das zu schätzen. Peace.
    @Loverk89: Danke, Mann. Hoffentlich ist bald wieder Weihnachten. NICHT! :)
    @Perot: Das mit dem Duschgel ist doch aber schon ein paar Jahre her, oder? :) Aber Danke für die Props!
    @gosu: Dange! (Du bist echt seit 6 Jahren der wortkargste Kommentator, geil. *lol*)
    @n1Ls: Warum nicht?
    @JP: Sonst nicht so begeistert heute? :)
    @Toby: Jaja, aber dazu muss ja auch das Wetter erstmal fresh (i.S.v. „warm“) genug sein (und meine Bikinifigur auch! :))

  19. MC Winkel sagt:

    @Elec: Ich hoffe, die beiden haben sich wenigstens geschützt? Konnte man das aus der Entfernung sehen? :)
    @die anke: Um Himmels Willen, NIEMALS! Liebe Anke, schreib‘ mir soviel Du willst hier in die Kommentare, ehrlich wahr! Ich freue mich über jedes Wort. Was ich meinte: Du hast doch auch eine Menge zu erzählen – warum also nicht selbst bloggen?! :) (Deine Söhne würden sich freuen! :))
    @Donna: Alles gut, Donna! Ist nur noch eine 10cm Narbe über… :)
    @Scholli: War sie auch. Weiß gar nicht, was sie heute so macht!
    @denzel: *lol* … klar, bestimmt so 200-300x. Ey, Viertel nach Sieben! WAS?!?! :))
    @Dan: Und das schreibst Du vormittags um viertel vor elf? :)
    @norrin: :)) Danke, freut mich. @Pleitegeiger: Platz 6 ist machbar?
    @Lia: Gerne! (Auch schade, dass man bei Euch nicht kommentieren kann. Warum ist das so?)

  20. Pssst! sagt:

    *notiert* (für in 15 jahren) *prust* :-) wobei zweiteres derzeit… äähh… ja…. in 15 jahren.

  21. Großartige Story. „Mahlzeit“ erinnert mich an alte Zeiten, allerdings habe ich es damals geschafft, mich auf Feiern unauffälliger zu verhalten ;-)
    Gruß
    Fulano

  22. Perot sagt:

    @MC WINKEL: Das mit dem Duschgel ist in der Tat schon ein paar Jahre her, aber da kannst Du mal sehen, was so alles hängenbleibt bei Deinen „Klienten“. ;-)

  23. Pssst! sagt:

    *plingplongtrackback*

    http://www.netzgefluester.net/?p=1487

    (irgendwie klappt des hier net mit dräckbäg) *seufz*

  24. FelixN sagt:

    Wie alt war denn die Alte?

  25. Kati sagt:

    Wow… was für ein Abschluss, ich lach noch immer. Danke Herr Winkelsen, immer wieder für die Rettung eines grauen Tages gut :)

  26. Banquo sagt:

    Frau Herkmann ist ’ne coole Braut. Ende.

  27. H-yo sagt:

    argh…

  28. Marco sagt:

    Woah, die Geschichte ist einfach zu cool. So eine Frau Herkmann gibts aber leider auch nur alle zehn Generationen *g*

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