Lasst uns nach Langeland!

Eine immer mal wieder gern genommene Vorfeier-Alternative in den warmen Monaten der frühen 90er Jahre: eine Butterfahrt nach Langeland/Dänemark. Jeden Samstag gegen Mittag fuhr ein Touristendampfer von der Kieler Förde einmal nach Dänemark und zurück. Es gab keinen langen Aufenthalt, es kostete noch nicht einmal etwas – solche Touren lebten von den einkaufswütigen Anhängern des damaligen Zollfrei’ismus (leider wurde diese Fährlinie im November 2003 nach Beendigung des zollfreien Einkaufes innerhalb der EU eingestellt) und von dem an Bord verlässlich anzutreffenden, außerordentlich spendablen Partyvolk. Kurz: Diese Fähre und wir – wir wurden sehr gute Freunde.

An einem Samstag im Juni 1992 kündigte Beate am Abend ihre Geburtstagsfeier an. Ich war hoffnungslos in Beate verliebt und tat Vieles, um in ihrer Nähe sein zu können. Und da bedurfte es Einiges, denn diese Verliebtheit war relativ einseitig. Könntet Ihr Euch vorstellen, dass Vanessa Hudgens jemals mit einem stark untergewichtigem Oberlippenfläumling mit blauer Hornbrille (plus 3 Dioptrien) und der Attitüde eines provinziellen Teesiebsammlers zusammenkommen würde? Seht Ihr. Aber Hansen, auf den stand sie. Hansen war meine Eintrittskarte. „Meinst Du wirklich, wir sollten heute nach Langeland schippern? Dann sind wir doch schon stark alkoholisiert, wenn wir bei Beate ankommen?!“, frug ich ängstlich. „Eben!“. Hansen, wie immer pragmatischer als schraubverschliessende Kronkorken.

Eigentlich eine gute Idee. Sollen die sich mal schön zulaufen lassen, dann habe ich später auf der Party womöglich als Einziger den Laden im Griff. Und die Weiber stehen ja bekanntermaßen auf zuverlässige, vorschriftsmäßig handelnde Ehren-Männer mit Disziplin! Natürlich. Wie konnte ich jemals so dämlich sein? Träfe ich heute den MC vom Juni ’92, ich bräche ihm den Oberschenkel. Vierfach und trümmerfrakturös. Aber egal. „Und ihr meint wirklich, wir sollten auf der Hinfahrt schon meiern? Dann haben wir doch zur Sportschau schon ’nen Tunnelblick!?“. „Eben!“. Hansen, erneut so rational wie Schuhe mit Klettverschluss.

Ich fasse die Rückfahrt kurz zusammen: Nachdem mehrere, leere Bierkästen den Weg über Bord fanden, ein Aushilfskoch eine Zigarettenkippe in seiner Papiermütze monierte und man Hansen zudem mehrfach erfolglos aufgrund seines rüpelhaften Verhaltens an den Spielautomaten verwarnte, verbrachte er die letzte Stunde vom Sicherheitspersonal angekettet im Heizungsraum. Diese Geste schien Freund Christoph nicht gutheißen zu wollen, seinem Unmut äußerte er urinierend in einen Müllsackständer. Leider benutzte er dazu den mittigsten Eimer des Außendecks, was sogar dem trinkfesten Frauen-Kegelclub „Miezen 69“ missfiel. Die Damen dachten, sie hätten nach dem letzten Junggesellinnenabschied mit dem dreieiigen Stripper Tres-El Huevo aus Porto Alegre Alles gesehen – Pustekuchen. Maßnahme des Sicherheitspersonals: Ankettung im Küchenbereich. Zurück in Kiel wurden Hansen und Christoph direkt der Polizei mit der Bitte um Einweisung in den Ausnüchterungssektor übergeben. Ich informierte Beate, dass die beiden nun verhindert seien und wollte nur mal wissen, ob ich dann vielleicht allei…, „Nein, das wäre ja langweilig. Also für dich, meine ich. Ohne deine Freunde und so! Tschüss dann.“. *klick* Ob Beate Blusen mit Klettverschluss besaß?

Beate ist heute mit einem verbeamteten Verwaltungsfachangestellten verheiratet, Doppelhaushälfte und zwei Kinder. An den Kosten für Nacht auf der Wache beteiligte ich mich trotz Rückfrage übrigens nicht. Sollte ich vielleicht nachholen.

Kommentare

25 Antworten zu “Lasst uns nach Langeland!”

  1. Scholli sagt:

    Ich stell mir das grade sehr lustig vor, aber ich fand das ja auch lustig, als ich mal Freitags nachmittags in einen Zug voller Kasernenheimkehrer und Kegelclubs geraten bin. Ich sag Ihnen: Miezen 69 trifft Faxe auf ex. ;-)

  2. Andre sagt:

    Oh ja, die guten Fahrten mit der Langeland zu jener Insel. Eine Palette Ceres Royal Export auf der Hinfahrt und eine auf der Rücktour. Und wo sind überhaupt die ganzen Butterfahrten geblieben?! ;-)

  3. Lichtmalerin sagt:

    Oh Mann, sind Sie mal froh, dass das damals mit Beate nichts geworden ist. Reihenhäuser mit Dreizentimeterrasen, verbeamtete Heckenschnitte mit Nagelschere und Gartenzwerg… das geht gar nicht. Wo sollten denn dann auch die Herrengedecke hin, von Plüschsesseln zu schweigen?!

  4. Aquii sagt:

    Es hat was, diese Vorstadtidylle mit der fast abgezahlten Haushälfte. Und wenn es nur dazu dient, sich mal wieder bestätigen zu lassen, das man selbst im Jahr 92 schon instinktiv richtig gehandelt hat. Ein Hoch auf die Rasen mähenden deutschen Familienväter ;)

  5. tobi sagt:

    Fällt mir aber immer öfter auf, je älter ich werde: Je interessanter sie früher waren, desto fader werden sie…

  6. fj sagt:

    an die Zeit kann sogar ich mich noch erinnern und das als Westfale.

  7. R0xy sagt:

    Wie trällern Selig schon so schön?!
    „jetzt hängst du rum mit deinen nutzlosen Freunden in geometrischen Gärten auf unaufgeräumtem Glück (…) und trinkst dir in den Nächten die alte Zeit zurück!“
    Ob sie ihr Leben mag?! Hmh…

  8. Langsam zweifle ich etwas an Deinem Frauengeschmack…

  9. graefin_zahl sagt:

    R.SH spielt tatsächlich BAS heute morgen.

  10. FelixN sagt:

    Sie sind Hudgens-affin? WTF!?

  11. Erdge Schoss sagt:

    Ich werd verrückt, werter Herr Winkelsen!

    Bei den Miezen 69 kegelte meine Grüßtante! Sie müssen sie erkannt haben: Sie war Inhaberin eines auffälligen Dekolletees und trug Kontaktlinsen.

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  12. zoee sagt:

    beate war aber doch recht höflich, als sie dich wieder „ausgeladen“ hat. geradezu rücksichtsvoll. die stand bestimmt doch auf dich und du hast es bloss wieder nicht gemerkt.

  13. danimateur sagt:

    Ich hätte Sie, wie schon beim ersten zungenkuss unter einem Vorwand irgendwo hingelockt eingeladen und Butter bei die Fische gemacht.
    Und Frau Hudgens ist bekanntlich ja auch mit einem Ohrschmalzenden Herr Efron liiert.

  14. Donna sagt:

    Schraubverschliessende Kronkorken, werter Herr Winkelsen, haben aber doch echt mal einen eigenen Beitrag verdient! ^^

  15. Scholli sagt:

    @danimateur: HA! Wunderbar, endlich mal noch jemand, der ohrenschmalzend als Beschreibungsmerkmal verwendet. Leonardo DiCaprio gehoert auch so beschrieben.

  16. der kaiser sagt:

    Sie haben Hansen einiges zu verdanken: Der Typ ist un-glaub-lich

  17. oLiGaRcH sagt:

    Genau, was lässt sich eigentlich zum heutigen Hansen sagen, ohne ihn allzusehr zu enttarnen?

    Vier Kinder von vier Frauen?

    Oder Vorsitzender im Dackelclub e.V. ???

  18. Johanna sagt:

    Meiern endet noch nie gut.

  19. Beates Schicksal werde ich, wenn es dumm läuft, auch teilen. Meine Freundin ist Lehrerin!

  20. Axagon sagt:

    Super! Die Langelandfähre diente mir immer als Zubringer für den Zelturlaub! Gemeiert haben wir erst, wenn das Zelt in Bagenkop stand…

  21. henker sagt:

    ich dachte immer bei meiern handelt es sich um das hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Schocken und nich um mäxchen

  22. henker sagt:

    ein zusatz: in aachen heißt schocken meiern ;-)

  23. falko sagt:

    Wie geil, meine Oma wohnt in Langeland… es ist allerdings das/ein Dorf in Deutschland gemeint ;)

  24. max sagt:

    das foto zeigt nicht die faehre, auf der die butterfahrten damals durchgefuehrt wurden sondern die, die nach dem ende der duty-free-zeit eingetretenen pause kurzzeitig wieder angeschafft wurde, um die verbindung wieder zu beleben. leider erfolglos.

    wir alle erinnern uns sicher noch an die wahren faehren, die langeland zwei bzw. drei und die final eingesetzte apollo. war uebrigens standesgemaess auf der letzten fahrt im zeitalter der butterfahrten an bord.

  25. tobwe sagt:

    diese verdummung ist mies. nachwievor: das foto zeigt nicht die fähre, die damals zwischen ki und bagenkop verkehrte. wenn schon tricksen dann ehrlich, alter.

    auch sonst scheint einiges arg frisiert. dann doch bitte true stories, finde ich.

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